Deutsche und türkische Flagge | Bildquelle: picture alliance / dpa

Situation der Deutschtürken Die Zerrissenen

Stand: 10.09.2018 14:46 Uhr

Wie gut sind die Deutschtürken integriert? Studien zeigen: Trotz mancher Erfolgsgeschichte geht es ihnen wirtschaftlich schlechter als der Gesamtbevölkerung - und die Verbundenheit mit Deutschland sinkt.

Von Ilyas Meç, HR  

"Es gibt nichts schöneres als ein schlagendes Herz", sagt Dilek Gürsoy. Die 1976 in Neuss in eine türkische Gastarbeiterfamilie geborene Herzchirurgin war die erste Frau in Europa, die einem Menschen ein komplettes Kunstherz einsetzte. Selbstverständlich war diese Karriere nicht. Die Eltern waren einfache Fabrikarbeiter aus Anatolien, die Mutter sogar Analphabetin. Unterstützung und Hilfe in der Schule bekam sie von ihren Nachbarn, einem Lehrer-Ehepaar.

Der Sprung aus einfachen Verhältnissen in angesehene, hochbezahlte Positionen innerhalb von zwei Generationen, klappt vor allem, wenn die Kinder Mentoren haben.

"Positive Beispiele fehlen"

Insgesamt stehen die Kinder und Enkel der Gastarbeiter aber immer noch schlechter da als ihre Mitschüler ohne Migrationshintergrund: Ihr Anteil an Hauptschulen ist laut Statistischem Bundesamt doppelt so hoch wie der Durchschnitt. Während unter den 25- bis 35-Jährigen jeder Vierte einen Fach- oder Hochschulabschluss hat, trifft es demnach nur auf jeden zehnten Deutschtürken zu.

Das liegt aber nicht daran, dass die Eltern kein Interesse an Bildung hätten, sagen Forscher. Im Gegenteil: Die Bildungsaspirationen bei türkeistämmigen Eltern seien sogar höher als bei den Deutschen, sagt die Mikrosoziologin Claudia Diehl von der Universität Konstanz. "Allerdings fehlen die positiven Beispiele", sagt sie, und die Verbindungen zur Mittelschicht. Auch finanziell stünden sie an der unteren Skala. "Deswegen stehen sie im Vergleich zu den deutschen Schülern ohne Migrationshintergrund schlechter da." Es sei mehr ein soziales als ein ethnisches Problem.

Fehlende Integrationspläne

Ein wesentlicher Grund sei die Gastarbeiter-Anwerbung. Damals wurden Menschen überwiegend aus den ländlichen Regionen Anatoliens mit einer einfachen Schulbildung ins Land geholt, so Diehl. Pläne, die Kinder dieser Gastarbeiter zu integrieren, habe es aber nicht gegeben. "Es braucht einige Generationen, das aufzuholen", sagt die Soziologin. Der Trend sei aber positiv.

Die Migration der Deutschtürken sei insgesamt ein Erfolg, konstatiert auch Professor Haci-Halil Uslucan vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen. "Innerhalb nur einer Generation haben sie ihre Eltern ums mehrfache überholt", sagt er. "Wenn sie sie aber mit den Einheimischen vergleichen, stehen sie schlechter da."

Mehr Erwerbslose

Das gilt auch für die ökonomische Integration. Die Mehrheit der Deutschtürken ist wirtschaftlich schlechter dran als die Gesamtbevölkerung. Während landesweit 2016 insgesamt mehr als vier Prozent erwerbslos waren, waren es unter den Deutschtürken laut Statistischem Bundesamt mehr als doppelt so viel.

Auch hier machen sich die unterschiedlichen Startvoraussetzungen bemerkbar. Umso bemerkenswerter ist die Vielzahl der Erfolgsgeschichten. Wie die von Familie Keskin in Troisdorf bei Bonn. Anfang der 1980er-Jahre kam Nurali Keskin nach Deutschland, arbeitete als Aushilfe in einem Unternehmen für Fensterbau. Er stieg dort zum Filialleiter auf und machte sich 1998 mit seiner Ehefrau Melek selbständig. Das hochprofitable Familienunternehmen beschäftigt heute 50 Mitarbeiter.

Verbundenheit mit der Türkei steigt

Unternehmerfamilie Keskin als auch die Herzchirurgin Dilek Gürsoy fühlen sich in Deutschland zuhause - wie viele der in Deutschland lebenden Türkeistämmigen. Allerdings gibt es einen wachsenden Trend gerade auch unter jungen Deutschtürken, sich stärker mit der Türkei zu identifizieren. Laut einer aktuellen Befragung des Zentrums für Türkeistudien steigt die heimatliche Verbundenheit mit der Türkei in den vergangenen fünf bis sechs Jahren stark - während die Verbundenheit mit Deutschland abnimmt.

Migrationsforscher Uslucan sagt: "Es ist ein menschliches Bedürfnis, Teil eines größeren Kollektivs zu sein. Wenn man aber nicht Teil eines großen Kollektivs Deutschland sein kann, dann beginnen Menschen, sich ein anderes großes Kollektiv zu suchen." Und da habe sich gerade die Türkei angeboten. 

Zugespitzte Integrationsdebatte

Seit Jahren versuche die AKP-Regierung, auch über den Moscheen-Dachverband Ditib, die Deutschtürken stärker an sich zu binden. Zudem erfahre die Integrationsdebatte gerade in den vergangenen fünf Jahren eine starke Zuspitzung auf Türkeistämmige und Muslime.

Gerade nach der Causa Özil stehen die Deutschtürken wieder im Focus. Das Land will wissen, wie sie es mit Deutschland und der Türkei halten; ob sie nun Deutsche sind oder Türken. Die Vorstellung, dass gut integriert sei, wer keine emotionale Bindung mehr zur Türkei habe, sei falsch, stellt Uslucan klar. Das Lebensgefühl der Deutschtürken sei kein entweder/oder, sondern ein sowohl/als auch. Dies treffe auf die meisten Türkeistämmigen zu.

Über dieses Thema berichtete "Die Story im Ersten: Der Deutschtürken-Report" am 10. September 2018 um 22:45 Uhr im Ersten.

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