Ermittler der Kriminalpolizei im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach

Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach Kaum zu ertragen

Stand: 17.08.2020 04:04 Uhr

Wenn heute einer der zentralen Verdächtigen des Missbrauchskomplexes Bergisch Gladbach vor Gericht steht, dann ist das auch der Erfolg der Ermittlungsgruppe Berg. Die Kriminalisten analysieren jedes Detail - und gehen dabei an ihre Grenzen.

Von Jens Eberl, WDR

Konzentriert sitzen Lisa Wagner und Carsten Hambloch vor dem großen Doppelmonitor. Die beiden sind Kriminalbeamte in der Ermittlungsgruppe Berg. Die Polizisten versuchen Kinder zu befreien, weil sie sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind, vergewaltigt werden - oft von Menschen, denen sie eigentlich vertrauen.

Hambloch hat seine Kollegin zu sich gerufen, weil er vielleicht einen Treffer gelandet hat: "Ich meine, die Wohnung von dem Beschuldigten zu erkennen, an der Tapete. Wenn du das vergleichst, mit dem anderen Bild, könnte das passen …"

Prozess gegen zentralen Verdächtigen im Missbrauchskomplex Bergisch-Gladbach beginnt
tagesschau14:00 Uhr, 17.08.2020, Torsten Beermann, WDR

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Jedes Detail kann entscheidend sein

Es ist eine akribische Puzzlearbeit. Auf jedes Detail in Videos, Fotos und Chats achten die Mitarbeiter der Ermittlungsgruppe Berg. Gigantische Mengen an Datenmaterial müssen sie auswerten, in der Hoffnung, irgendwann ein Kind oder einen Täter identifizieren zu können.

"Wenn wir Hinweise darauf haben, dass jemand für einen Missbrauch verantwortlich ist bei dem jeweiligen Video, dann gucken wir in jeder Hundertstel der Sequenz nach irgendwelchen Hinweisen, sei es nach Geräuschen, sei es, dass man draußen einen Zug hört oder ein Flugzeug", erklärt Ermittler Hambloch. "Wir gucken wirklich nach den kleinsten Hinweisen und haben einen sehr hohen Antrieb, danach die Täter zu kriegen."

Riesige Mengen kinderpornografischen Materials

Alles begann mit dem Fall eines 43-jährigen Familienvaters aus Bergisch Gladbach, der seiner 2017 geborenen Tochter immer wieder sexuelle Gewalt zugefügt haben soll. Beim ersten Mal soll das Kind nur wenige Monate alt gewesen sein. Bei Durchsuchungen des Hauses des Angeklagten fanden die Ermittler riesige Mengen kinderpornografischen Materials aber auch digitale Kontakte zu anderen Männern. Heute muss er sich vor dem Landgericht Köln dafür verantworten.

Michael Esser, Leiter der Ermittlungsgruppe "Berg", sitzt im Polizeipräsidium an einem Computer | Bildquelle: dpa
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Michael Esser, Leiter der Ermittlungsgruppe "Berg": Taten, die jedes Maß an Vorstellungskraft übersteigen

Der Leiter der Ermittlungsgruppe, Michael Esser, spricht von einer neuen Dimension. Auffallend sei das brutale Vorgehen der Täter. Es gebe Hinweise darauf, dass sich die Täter gegenseitig perverse Tipps gäben. "Es geht darum, wie man Kinder gefügig macht, wie man sie auch unter Betäubung setzen kann, damit sie die Schmerzen nicht erleiden müssen, die dann beim Missbrauch auch tatsächlich entstehen."

"Das Schlimmste, was man sich so vorstellen kann"

Genauer ins Detail gehen wolle er nicht, aber der Chefermittler betont immer wieder, dass die Taten jedes Maß an Vorstellungskraft übersteigen. "Da sprechen wir von schwersten Vergewaltigungen bis hin zu Schädigungen mit Gegenständen; das Schlimmste was man sich so vorstellen kann."

Erstaunt seien die Ermittler auch immer wieder darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit die Männer über ihre Taten sprechen oder sich damit sogar brüsten. In den Chatgruppen, in denen sich teilweise mehr als 1000 Teilnehmer befinden, herrsche ein Klima, das den Eindruck erwecke, als sei dieser Umgang mit Kindern völlig normal.

Einige haben sich krankgemeldet

Die Arbeit der Ermittler ist schwer. Viele Videos und Bilder seien kaum zu ertragen. Einige Polizisten haben sich bereits krankgemeldet. Sie brauchen eine Pause vom Grauen. Pausen sollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ermittlungsgruppe ausreichend bekommen - immer, wenn sie sie brauchen. Sie sitzen zusammen in einem Büro, damit sie sich zu jeder Zeit gegenseitig ansprechen können. Ein Polizeipsychologe betreut diejenigen, die Hilfe benötigen.

Inzwischen verfolgen die Ermittler mehr als 30.000 Spuren. Bei ihrer Arbeit konzentrieren sie sich vor allem darauf, Kinder zu identifizieren, die sich unmittelbar in Gefahr befinden. Dazu achten sie auch auf Kommentare in Chats, die mit den Taten erst einmal nichts zu tun haben.

Antrieb: Festnahme

"Da werden auch teilweise alltägliche Dinge ausgetauscht, da werden auch Aussagen über den Urlaub gemacht, da werden Hinweise auf früher benutzte Fahrzeuge oder andere Vereine gegeben. All diese Erkenntnisse führen dann letztendlich zu einem Gesamtbild", so Chefermittler Esser.

Und so kommt es immer wieder dazu, dass die Ermittler zugreifen, einen Täter festnehmen und ein Kind befreien können. Das gebe allen hier den Antrieb, Tag für Tag mit der schweren und belastenden Arbeit weiterzumachen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. August 2020 um 12:00 Uhr.

Korrespondent

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Jens Eberl, WDR

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