Leeres Büro

Unternehmen unter Druck Stillstand "Unplanned"

Stand: 14.04.2020 17:59 Uhr

Bund und Länder haben in einer nie dagewesenen Form milliardenschwere Wirtschaftshilfen auf den Weg gebracht. tagesschau.de begleitet ein Start-Up und fragt, ob sie wirken. Teil 2 einer Langzeitbeobachtung.

Von Iris Marx, tagesschau.de

Es ist der erste Montag nach dem großen Shut-Down. Das Team des Reise-Start-Ups "Unplanned" kommt zu seiner morgendlichen Telefonkonferenz zusammen. Das Wetter ist grau. Geschäftsführerin Frauke Schmidt setzt sich mit ihrem Kaffee vor ihre Bücherwand. Ihre Mitarbeiter haben sie oft mit dem doch sehr intellektuell anmutenden Background aufgezogen. Die Stimmung im Team ist an diesem Morgen zwar gewohnt locker, aber so richtig in Scherzlaune ist man nicht.

Aufwachen im Shut-Down

Schmidt und ihr Co-Geschäftsführer Christian Diener erklären den elf Meeting-Teilnehmern, dass man eben alle Szenarien durchdenken müsse. Auch, dass es vielleicht nicht klappt. "Wir wollen so transparent wie möglich sein", sagt Schmidt. Viele hätten das erstmal sacken lassen wollen. "Wir haben im Laufe des Nachmittags mit allen noch mal einzeln gesprochen." Jedes Mitarbeiterverhältnis sei auch anders, ergänzt Christian Diener. Die Geschäftsführer versuchen, jeden "abzuholen", auf ihn einzugehen. "Wir haben zum Beispiel zwei Mitarbeiterinnen, die sind schwanger", sagt Diener. "Die haben wir erstmal nicht auf Kurzarbeit gesetzt. Das wirkt sich ja auch auf die Berechnung des späteren Elterngelds aus."

Teil 1: “Unplanned“ in die Krise

Auch in den Bundesministerien werden solche Details wahrgenommen. Noch in der selben Woche legt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey ein Gesetz vor, wonach Corona-bedingte Verdienstausflälle nicht auf das Elterngeld anzurechnen sind. Gut für das Team von "Unplanned", denn ob nicht bald doch alle Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt werden müssen, können die Geschäftsführer nicht garantieren. Obwohl die Mitarbeiter gebraucht werden, um den "Laden am Laufen zu halten", wie Diener es nennt.

alt Frauke Schmidt und Christian Diener von Unplanned | Bildquelle: Ferrigato

Das Unternehmen

Frauke Schmidt und Christian Diener haben das Start-up "Unplanned" 2016 gegründet. Das Unternehmen bietet individuell gestaltete Überraschungsreisen in Europa an. Die Auftragslage ist durch die Ausbreitung des Coronavirus auch bei ihnen eingebrochen.

Die Stimmung im Team hebt sich deutlich, als nur wenige Tage nach der Telefonkonferenz die Soforthilfe durch die Stadt München aufs Konto überwiesen wird. "Wir waren total überrascht, dass die bayerische Landeshilfe sofort um die Bundeshilfe aufgestockt wurde, ohne es extra beantragen zu müssen", sagt Dieners Partnerin Schmidt. "Super, dass das so gut klappt!" 15.000 Euro sind auf dem Konto eingegangen. Und das darf leider wörtlich verstanden werden: Das Geld geht ein. "Es deckt nicht ganz die Mitarbeiterkosten in der Kurzarbeit", sagt Diener, der - wie auch seine Partnerin - auf sein Gehalt verzichten. Aber trotzdem sind sie dafür sehr dankbar, es gebe Luft zum atmen und habe ihren Kampfgeist weiter angespornt.

