Hagenshof | Bildquelle: WDR

Migranten in Duisburg-Hagenshof Viele Nationen, ein großes Herz

Stand: 13.12.2018 12:20 Uhr

Menschen aus 40 Nationen wohnen im Stadtteil Duisburg-Hagenshof. Es sind neu angekommene Flüchtlinge und Migranten, die schon lange dort leben. Wie funktioniert das Zusammenleben?

Von Male Stüssel, WDR

Wenn Horst Salmagne durch Hagenshof fährt, winkt ihm fast jeder Bewohner freundlich zu. Der Rentner ist hier der "heimliche" Bürgermeister. Bis Anfang des Jahres hat er als sogenannter Stadtteilmanager in Hagenshof gearbeitet. In den 1970-er Jahren war die Wohnungsnot in Duisburg besonders groß. Hagenshof wurde als Sozialsiedlung angelegt. Viele Spätaussiedler haben hier eine neue Heimat gefunden. Noch immer wohnen viele Deutschrussen in dem Viertel. Bereits damals war Horst Salmagne vor Ort, als Mitarbeiter des Wohnungsamtes.

Ein Viertel als Sprungbrett in ein neues Leben

2015 und 2016 war dieser Teil Duisburgs erneut Anlaufstelle für Neuankömmlinge. Die Stadt mietete zahlreiche Wohnungen für Flüchtlinge an, die noch im Asylverfahren steckten. Sobald der Aufenthaltsstatus geklärt war, sollten sie ausziehen. Auf einmal wurde das Hochhausviertel wieder belebter. Hagenshof wurde zum Sprungbrett in ein neues Leben.

Im Zentrum der Siedlung leben etwa 3000 Menschen. In den Hochzeiten des Flüchtlingszuzugs waren es schon mal mehr. "Zwischen 600 bis 800 Flüchtlinge wurden in Hagenshof untergebracht", erzählt Horst Salmagne mit seiner tiefen rauchigen Stimme, während wir mit dem Auto durch die verwinkelten Straßen und Hinterhöfe fahren.

Horst Salmagne | Bildquelle: WDR
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Horst Salmagne gilt als "heimlicher Bürgermeister" Hagenshofs. Er hat ein Auge auf das Zusammenleben im Viertel.

Menschen aus 40 Nationen an einem Ort

Salmagne, seit 2007 Stadtteilmanager, wollte immer schon genau wissen, wer da wohnt. 25 Prozent sind deutsche Bewohner, eine deutliche Mehrheit, nämlich 75 Prozent, haben einen Migrationshintergrund.

In den Häusern leben Menschen aus rund 40 Nationen zusammen: Türken, Albaner, Syrer, Iraker, Afghanen, Polen und Deutsche. Von der Situation 2015 sei man überrascht worden. "Wir wussten nicht, was das mit dem Stadtteil anrichtet", schildert Salmagne. Schnell habe es Gerüchte gegeben, dass aus dem Baumarkt um die Ecke eine Flüchtlingsunterkunft werden sollte.

Als die Stadt auch noch Wohnungen anmietete und möblierte, standen die ersten Anwohner verunsichert bei Salmagne in der Sprechstunde. "Zu dem Zeitpunkt waren schon 80 Flüchtlinge da. Das war aber niemandem so richtig aufgefallen", erzählt er mit einem Lächeln.

Flüchtlingskrise keine Krise im Viertel

Der Zuzug von Flüchtlingen hat nach Auffassung von Salmagne keine großen Probleme gebracht. Zumindest nicht mehr als sonst. Zwar habe es vereinzelt Menschen gegeben, die sich nicht benommen hätten. Und es sei auch mal eine Couch aus dem Fenster geflogen, aber insgesamt fällt sein Fazit positiv aus: "Die Flüchtlingskrise hat hier als Krise nicht stattgefunden."

Mit einer Einschränkung: Als zwischenzeitlich geplant wurde, alleinstehende geflüchtete Männer in dem leeren Gebäude der Hauptschule unterzubringen, war Salmagne in Sorge. In direkter Nachbarschaft zu einem Kindergarten, einem Altenheim und einem Sportplatz. Er ist froh, dass das Vorhaben nicht realisiert wurde, und stattdessen Familien zeitweise in der Schule untergebracht wurden.

