Paletten mit Desinfektionsmitteln sind auf dem Betriebsgelände der Beierdorf AG auf einem Einsatzfahrzeug der Feuerwehr verladen worden.  | Bildquelle: dpa

Desinfektionsmittel-Produktion Eine saubere Sache

Stand: 27.03.2020 05:17 Uhr

Desinfektionsmittel sind Mangelware. Mittlerweile steigen immer mehr Firmen in die Produktion ein: vom Chemieriesen BASF bis zur kleinen Schnapsbrennerei. Eine saubere Sache für Krankenhäuser - und für das Image.

Von Stephan Lenhardt, SWR

Desinfektionsmittel sind in der Coronakrise Mangelware. Hersteller wie RB Hygiene Home Deutschland GmbH in Heidelberg für das Produkt Sagrotan oder Bode Chemie in Hamburg für Sterilium arbeiten laut Medienberichten bereits seit längerer Zeit deshalb in Sonderschichten.

Laut der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" schätzt Christoph Berg, Geschäftsführer des auf die Ethanol-Branche spezialisierten Analysehauses F.O. Licht, den Mehrbedarf an Reinalkohol zur coronabedingten  Mehrproduktion von Desinfektionsmitteln auf 20 Millionen Liter - pro Monat.

Chemie-Industrie als Vorreiter

Unterstützung kommt nun von vielen Unternehmen, die eigentlich mit Desinfektionsmitteln wenig oder nur am Rande zu tun haben. "Helping Hands" - so nennt beispielsweise die BASF ihre Aktion. Der Konzern hat seine Produktion umgestellt. Einige tausend Liter Desinfektionsmittel produziert die BASF nach eigenen Angaben täglich. Sie beliefert vor allem Krankenhäuser in der Region. "Wir wollen helfen, die Verfügbarkeit zu sichern", sagt Uwe Liebelt, Werksleiter Ludwigshafen.

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) und der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker starten gar eine gemeinsame Initiative:  VCI-Mitgliedsunternehmen, wie eben die BASF oder auch Evonik Industries, beliefern knapp 400 Apotheken in ganz Deutschland mit Rohstoffen zur Handdesinfektionsmittel-Herstellung. Auch Klosterfrau Healthcare - früher Klosterfrau Melissengeist - produziert ab Anfang April Desinfektionsmittel. 500.000 Flaschen sollen laut Pressemitteilung an das Land Nordrhein-Westfalen gehen.

Behörde lockert Vorgaben

Die zuständige Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat bereits zweimal ihre Vorgaben zur Produktion von Desinfektionsmittel gelockert und den Herstellerkreis erweitert. Nun dürfen Apotheken, die pharmazeutische und chemischen Industrie, und "juristische Personen des öffentlichen Rechts" Desinfektionsmittel nach bestimmten Vorgaben selbst herstellen - also beispielsweise auch Landkreise, Gemeinden oder auch Universitäten. 

Die Badische Zeitung berichtet, dass der Kreis Emmendingen bereits Desinfektionsmittel selbst herstellt. Das Bundesfinanzministerium hat laut "FAZ" für Kunden aus der Desinfektionsbranche eine unbürokratische Alkoholsteuer-Befreiung ermöglicht.

Himbeergeist fürs Krankenhaus

Doch längst nicht nur die Chemieindustrie ist in Sachen Desinfektionsmittel aktiv, auch Spirituosenhersteller liefern Alkohol als Rohstoff in der Krise. Eben nicht mehr nur zum Trinken. Jägermeister aus Wolfenbüttel belieferte das Klinikum Braunschweig mit 50.000 Litern. Die Feuerwehr hat es dorthin geliefert, berichten Medien.

Auch die Becks-Brauerei spendet Alkohol als Rohstoff von Desinfektionsmitteln. Der fällt dort bei der Produktion von alkoholfreiem Bier ohnehin an. Insgesamt 500.000 Liter im Wert von 1,5 Millionen Euro sollen es sein. "Die Begehrlichkeiten sind sehr groß", sagt Becks-Sprecherin Claudia Hauschild im Interview mit Radio Bremen. Der Getränkeproduzent Berentzen prüft ebenfalls Lieferungen.

Schnapsbrennereien liefern ebenfalls

Auch viele Schnapsbrennereien satteln um. Zum Beispiel die Bärwurz-Quelle in Bad Kötzing. "Wir geben alles her, was wir haben. Die Gesundheit geht vor, wir stellen die Produktion für gewisse Produkte ein", sagt Chef Johannes Anleitner. Neutralalkohol mit einem Alkoholgehalt von 96 Prozent werde normalerweise zum Herstellen von Himbeergeist, Likör und Gin verwendet. Die Bärwurz-Quelle konzentriere sich jetzt auf Produkte, für die es den Naturalkohol nicht brauche, etwa Rum und Whisky.  

Die Hausbrennerei Schladerer aus Staufen kooperiert in Sachen Rohalkohol mit der Uniklink Freiburg. Dazu werden Obstgeiste und andere Destillate erneut gebrannt, um ihren Alkoholgehalt zu erhöhen. Himbeergeist fürs Krankenhaus, sozusagen.

Tue Gutes und rede darüber

So ganz uneigennützig agieren die Firmen nicht. "Wie Unternehmen sich nun in dieser Krise verhalten, wird die Wahrnehmung ihrer Marke für die nächsten zehn Jahre prägen", sagt Klaus-Dieter Koch vom Beratungsunternehmen Brandtrust in Nürnberg der "Süddeutschen Zeitung". Dies sei auch wichtig im künftigen Wettbewerb um die besten Mitarbeiter.

Dass es aber auch anders geht, zeigte ein Unternehmen aus Rheinland-Pfalz. Anonym spendete es dem Land 100.000 Liter Desinfektionsmittel, wie das Gesundheitsministerium in Mainz mitteilte. "Es ist der Wille unserer Leitung und aller Mitarbeitenden, dass diese Herstellung nicht für gewerbliche Zwecke bestimmt ist, sondern den Krankenhäusern, der Alten- und Bedürftigenpflege sowie den Apotheken als Sachspende zur Verfügung gestellt wird", ließ das Unternehmen noch wissen.

Korrespondent

Stephan Lenhardt | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge Logo SWR

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