Der Virologe Christian Drosten im Labor | AP

Drosten zu Coronavirus-Mutation Kein "größeres Problem" für das Land

Stand: 22.12.2020 16:17 Uhr

Nach der Entdeckung einer neuen Coronavirus-Variante verdichten sich die Hinweise, dass die Mutation deutlich ansteckender ist. Virologe Drosten rechnet aber hierzulande angesichts des Lockdowns nicht mit einer schnellen Verbreitung.

Der Berliner Virologe Christian Drosten hält eine rasante Verbreitung der neuen Coronavirus-Variante in Deutschland für wenig wahrscheinlich." Ich glaube nicht, dass wir da bald ein größeres Problem kriegen", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Es sei zwar recht wahrscheinlich, dass die Variante mit der Bezeichnung B.1.1.7., die erstmals in Großbritannien nachgewiesen wurde, mittlerweile auch in Deutschland sei. "Aber bei den aktuellen Beschränkungen dürfte diese Variante hierzulande eher schwer Fuß fassen." Darauf deuteten Daten hin, die die britische Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) veröffentlicht hat.

"Kontaktreduktion wirkt"

Allerdings macht die neue Corona-Variante PHE-Untersuchungen zufolge das Virus sehr wahrscheinlich leichter übertragbar.

Demnach verbreite sich B.1.1.7. überall dort besonders schnell im Vergleich zu bereits bekannten Varianten von Sars-CoV-2, wo unzureichende Beschränkungen zu einem Anstieg der Infektionszahlen führen. In Gegenden in Großbritannien aber, in denen wirksame Maßnahmen gelten, sei auch die neue Variante weitgehend unter Kontrolle.

"Kontaktreduktion wirkt also auch gegen die Verbreitung der Mutante", schreibt Drosten.

Für Deutschland folgert Drosten daher, dass der Lockdown der Variante wenig Chance auf eine Verbreitung lassen dürfte. Bislang gebe es keine Hinweise darauf, dass die neue Variante einen Einfluss auf die Krankheitsschwere hat, sagte Drosten. "Das ist ganz wichtig für die Bevölkerung, die sich jetzt Sorgen macht." Auch für einen verminderten Impfschutz gebe es keine Anzeichen.

In einer ersten Reaktion hatte Drosten am Montag über die Mutation gesagt: "Ich bin darüber nicht so sehr besorgt im Moment. Allerdings sei er auch "in einer etwas unklaren Informationslage".

Sorge um Wirksamkeit des Impfstoffs

Den PHE-Forschern macht insbesondere eine Mutation mit der Bezeichnung N501Y Sorgen. Sie könnte den Daten zufolge dafür sorgen, dass das Virus besser an Zielzellen andocken kann.

Zudem liege die Mutation an einer Stelle, an der auch bestimmte Antikörper des Menschen angreifen, um das Virus auszuschalten. "Deshalb ist es möglich, dass solche Varianten die Wirksamkeit beim Neutralisieren des Virus beeinflussen", heißt es seitens der Forscher.

Biontech zuversichtlich und mit Plan B

Die Mainzer Firma Biontech geht nach eigenen Angaben hingegen davon aus, dass ihr am Montag in der EU zugelassener Impfstoff auch gegen die mutierte Variante des Coronavirus wirksam ist.

Firmenchef Ugur Sahin zeigte sich auf einer Pressekonferenz zuversichtlich hinsichtlich der Wirkung seines Impfstoffs gegen die in Großbritannien ermittelte Coronavirus-Variante: Die Proteine bei der Coronavirus-Version seien zu 99 Prozent identisch mit den vorherrschenden Virussträngen. Es würden weitere Studien vorgenommen. Biontech hoffe, innerhalb der kommenden Wochen Sicherheit zu haben.

Das Virus sei jetzt etwas stärker mutiert, sagte Sahin. "Wir müssen das jetzt experimentell testen. Das wird etwa zwei Wochen in Anspruch nehmen. Wir sind aber zuversichtlich, dass der Wirkungsmechanismus dadurch nicht signifikant beeinträchtigt wird."

Impfstoff könnte binnen sechs Wochen angepasst werden

Das Antigen, das das Mainzer Unternehmen und sein US-Partner Pfizer für den Impfstoff nutzen, besteht laut Sahin aus über 1270 Aminosäuren. Davon seien jetzt neun mutiert, also noch nicht einmal ein Prozent. "Unser Impfstoff sieht das ganze Protein und bewirkt multiple Immunantworten. Dadurch haben wir so viele Andockstellen, dass das Virus schwer entkommen kann. Das bedeutet aber nicht, dass die neue Variante harmlos ist."

Der bestehende Impfstoff könnte falls erforderlich binnen sechs Wochen "umgearbeitet" und speziell auf die Mutation zugeschnitten werden, so Sahin. Dies wäre "technisch innerhalb kürzester Zeit" möglich, allerdings müsste ein neuer Impfstoff noch einmal ein Zulassungsverfahren durchlaufen. 

RKI-Chef: Variante wahrscheinlich schon in Deutschland

Nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts hat die neue Corona-Variante Deutschland bereits erreicht. "Die Wahrscheinlichkeit, dass sie schon in Deutschland ist, aber bisher unerkannt, schätze ich schon als sehr, sehr hoch ein", sagte RKI-Präsident Lothar Wieler in Berlin.

Er verwies darauf, dass die Variante B.1.1.7 in Großbritannien bereits im September erstmals nachgewiesen wurde, zudem gebe es bereits Nachweise in Nachbarländern wie den Niederlanden und Dänemark. Ein Labornachweis in Deutschland sei ihm aber nicht bekannt, sagte Wieler.

WHO: Lage "nicht außer Kontrolle"

Die Ausbreitung der neuen Coronavirus-Variante ist nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht außer Kontrolle. "Selbst wenn das Virus sich nun ein kleines bisschen effizienter ausbreitet, kann das Virus gestoppt werden", sagte der WHO-Direktor für medizinische Notfälle, Michael Ryan. Die Lage sei also "nicht außer Kontrolle".

Ryan rief aber dazu auf, die Maßnahmen zur Eindämmung der neuen Mutation zu verstärken. Großbritanniens Premierminister Boris Johnson hatte am Wochenende erklärt, die in Südostengland aufgetretene Mutation sei "bis zu 70 Prozent ansteckender" als die Ursprungsvariante des Coronavirus. Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock sagte, die neue Virus-Variante sei "außer Kontrolle".

Erste Lieferung am Samstag

Die ersten Auslieferungen des Corona-Impfstoffs in Europa können laut Biontech an diesem Mittwoch starten. Bis Ende des Jahres stünden 12,5 Millionen Dosen für die EU bereit, erklärte Biontech-Geschäftsvorstand Sean Marett. Die Impfdosen werden derzeit im Werk des US-amerikanischen Biontech-Partners Pfizer im belgischen Puurs gelagert. Dort werden die Ausgangsstoffe, die in den verschiedenen Produktionsstätten von Biontech hergestellt werden, weiterverarbeitet und abgefüllt. Bis zum 26. Dezember sollten die Dosen in jedem EU-Mitgliedsland sein, damit die Impfungen am 27. beginnen könnten, sagte Biontech-Finanzvorstand Sierk Poeting.

Über dieses Thema berichtete ARD-extra am 21. Dezember 2020 um 20.15 Uhr.

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Moderation 22.12.2020 • 21:49 Uhr

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