Die Bazooka, die knapp vorbeischießt

Die Bundesregierung hat zwar noch umfassende weitere Hilfsprogramme auf den Weg gebracht, aber diese seien gerade für die kleineren Unternehmen schwierig, sagt Hans-Josef Vogel von der Rechtsanwaltskanzlei Beiten Burkhardt. Der Wirtschaftsrechts-Experte sagt, dass etwa bei den Milliardenkrediten grundsätzlich das Problem der Rückzahlung bleibe. Wer - wie gerade in der Reisebranche - nicht wisse, wie und ob es weitergeht, kann so eine Wette auf die Zukunft schwer machen. Schließlich müsse er dafür mit seinem Privatvermögen haften. Das sind grundsätzlich zehn bis 20 Prozent des Kredits. "Zwar ist bei dieser Haftungsfrage nachgebessert worden, so dass manche Unternehmer gar kein Risiko mehr tragen müssen. Das gilt aber nur für Unternehmen, die eine bestimmte Betriebsgröße haben und seit dem 01. Januar 2019 auf dem Markt sind", sagt Vogel.

Vogel weist noch auf einen weiteren vermeintlichen Haken hin: "Die ganzen Hilfen klemmen zudem an der Idee von den Betriebsausgaben. Viele kleine Start-Ups, die etwa in einem shared workspace arbeiten und so gut wie keine Personalkosten haben, dürfen den Kredit nicht für ihre eigenen Lebenskosten aufwenden." Aber wie solche Unternehmer Miete und andere private Kosten weiter zahlen können, wenn überhaupt kein Umsatz mehr möglich ist, das ist für viele gerade ein riesiges Problem.

Soforthilfe, Grundsicherung, Kredite

Ihnen bleibt nur die Möglichkeit, eine Grundsicherung zu beantragen. Unbürokratisch, wie es heißt. Für viele dennoch ein Überwindung, denn die Grundsicherung ist an das Arbeitslosengeld II angelegt - vulgo Hartz IV, allerdings mit einigen Erleichterungen. Die Selbstständigkeit muss nicht aufgehoben werden, und in den ersten sechs Monaten werden die tatsächlichen Kosten für die Miete und Heizung übernommen. Auf die Frage, ob die Bundesregierung neben Soforthilfe, Krediten und Grundsicherung noch weitere Instrumenten auflegen wird, schreibt das Ministerium auf tagesschau.de-Anfrage: “Die Bundesregierung wird die Lage genau beobachten und wenn nötig, notwendige Maßnahmen ergreifen." Man wolle die aufgelegten Programme zunächst wirken lassen. Für Diener und Schmidt von "Unplanned" dürfte neben der Soforthilfe zunächst nichts weiter wirken. Denn noch ist bei ihnen ausreichend Kapital vorhanden, sodass sie auf einen Kredit nicht angewiesen sind.

Think small statt big

"Wir wissen, dass selbst nach Aufhebung der Kontaktsperre der Tourismus nicht einfach von 0 auf 100 wieder hochgefahren werden kann", sagt Diener. "Uplanned" will sich in diesem Jahr auf kleinere Reisen innerhalb von Deutschland konzentrieren. Think small statt big, die Strategie der Stunde. Die Bundesregierung ist aktuell zwar dabei, Stornierungen nur gegen einen Gutschein verpflichtend zu machen, aber dafür muss das Europarecht geändert werden. Das würde Veranstaltern aber sehr helfen. Bis dahin möchte "Unplanned" - ähnlich wie viele andere Reiseveranstalter - das Vertrauen der Kunden durch eigene Stornobedingungen zurückgewinnen. "Wir erstatten bei allen Neubuchungen das Geld bis zum 01. Juni zurück", sagt Schmidt. Dann sei die Lage für die Reisenden auch besser einschätzbar.

Als Unternehmen an den Herausforderungen wachsen

Immerhin: "Wenn es einen positiven Aspekt an dieser Corona-Krise gibt, dann ist es der, dass ich gerade als Unternehmer sehr viel lerne", sagt Diener schmunzelnd. Einfach aufgeben wird "Unplanned" nicht. Das Team bleibt optimistisch. Aber es bleibt ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 14. April 2020 um 15:00 Uhr.

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