Hagenshof | Bildquelle: WDR
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Für viele gilt Hagenshof als Sprungbrett - einige bleiben hier hängen.

Treffpunkt für alle: das Bürgerhaus

Ein Ort, an dem alle zusammenkommen, ist heute das Bürgerhaus. Wir treffen Sozdar Murad. "Das hier ist fast mein zweites Wohnzimmer. Wenn das weg wäre, wüssten wir nicht, wohin." Sozdars Eltern sind in den 1990-er Jahren aus Syrien nach Deutschland geflohen. Er ist in Hagenshof aufgewachsen. "Das ist meine Nachbarschaft, meine Hood, und ich bin stolz drauf, auch wenn andere komisch gucken." Jetzt hilft er denjenigen, die hier neu sind.

Der Student erteilt im Bürgerhaus Nachhilfe in Mathe. Oder in Deutsch. "Was jemand gerade braucht." Und noch wichtiger: Er gibt gerade den jüngeren Menschen Orientierung. Zum Beispiel Saef, der vor drei Jahren mit der Familie aus dem Irak floh. Ihm sagt Sozdar, wer für ihn gut ist und vom wem er sich im Viertel lieber fern halten sollte.

Hilfsbereitschaft ist wichtig

Saef ist wie ein kleiner Bruder für den 1,97 Meter großen jungen Mann. Als "Bruder" bezeichnet Sozdar jemanden, mit dem man lachen kann und der hilfsbereit ist. Mit denen fühle er sich richtig verbunden. "Hilfsbereitschaft ist total wichtig." Als Saefs Familie eine Wohnung brauchte, hat Sozdar sich im Viertel umgehört und schnell eine gefunden. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, denen zu helfen, die hier neu sind. "Meine Familie ist doch in derselben Situation gewesen."

Neben dem Bürgerzentrum gibt es noch einen wichtigen Ort für die Jugendlichen: Es ist der oberste Balkon auf dem höchsten Wohnhaus. Vom 13. Stock aus, sehen sie ihr Viertel und ganz Duisburg. Blicken sie in eine viel versprechende Zukunft?

Sozdar Murad (links) | Bildquelle: WDR
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Im Bürgerhaus hilft Sozdar Murad (li.) jungen Flüchtlingen bei Matheaufgaben oder bringt ihnen Deutsch bei.

In der Schuldenfalle

Für viele gilt Hagenshof als Sprungbrett. Man findet zumindest eine Bleibe und versucht dann wegzuziehen. Das gilt vor allem für junge Menschen. Doch einige bleiben hängen. Der Grund, der immer mehr Menschen betrifft: Kaum sind sie in Deutschland, sind sie verschuldet. Die neuen Bewohner fallen auf Vertreter an der Haustür und Verkäufer rein. Die jubeln ihnen teure Handy- und Kreditkartenverträge unter. Sie unterschätzen, dass sie sich damit schnell finanziell übernehmen können. Das erfährt der potenzielle Vermieter von der Schufa-Auskunft. Die Folgen: keine neue Wohnung.

Aber nicht nur bei den Flüchtlingen ist Verschuldung ein Problem. Auch viele ältere Bewohner lassen sich genau wie die Zugereisten von gewieften Vertretern neue Zeitschriften-, Strom- oder Internetverträge aufschwatzen.

Geschichten des Alltags

Salmagne glaubt an sein Viertel Hagenshof. Er kennt viele Erfolgsgeschichten. Der Duisburger berichtet von dem Rumänen, der freiwillig Verantwortung übernehmen und Schnee schippen wollte. Er erzählt von Anwohnern, die mit einfachen Mitteln eine Rampe in den Eingangsbereich eines Hauses gebaut hätten, weil dort viele Senioren mit Rollator wohnen.

Wenn man Salmagne zuhört, lernt man, dass die Liebenswertigkeit eines Viertels nichts mit seiner Schönheit zu tun hat. Sein Herz hängt an dem Viertel. Da ist es auch egal, dass er seit Januar im Ruhestand ist. Nach Hagenshof kommt er trotzdem jeden Tag.

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