Grünen-Spitzenpolitiker feiern das Ergebnis der Europawahl | Bildquelle: dpa

Europawahl-Ergebnis Grüne Gewinner

Stand: 27.05.2019 03:08 Uhr

Die Grünen sind der große Gewinner der Europawahl in Deutschland. Sie verdrängen die SPD von Platz zwei, die regelrecht abstürzt. Auch die Union verliert viel, bleibt aber stärkste Kraft. Deutlich zulegen können die kleinen Parteien.

Schwere Schlappe für die Parteien der Großen Koalition: Union und SPD haben bei der Europawahl in Deutschland historisch schlecht abgeschnitten. Trotzdem bleiben CDU und CSU zusammen stärkste Kraft. Die Union erreicht nach dem vorläufigen Ergebnis 28,9 Prozent - 6,5 Punkte weniger als bei der Europawahl vor fünf Jahren (35,4 Prozent) und schneidet auch deutlich schlechter ab als bei der Bundestagswahl 2017 (32,9 Prozent). Die CDU steuerte 22,6 Prozent zum Ergebnis der Unionsparteien bei, die CSU 6,3 Prozent

CDU verliert deutlich

Die herben Verluste gingen dabei auf das CDU-Konto, nicht das der bayerischen Schwester CSU. Ein Grund dafür könnte Spitzenkandidat Manfred Weber sein. Der CSU-Politiker war nationaler und europäischer Spitzenkandidat der christlich-konservativen Parteienfamilie EVP und damit ein Anwärter auf den Top-Job in Brüssel: Weber möchte Kommissionspräsident werden.

Die Union habe ihr Wahlziel erreicht, stärkste Kraft zu werden, sagte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Und die EVP werde voraussichtlich stärkste Kraft im Europaparlament. Dies untermauere den Anspruch, dass EVP-Spitzenkandidat Weber neuer Präsident der EU-Kommission werde. Ähnlich äußerte sich CDU-Vizechefin Ursula von der Leyen in der ARD. Weber stehe "in der Pole Position".

Die SPD stürzt ab

Für die SPD endet die Europawahl im Fiasko - und noch schlimmer als befürchtet. Zweistellige Verluste muss die Partei um Spitzenkandidatin Katarina Barley verdauen. Laut Hochrechnung kommt die SPD gerade noch auf 15,8 Prozent - vor fünf Jahren hatte sie noch 27,3 Prozent erreicht. Damit fällt die SPD auf Platz drei zurück - weit abgeschlagen hinter den Grünen. Es ist auch eine Niederlage für Partei- und Fraktionschefin Andrea Nahles, die Barley zur Kandidatur gedrängt hatte.

Nahles nannte das Ergebnis denn auch "extrem enttäuschend". Ähnlich äußerte sich SPD-Vize Olaf Scholz. In der ARD wandte er sich zudem klar gegen Personaldebatten: "Der Ruf nach personellen Konsequenzen führt nicht weiter", so Scholz. In den vergangenen Tagen war Parteichefin Nahles massiv unter Druck geraten.

Barley selbst erklärte: "Ich habe alles gegeben, was ich konnte. Mehr ging nicht." Ein Grund für das schlechte Abschneiden ihrer Partei seien auch Versäumnisse beim Thema Klimaschutz.

Die Grünen jubeln

Für die Grünen hingegen geht der Höhenflug weiter. Sie haben allen Grund zum Jubeln, erstmals bei einer bundesweiten Wahl klettern sie auf den zweiten Rang. Sie konnten vor allem mit dem Thema Klimaschutz punkten: Die Grünen gewinnen von SPD und Union jeweils mehr als eine Million Wähler: laut Infratest-dimap-Analyse 1,29 Millionen von der SPD und 1,11 Millionen von der Union. Bei jungen Wählern und in Großstädten wie Berlin, Hamburg und München wurden sie stärkste Kraft.

