Vattenfall-Versuchskraftwerk des sogenannten CCS-Verfahrens | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Diskussion im Klimakabinett Kohlendioxid verpressen - oder nicht?

Stand: 29.05.2019 01:29 Uhr

Das Klimakabinett spricht heute über das Klimaschutzgesetz, aber auch über das Speichern von Kohlendioxid in der Erde. Umweltministerin Schulze und Kanzlerin Merkel sind dafür - andere warnen davor.

Von Marcel Heberlein, ARD-Hauptstadtstudio

Ach, dieses Kohlendioxid. Wenn es in die Atmosphäre kommt, trägt es zum Klimawandel bei. Also - warum nicht gleich vom Kraftwerk, wo es frei wird, unter die Erde leiten - und es dort luftdicht verpacken - am besten für viele Tausend Jahre?

Das ist die Idee von Carbon Capture and Storage, kurz CCS. Wirtschaftsverbände und Wissenschaft haben sich schon vor Jahren dafür stark gemacht. Doch die Debatte über die Technologie kam schnell zum Erliegen. Denn CCS hat in Deutschland einen schlechten Ruf, das weiß auch die Kanzlerin: "Die Kohlendioxid-Speicherung ist in Deutschland sehr umkämpft. Und viele Menschen haben Sorgen."

Risiken nicht kalkulierbar ...

Karsten Smid von Greenpace zum Beispiel: Er sieht CCS als Ablenkungsmanöver von anderen Klimaschutzmaßnahmen. Und als "Risikotechnologie": "Wenn Millionen Tonnen Kohlendioxid im Untergrund verpresst werden, dann entstehen da enorme Drücke. Ob die geologischen Formationen das dauerhaft aushalten, ist nicht klar. Es kommt dort zu Mikrobrüchen. Und es kann dann an anderen Stellen austreten.

Anlage zur Kohlendioxidverpressung in Ketzin (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / dpa
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In Ketzin bei Berlin gibt es eine CCS-Pilotanlage

Und wenn das passiert, dann kann der Boden oder das Grundwasser Schaden nehmen - so sieht es auch das Umweltbundesamt. Dass es so nicht kommen muss, zeigt ein Pilotprojekt des deutschen Geoforschungszentrums. In Ketzin in Brandenburg haben die Forscher, immerhin zehn Jahre lang, Kohlendioxid in der Erde eingelagert - in gut 600 Metern Tiefe.

... oder doch?

Der Chef des Geoforschungszentrums, Reinhard Hüttl, sagt: Die Forschung zeige, die CCS-Technologie könne sicher sein. "Sie können natürlich jede Technologie so einsetzen, dass sie nicht funktioniert. Sie können auch Brücke bauen, die nicht hält. Oder eine Bremse, die nicht bremst. Die Frage ist ja, macht man es richtig? Da würden wir sagen: Das geht, ganz sicher - unter den jeweils relevanten Rahmenbedingungen. Gestein zum Speichern gibt es zum Beispiel unter der Nordsee."

Anlage zur Kohlendioxidverpressung in Schwarze Pumpe (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Im Kraftwerk Schwarze Pumpe (Brandenburg) wird bereits Kohlendioxid verpresst.

Klimaforscher gehen sogar noch einen Schritt weiter. Ohne CCS seien die weltweiten Klimaziele gar nicht einzuhalten - sagt etwa Jan Minx vom Mercator Institut für globale Gemeingüter und Klimawandel, der am Klimareport der Vereinten Nationen mitgearbeitet hat. Wenn Minx an CCS denkt, hat er nicht so sehr das Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken im Blick - denn dafür gibt es ja eh einen Ausstiegsplan. Minx denkt eher an die Industrie. Beim Produzieren von Zement zum Beispiel entsteht viel Kohlendioxid.

Pflanzen verbrennen, CO2 einlagern

Und der Klimaforscher denkt ans Verfeuern von Pflanzen, denn so könnte man die Kohlendioxid-Bilanz der Welt sogar verbessern: "Der Atmosphäre wird durch das Wachstum der Pflanzen Kohlendioxid entzogen. Jetzt verfeuern wir das zur Stromproduktion in Kraftwerken. Und fangen dann aber das Kohlendioxid ab und lagern es ein. Und dann ist es ja kein Nullsummenspiel, sondern wir entnehmen der Atmosphäre Kohlendioxid."  

Kohlendioxid aus der Luft holen - das ginge auch, indem man mehr Wälder anlegt. Aber das sei nicht sonderlich effizient, und der Platz dafür sei begrenzt, sagt Klimaforscher Minx. Deshalb fordert er: CCS müsse schnell marktreif werden. Bei der Solarzelle, sagt Minx, habe es damals 60 Jahre gedauert, bis sie preisgünstig zu haben war. In der Klimafrage aber dränge jetzt die Zeit.

Technik war schon totgesagt

Die Technik, die schon für tot erklärt wurde, könnte also wieder kommen. Auch Kanzlerin Merkel macht sich für sie stark. Denn sie will sich der Initiative des französischen Präsidenten Emmanuel Macron anschließen - 2050 soll Europa klimaneutral werden, also unterm Strich kein Kohlendioxid mehr ausstoßen.

Merkel lässt durchblicken: Aus ihrer Sicht geht das nur, indem man Kohlendioxid im Boden speichert. Im Klimakabinett soll sich nun entscheiden, wie die Regierung zu CCS steht.

Klimakabinett: CCS - was ist es, was kann es?
Marcel Heberlein, ARD Berlin
28.05.2019 20:45 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 29. Mai 2019 um 08:45 Uhr im Morgenecho.

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