Hände halten Geldscheine (Euro). | picture alliance/dpa
Analyse

Kampf gegen hohe Teuerung Was der Zinsschritt im Alltag bedeutet

Stand: 08.09.2022 18:19 Uhr

Nie zuvor hat die EZB die Zinsen so stark angehoben wie heute. Dass die Währungshüter die Rekordinflation damit schnell eindämmen können, ist fraglich. Verbraucher werden die Folgen trotzdem deutlich zu spüren bekommen.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Es ist ein historischer Beschluss: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen für den Euro-Raum um 0,75 Prozentpunkte erhöht. Solch einen "Jumbo-Schritt" hat es seit der Einführung des Euro-Bargelds 2002 noch nie gegeben. "Wir hatten unterschiedliche Ansichten am Tisch, eine gründliche Diskussion, aber das Ergebnis unserer Diskussionen war eine einstimmige Entscheidung", sagte Präsidentin Christine Lagarde heute auf der Pressekonferenz in Frankfurt.

Till Bücker

Die zweite geldpolitische Straffung binnen weniger Wochen war erwartet worden. Schon im Juli hatten die Währungshüter erstmals seit 2011 die Zinsen angehoben und damit die Abkehr ihrer jahrelangen Nullzinspolitik eingeleitet. Wie geht es mit den Preisen jetzt weiter? Und welche Veränderungen bringt das für den Alltag mit sich?

Kreditzinsen dürften weiter steigen

"Die Zinserhöhung wird schon in relativ kurzer Zeit zu spüren sein für Verbraucher, die zum Beispiel einen Kredit aufnehmen wollen, um ein Haus zu kaufen", sagt Emanuel Mönch, Professor für Geldpolitik und Finanzmärkte an der Frankfurter School of Finance & Management, im Gespräch mit tagesschau.de. Denn besonders die Kreditzinsen für Immobilien und Unternehmen würden sich relativ zügig mit den Leitzinsen bewegen.

Dabei spielen vor allem die sogenannte Hauptrefinanzierungsfazilität und der Spitzenrefinanzierungssatz eine Rolle, zu denen sich Geschäftsbanken frisches Geld bei der EZB besorgen können. Der Hauptrefinanzierungssatz, der für Laufzeiten ab einer Woche gilt, liegt nach der heutigen Entscheidung in der Euro-Zone bei 1,25 Prozent und damit so hoch wie seit über zehn Jahren nicht mehr. Die Kosten der Geldhäuser, sich Geld zu beschaffen, klettern nach oben. Die Folge: Auch die Kredite für Haushalte und Firmen werden teurer. Denn in der Regel geben die Banken die gestiegenen Kosten direkt an Verbraucher und Unternehmen in Form höherer Zinsen weiter.

Die Immobilienbranche rechnet wegen der kräftigen Leitzinserhöhung schon bald mit teureren Finanzierungen für Käufer. "In der Folge werden jetzt wohl Zinsen für Immobilienkredite weiter steigen und den Druck auf den Wohnimmobilienmarkt erneut erhöhen", sagte Oliver Wittke, Hauptgeschäftsführer des Zentralen Immobilien-Ausschusses (ZIA). Auch der Kreditvermittler Interhyp geht nach der EZB-Entscheidung von "weiter leicht steigenden Bauzinsen" in den nächsten Monaten aus, so Mirjam Mohr, Vorständin für das Privatkundengeschäft. "Bis zum Jahresende erwarten wir Zinsen um etwa 3,5 Prozent für zehnjährige Darlehen." Die Bauzinsen seien schon jetzt von 2,7 Prozent im August auf derzeit rund 3,2 Prozent geklettert.

Nur ein Scheineffekt für Sparer

"Die höheren Zinsen sind jedoch nur eine Seite der Medaille", erklärt Christina Bannier, Professorin für Banking & Finance an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Auf der anderen Seite stelle sich die Frage, ob Interessenten überhaupt noch einen Kredit erhalten. "Wenn eine Bank eine Anfrage bekommt, prüft sie den potenziellen Kreditnehmer sehr gründlich und macht sich Gedanken, ob dieser sich die teureren Zins- und Tilgungszahlungen in der Zukunft leisten kann", so die Expertin, gegenüber tagesschau.de. Dazu komme die Gefahr einer Rezession, die Jobverluste und Einkommenseinbußen bedeuten kann. Die Kreditvergabe könne daher deutlich strenger werden - gerade bei langlaufenden Immobilienkrediten.

Der dritte Leitzins, der ebenfalls um 0,75 Prozentpunkte auf künftig 0,75 Prozent erhöht wurde, ist die sogenannte Einlagefazilität. Zu diesem Satz werden Übernachtanlagen von Banken bei der EZB verzinst. Nach jahrelangen Strafzinsen können sie künftig wieder Geld verdienen, wenn sie überschüssige Liquidität bei der Notenbank parken. Das ist auch eine gute Nachricht für Sparer, denn die Geldhäuser hatten den Minuszins in den vergangenen Jahren in Form eines Verwahrentgelts an ihre Kunden weitergeleitet. Viele mussten daher für ihr Guthaben auf Girokonten Zinsen an ihre Bank zahlen und bekamen im Gegenzug für ihre Sparkonten so gut wie nichts zurück. Damit ist nun Schluss - wenn auch nicht sofort.