Insgesamt verdoppeln sie ihr Ergebnis: von 10,7 Prozent 2014 auf jetzt 20,5 Prozent. Spitzenkandidatin Ska Keller sprach von einem "sensationelles Ergebnis" und einer "grandiosen Teamleistung". "Für uns ist es ein Auftrag und eine Verantwortung die Dinge umzusetzen, vor allem im Klimaschutz", fügte sie in der ARD hinzu.

Die Linkspartei blieb mit 5,5 Prozent hinter ihren Erwartungen und auch hinter ihrem Ergebnis von 2014 (7,4 Prozent) zurück. Parteichef Bernd Riexinger reagierte entsprechend enttäuscht. Europawahlen seien für seine Partei noch nie ein einfaches Feld gewesen, sagte Riexinger im ZDF. Trotzdem habe seine Partei ein "besseres Ergebnis erwartet und verdient gehabt". Ähnlich äußerte sich Spitzenkandidat Martin Schirdewan.

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Wählerwanderungen

Bild: Wanderung Union

AfD und FDP legen leicht zu

Die AfD kann zulegen, jedoch weniger als in Umfragen vorhergesagt. Die Partei, die als einzige im Bundestag vertretene Kraft einen wirklich EU-kritischen Wahlkampf machte, kommt auf 11,0 Prozent - vor fünf Jahren lag die AfD bei 7,1 Prozent. "Wir gehen nach Brüssel, um die EU zu reparieren, um sie auf ihre Kernaufgaben zu reduzieren", sagte Spitzenkandidat Jörg Meuthen. Die AfD habe in Brüssel jetzt eine "bärenstarke Gruppe". Man werde auch in der EVP Partner suchen, etwa die Fidesz-Partei von Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban.

Die FDP kann ihr Ergebnis von 2014 ebenfalls verbessern. Sie kommt nun auf 5,4 Prozent - nach 3,4 Prozent im Jahr 2014. Parteichef Christian Lindner sieht es positiv: "Wir sind heute Abend kein großer Wahlgewinner, aber wir sind ein kleiner Wahlgewinner."

Runde der Spitzenkandidaten für die Europa-Wahl in Deutschland
tagesschau 20:00 Uhr, 26.05.2019

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Zulauf für kleine Parteien

Wahlgewinner sind auch die kleinen Parteien, also die "Sonstigen": Sie kommen zusammen auf12,9 Prozent - knapp 5 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Da es derzeit keine Sperrklausel bei der Europawahl in Deutschland gibt, hatten sie gute Chancen, Mandate erobern und Abgeordnete nach Brüssel beziehungsweise Straßburg schicken. Das machte sie offenbar für viele Wähler attraktiv: Sieben Parteien konnten Mandate erringen: Die Freien Wähler und Die Partei holten jeweils zwei Sitze. Die Piratenpartei, die Tierschutzpartei, Volt, die ÖDP und die Familien-Partei errangen je einen Sitz.

Rekord-Wahlbeteiligung

Das Interesse an der Europawahl war diesmal so hoch wie lange nicht. Die Wahlbeteiligung lag in Deutschland bei 61,4 Prozent - ein Rekord seit der Wiedervereinigung Deutschlands. Bei der ersten gesamtdeutschen Wahl 1994 lag sie bei 60 Prozent, danach nahm sie stetig ab.

Ebenfalls im Gegensatz zu vorangegangenen Europawahlen war diese Wahl keine Denkzettelwahl für die Bundesregierung, sondern laut einer Vorwahlerhebung von Infratest dimap eine Wahl für Europa. Der Brexit, die Regierungskrise in Österreich, rechtspopulistische Regierungen wie in Italien oder Ungarn - all das mobilisierte offenbar viele Menschen in Deutschland, für das europäische Projekt Partei zu ergreifen.

Über dieses Thema berichtet tagesschau24 am 27. Mai 2019 um 09:00 Uhr.

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