EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel | REUTERS
Interview

Anleihekäufe der EZB "Anreize für Klimaneutralität setzen"

Stand: 14.09.2022 21:01 Uhr

Die EZB hat jahrelang für Milliardensummen Anleihen von Konzernen gekauft, die viel CO2 ausstoßen. Das soll sich nun ändern. Notenbank-Direktorin Isabel Schnabel erklärt im Interview, woran sich die Währungshüter künftig orientieren.

tagesschau.de: Bislang hat die Europäische Zentralbank Unternehmensanleihen nach rein ökonomischen Kriterien gekauft - wie zum Beispiel der Kreditwürdigkeit. Warum wollen Sie das jetzt ändern?

Isabel Schnabel: Das hat damit zu tun, dass der Klimawandel die wirtschaftliche Entwicklung ganz fundamental beeinflusst und damit natürlich auch die Inflation. Unser primäres Mandat ist die Preisstabilität. Ich kann ein paar Beispiele nennen: Also wenn wir ein Extremwetterereignis haben, eine Dürre, eine Überflutung, dann kann das zu Missernten führen. Und das hat Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise. Wenn der Pegelstand in den Flüssen sehr niedrig ist und der Transport über die Flüsse nicht mehr möglich ist, dann führt das zu steigenden Transportkosten. Und das hat wieder Auswirkungen auf die Inflation.

Deshalb liegt tatsächlich das Thema Klima im Kernbereich unserer Tätigkeiten. Das Ziel ist letztlich, die Klimarisiken in unserer Bilanz zu senken und den Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft zu unterstützen.

EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel | picture alliance/dpa
Zur Person

Isabel Schnabel ist seit 2020 Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank und zudem Professorin für Finanzmarktökonomie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Von 2014 bis 2019 gehörte sie dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung an - der in der Öffentlichkeit auch unter dem Begriff "Wirtschaftsweise" bekannt ist.

tagesschau.de: Wie entscheiden Sie künftig, welche Unternehmensanleihen Sie kaufen?

Schnabel: Bislang haben wir uns am Prinzip der Marktneutralität orientiert. Das bedeutet, dass wir die Anleihen, die wir kaufen, in dem Verhältnis auswählen, wie sie am Markt verfügbar sind. Dann haben wir aber festgestellt, dass das dazu führt, dass wir den emissionsintensiven Unternehmen ein besonders hohes Gewicht geben. Das hat damit zu tun, dass das häufig Unternehmen sind, die mehr Anleihen emittieren, weil ihr Geschäft kapitalintensiver ist.

Das möchten wir jetzt ändern, indem wir zusätzlich Klimaaspekte berücksichtigen. Wir haben drei Kriterien, die wir berücksichtigen werden: Das erste sind die Treibhausgasemissionen des Unternehmens, das zweite sind die Pläne, wie sich diese Treibhausgasemissionen in der Zukunft entwickeln werden. Und das dritte ist die Qualität der Klimaberichterstattung, also der Offenlegung klimabezogener Aspekte. Auf dieser Basis werden wir dann entscheiden, welche Anleihen wir zu welchen Volumina kaufen.

"Bis 2050 Klimaneutralität erreichen"

tagesschau.de: Aktuell haben Sie in Ihren Büchern noch ein deutliches Übergewicht von Unternehmen mit hohen CO2-Emissionen. Bis wann planen Sie ein klimaneutrales Portfolio?

Schnabel: Unser Ziel ist, dass sämtliche Aktivitäten im Einklang stehen mit den Klimazielen der EU. Das heißt letztlich müssen wir sicherstellen, dass wir spätestens bis zum Jahr 2050 Klimaneutralität erreichen. Das hängt natürlich auch davon ab, wie die Unternehmen reagieren, also in welchem Umfang die Unternehmen die Emissionen senken. Und das wird am Ende des Tages sogar viel, viel wichtiger sein.

tagesschau.de: Heißt das, dass Sie die Anleihen, die bei Ihnen im Moment für eine hohe CO2-Intensität sorgen, nicht mehr kaufen?

Schnabel: Nein, das heißt es nicht, sondern das heißt nur, dass sie in geringerem Maße nachgekauft werden als bislang. Wir können natürlich nicht auf einen Schlag sagen, wir kaufen jetzt nur noch Anleihen von den Unternehmen, deren Emissionen sehr, sehr gering sind. Das wäre auch deshalb falsch, weil es darum geht, Anreize zu setzen, diesen Übergang zur Klimaneutralität zu schaffen und damit die Emissionen zu reduzieren. Bei diesem Übergang spielen die Unternehmen, die besonders emissionsintensiv sind, auch eine besonders wichtige Rolle. Das heißt: Gerade diesen Unternehmen muss man den Anreiz geben, ihre Emissionen zurückzufahren.

tagesschau.de: Sie sprechen da den Punkt an, dass zum Beispiel die Stahl- und die Chemieindustrie derzeit sehr hohe Emissionen haben. Viele dieser Unternehmen entwickeln gerade Pläne, wie sie dekarbonisieren können, und brauchen dafür natürlich sehr, sehr viel Geld. Werden denn auch Kohle-, Öl oder Gas-Konzerne weiter einen Platz in Ihrem Portfolio finden?

Schnabel: Ja, die haben nach wie vor einen Platz, aber eben einen immer kleineren Anteil. Dieser Anteil wird schrittweise zurückgeführt. Aber in dem gleichen Prozess werden auch diese Unternehmen sich verändern und werden stärker auf erneuerbare Energien setzen. Und dadurch können sie dann ihren Anteil natürlich auch wieder erhöhen.

tagesschau.de: Haben Sie nicht die Sorge, dass Ihnen die Zeit davonläuft?

Schnabel: Das ist natürlich die generelle Frage bei der gesamten Klimapolitik. Und ich glaube, es ist schwer, zu dem Schluss zu kommen, dass wir nicht zu langsam sind. Es deutet vieles darauf hin, dass wir zu langsam sind, dass mehr geschehen muss. Aber das Tempo zu erhöhen, ist dann die Aufgabe der Politik. Und wir können nur unterstützend tätig werden.

"Verbesserungsbedarf in allen Bereichen"

tagesschau.de: Sie haben als Aufseherin der europäischen Banken im Sommer auch die Banken in Europa einem Klimastresstest unterzogen. Das Ergebnis war vergleichsweise ernüchternd. Wenn Sie das, was sie von den europäischen Banken verlangen, auf Ihr Portfolio übertragen, wie gut sind Sie dann schon für Klimarisiken gewappnet?

Schnabel: Die Bewertung von Klimarisiken ist auch für die EZB ein recht neues Thema. Im Kontext der Strategieüberprüfung haben wir uns letztes Jahr das erste Mal explizit zum Klimaschutz bekannt. Jetzt ist das Teil unserer institutionellen Strategie. Und auch wir müssen da einiges tun. Wir machen auch einen Klimastresstest für unsere eigene Bilanz.

tagesschau.de: Mit welchem Ergebnis?

Schnabel: Das kann ich Ihnen tatsächlich noch nicht sagen, weil die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch da deutlichen Verbesserungsbedarf gibt. Und zwar in allen Bereichen, also bei den geldpolitischen Portfolios ist einiges zu tun, aber natürlich auch bei allem, was wir sonst so machen. Wir haben Mitarbeiter, die reisen, wir müssen das Gebäude heizen. All diese Dinge werden auf den Prüfstand gestellt. Und wir versuchen, in all diesen Bereichen hinzukommen zur Klimaneutralität. Je schneller, desto besser.

Das Interview führte Verena von Ondarza, Plusminus-Redaktion, für tagesschau.de.