Die Banken reagierten "immer etwas abwartend, bis sie den steigenden Zins umgekehrt an ihre Kunden weitergeben", sagt Bannier. Dennoch werde es "definitiv kommen". In Zukunft können sich die Sparer also wieder steigende Zinsen für Tagesgeld- oder Festgeldkonten erwarten. Allerdings dürfe man sich davon nicht täuschen lassen, warnt die Ökonomin: "Der Effekt ist vorerst nur ein scheinbarer, da wir im Moment eine wahnsinnig hohe Inflation haben. Die frisst die zusätzliche Kaufkraft durch das gesparte Geld derzeit komplett weg." Für einen wirklich spürbaren Effekt müsse der Zins auf die Sparkonten noch viel stärker steigen oder die Inflation stärker zurückgehen.

Differenzen zwischen Theorie und Praxis

Letzteres strebt die EZB mit ihrem beispiellosen Schritt nun an. Vor allem wegen der teuren Energie als Folge des Ukraine-Kriegs hat die Inflation in der Euro-Zone mittlerweile ein Rekordniveau von 9,1 Prozent erreicht. Die Teuerung ist damit mehr als vier Mal so hoch wie das Stabilitätsziel von jährlich zwei Prozent. Die ökonomische Lehre besagt, dass höhere Zinsen Investitionen für Unternehmen kostspieliger machen. Zudem schwächen sie den privaten Konsum durch teurere Kredite ab. Verbraucher werden dazu verleiten, mehr Geld zu sparen anstatt es auszugeben. Unternehmen bleiben wiederum auf ihren Waren sitzen. 

Das gewünschte Ergebnis: sinkende Preise. Doch wie realistisch ist das? "Ich glaube, dass dieser Zinsschritt absolut notwendig war. Ich glaube aber gleichzeitig, dass er nicht ausreichen wird, die Inflation deutlich spürbar einzudämmen", sagt Experte Mönch. Denn ein Großteil der Inflation sei auf Lieferketten-Engpässe und die höheren Energiepreise zurückzuführen. "Das sind Entwicklungen, die die Zinspolitik der Zentralbank nicht wirklich beeinflussen kann." Trotzdem trage die Zinserhöhung zu einer Abschwächung der Wirtschaft bei, was die Nachfrage drossele und damit letztlich auch die hohen Preise ein wenig abmildere.

Volkswirtin Bannier sieht es ähnlich und verweist auf fehlende Erfahrungen mit der aktuellen Situation: "Bisher hat die Zentralbank versucht, auf nachfrageseitige Probleme einzuwirken. Die derzeitigen Schwierigkeiten in Europa sind jedoch auf der Angebotsseite und dazu auch noch sehr vielschichtig: der Ukraine-Krieg, die Energiekrise, Lebensmittelprobleme, Nachwirkungen der Corona-Krise und eine extrem hohe Staatsverschuldung." Daher sei kaum vorhersehbar, wie sich die höheren Zinsen konkret auswirken.

Wie geht es weiter?

Die EZB hat angekündigt, die Zinsen auf ein Niveau zu bringen, das eine baldige Rückkehr der Inflation zur Zielmarke ermögliche. Zwar hob die Notenbank ihre Inflationsprognosen für das laufende Jahr angesichts des anhaltenden Preisschubs bei Energie, Lebensmitteln und anderen Gütern auf 8,1 Prozent an. 2023 werde die Inflation aber voraussichtlich nur noch bei 5,5 Prozent liegen.

Experte Mönch ist anderer Meinung: "Ich glaube, dass die Inflation zunächst noch ansteigen wird. Meine Annahme ist, dass die Energiepreise in der kurzen Frist nicht zurückgehen, sondern eher weiter nach oben." Außerdem hätten die Gewerkschaften in den Tarifverhandlungen hohe Forderungen, sodass steigende Lohne die Inflation zusätzlich anheizen könnten. "Kurzfristig sehe ich keine Entwicklungen, die zu starken Rückgängen führen könnten. Die Dämpfung der Nachfrage durch höhere Zinsen wird zwar einen Beitrag leisten - aber eher langsamer als schneller."

"Im Moment ist es extrem schwierig, eine Prognose zu geben", sagt Bannier. Zudem gebe es eine weitere negative Folge: "Höhere Zinsen bedeuten auch für den Staat teurere Kredite. Die Refinanzierung wird schwieriger werden." In Kombination mit einer schwächelnden Konjunktur bedeute das "über kurz oder lang Steuererhöhungen, um die Staatsverschuldung stemmen zu können". Ein weiterer Kostenpunkt also, auf den sich Verbraucher im Euro-Raum in Zukunft einstellen müssen - neben den höheren Zinsen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. September 2022 um 18:00 Uhr.