Einheitsfeier am Brandenburger Tor am 3.10.1990 | Bildquelle: dpa

30 Jahre nach der Wende Das lange Arbeiten an der Einheit

Stand: 27.09.2020 05:04 Uhr

"Einheit vollzogen, Einheit hergestellt, Einheit erreicht" - das gelte 30 Jahre nach der Wende für viele Bereiche, sagt der Ostbeauftragte Wanderwitz. Doch noch immer gibt es Unterschiede - etwa bei Löhnen.

Von Kristin Schwietzer, ARD-Hauptstadtstudio

"Wir sind nicht der Reservekanister für den Westen": Da ist dem Wirtschaftsminister aus Sachsen diese Woche die Hutschnur geplatzt. Das kennen sie hier schon. Wann immer ein Konzern in schwieriges Fahrwasser gerate, werde als erstes darüber nachgedacht, den Standort im Osten zu schließen, sagt Martin Dulig. Dabei sei die Bus-Produktion in Plauen durchaus rentabel. Dennoch will der Mutterkonzern MAN aus München die Produktion hier einstellen. 150 Jobs stehen auf der Kippe.

Es ist eine dieser Erfahrungen, die im Osten keiner mehr ertragen kann. Keine Arbeit oder schlechter bezahlte Jobs als im Westen - das beklagen laut Bundesregierung 62 Prozent der Ostdeutschen. Und sie erfahren teilweise Zustimmung aus dem Westen. 32 Prozent sehen das 30 Jahre nach der Deutschen Einheit ebenfalls als Ungerechtigkeit gegenüber den Landsleuten aus dem Osten. Zudem fühlen sich 57 Prozent der Ostdeutschen wie Menschen zweiter Klasse. Dennoch sind 83 Prozent der Menschen im Osten insgesamt zufrieden. Im Westen sind das 91 Prozent.

Wiedervereinigung wurde als Beitritt empfunden

Ein durchwachsenes Bild für ein Volk, das seit 30 Jahren versucht, wieder zusammenzuwachsen. "Es ist eine Frage der Generationen", sagt der Soziologe Raj Kollmorgen. Kollmorgen ist Professor an der Hochschule in Görlitz. Er wurde selbst im Osten geboren und beschäftigt sich mit den Folgen der Wiedervereinigung und dem Innenleben der Ostdeutschen. Vor allem die ältere Generation fühlte sich oftmals nicht verstanden, weil sie nicht gehört wurde. Die Wiedervereinigung wurde als Beitritt, als Übernahme des westdeutschen Systems empfunden. "Ich glaube, dass dieses Bewusstsein bei vielen älteren Ostdeutschen sehr ausgeprägt ist", sagt Kollmorgen. Insbesondere in den 1990er-Jahren hätten viele den Eindruck gehabt, dass das, was sie in der Friedlichen Revolution als Ideen für den Vereinigungsprozess formuliert haben, gering geschätzt worden sei. Es herrschte die Vermutung: Der Westen sei die Norm und der Osten passe sich freundlicherweise an. Das wirke bei einigen bis heute nach.

Als die Glücksritter aus dem Westen kamen

Roberto Brandt ist Fischer auf Rügen. Seit 40 Jahren fährt er raus aufs Meer. Er war Hochseefischer in der DDR, fuhr mit großen Schiffen bis zur kanadischen Küste. Die Zeiten sind vorbei. Brandt trauert dem Sozialismus nicht hinterher. Und doch gibt es Dinge, die er vermisst oder misslich findet: "Wenn es ein Problem gibt, dann können sich die Leute heute nicht mehr vertragen. Da geht die Streiterei los. Das habe ich jetzt in diesen 30 Jahren zig Mal erfahren", sagt er.

Brandt erinnert sich auch, wie die Glücksritter aus dem Westen kamen: "Es gab Investoren, mit denen die Leute zufrieden waren. Aber es gab auch Investoren, speziell Hoteliers, die haben nur dran gedacht, wenn ein Haus fertig war, das nächste zu bauen und haben die Gehälter am untersten Level gelassen." Nun wolle keiner mehr in der Gastronomie arbeiten.

Unterschiede beim Verdienst - und auch bei den Mieten

Die Deutsche Einheit hat viele Biografien nachhaltig verändert, Häuser und Städte bunt angemalt. Doch hinter den Fassaden sind immer noch nicht alle zufrieden, auch weil es noch reale Probleme gibt. Warum verdient eine Kassiererin im Osten weniger als im Westen? Warum sitzen in den Chefsesseln der Republik nur selten Ostdeutsche? Probleme, die nicht wirklich neu sind. Die einen können sie nicht mehr hören, und die anderen müssen ständig darüber reden. Das ist nicht gerade beziehungstauglich. Aber es wird besser, sagt Kollmorgen, auch weil sich der Osten inzwischen auf einem sehr viel höheren Niveau als noch vor Jahren beklagen kann. So seien die Löhne zwar geringer, die Mieten dafür aber nach wie vor sehr viel niedriger als im Westen.

Materielle Unterschiede müssten behoben werden. Bei den mentalen Unterschieden seien aber auch die Ostdeutschen gefragt: "Die Gesellschaft muss sich da auch ein bisschen auf die eigenen Beine stellen. Denn wir haben eh im Osten das Problem, dass es doch eine gewisse Staatsfixiertheit gibt - wir gerne den Staat adressieren, um die Probleme zu lösen", sagt Kollmorgen.

Fischer Brandt hat sich vor allem auf sich selbst verlassen. Er fischt heute nicht mehr für die Genossenschaft, sondern für seine Gaststätte. Seine Gäste kommen aus der ganzen Republik. Pessimisten gebe es in Ost und West und nette Menschen überall.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 27. September 2020 um 18:05 Uhr im "Bericht aus Berlin".

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Kristin Marie Schwietzer, MDR

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