DieDDR-Spitze und internationale Gäste verfolgen am 6.10.1989 in Berlin eine Militärparade zum 40. Gründungstag der DDR | Bildquelle: picture alliance/dpa

Vor 30 Jahren Honeckers letzter Trinkspruch

Stand: 07.10.2019 04:31 Uhr

Die Feiern zum Jahrestag der DDR-Gründung wirkten im Wendejahr 1989 besonders bizarr. Die DDR-Führung feierte am 7. Oktober einen Staat im Niedergang, während draußen der Protest immer lauter wurde.

Von Elisa M. Teichmann, ARD-Hauptstadtstudio

Zumindest im Palast der Republik wird am Abend des 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der Gründung der DDR, der Schein gewahrt: SED-Generalsekretär Erich Honecker stößt im Zentrum von Ost-Berlin unbeirrt mit Hunderten von internationalen Gästen an. Die Feierlichkeiten hatten schon am Vorabend mit einem Fackelzug der SED-Jugendorganisation FDJ begonnen, den das DDR-Fernsehen ausführlich würdigt - nur das Westfernsehen zeigt auch an diesem Tag Andersdenkende und Demonstranten.

Honecker geht in seiner Rede mit keinem Wort auf die zunehmenden Proteste gegen das Regime oder die Ausreisewelle ein. Der Toast, den er ausbringt, feiert eine andere Wirklichkeit: "Auf die internationale Solidarität und Zusammenarbeit, auf den Frieden und das Glück aller Völker, auf den 40. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik!"

Was Honecker und die SED-Führung ausblenden: Draußen machen Zehntausende Demonstranten unablässig Lärm, sie rufen "Wir sind das Volk". Drinnen im Palast versucht sogar der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow, Honecker von einer moderneren Linie für die DDR zu überzeugen. Seine Botschaft von Weiterentwicklung und Aufbruch gibt er auch verschlüsselt an Journalisten weiter: "Und wer die von der Gesellschaft ausgehenden Impulse aufgreift und seine Politik dementsprechend gestaltet, der dürfte keine Angst vor Schwierigkeiten haben, das ist eine normale Erscheinung."

Erich Honecker spricht am 6.10.1989 zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR | Bildquelle: picture alliance / ZB
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"Vorwärts immer, rückwärts nimmer": Noch am 7.10.1989 beschwor Staatschef Honecker eine glorreiche Zukunft der DDR.

Verordnete Feierstimmung

Aber Honecker achtet nicht auf den Hinweis seines sowjetischen Kollegen und feiert wie in jedem Jahr den Tag der Republik. Von einem wirklichen Feiertag konnte am 7. Oktober allerdings nie die Rede sein. Wer nicht mitdemonstrierte und nicht zu seiner sogenannten Demonstrationsstrecke erschien, musste mit Konsequenzen bei Gehalt und Karriere rechnen.

Katrin Göring-Eckardt, heute Co-Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, erinnert sich noch an die Jahrestage während ihrer Schulzeit im thüringischen Gotha: Auch Schülerinnen und Schüler mussten sich bei ihrer Lehrerin zum Demonstrationszug melden, wurden per Namensliste kontrolliert. "Tag der Republik hieß zwei Dinge", sagt sie: "Erstens Pionier-Halstuch umbinden, und es gab eklige Bockwurst."

Die DDR-Geburtstagsfeier im Jahr 1989, sie ist die letzte ihrer Art. Einen guten Monat später - am 9. November 1989 - fällt die Mauer. Und nicht einmal ein Jahr später tritt am 3. Oktober 1990 die DDR offiziell der BRD bei - und in Berlin wird erstmals die offizielle Feier zum Tag der Deutschen Einheit begangen.

Dieser Beitrag lief am 06. Oktober 2019 um 20:30 Uhr im MDR Fernsehen.

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