Eine Hausärztin verabreicht einem Patienten die erste Impfung gegen Covid-19.  | dpa

Ärzte-Kritik nach Impfgipfel "Ich verstehe es nicht"

Stand: 20.03.2021 09:11 Uhr

Die Unzufriedenheit unter den Ärzten mit der Corona-Politik ist groß. Die Hausärzte könnten sofort impfen, dürfen aber nicht. Intensivmediziner fordern statt Öffnungen die schnelle Rückkehr in den Lockdown.

Die Ergebnisse des Impfgipfels am Freitagabend stoßen bei Hausärzten auf Unverständnis. Der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, kritisierte im ARD-Extra den Startzeitpunkt: "Die Bereitschaft ist da, die Logistik steht, die Lieferketten stehen." Pilotprojekte hätten gezeigt, dass es möglich sei, alle verfügbaren Impfstoffe auch in der hausärztlichen Praxis zu impfen. "Ich verstehe es nicht", sagte Weigeldt. "Weswegen müssen wir jetzt warten? Auf was?" Er warf der Politik vor, sie würde die Impfzentren privilegieren. Die Menschen würden sich aber lieber beim Hausarzt impfen lassen.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, äußerte sich ebenfalls skeptisch. "An der grundlegenden Situation ändert der Beschluss nichts. Wir impfen weiter in Slow Motion", sagte er dem Wirtschaftsmagazin "Business Insider". 

Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder hatten sich bei dem Gipfel über das weitere Vorgehen beim Impfen verständigt. So sollen die Hausärzte unmittelbar nach Ostern routinemäßig Schutzimpfungen gegen das Coronavirus übernehmen. Die Impfzentren sollten künftig verlässlich 2,25 Millionen Dosen pro Woche bekommen - die darüber hinaus gehende Menge werde an die Arztpraxen gehen. Zunächst können sie damit jeweils nur 20 Dosen pro Woche verimpfen.

Mediziner: "Notbremse muss gezogen werden"

Am Montag stehen die nächsten Bund-Länder-Beratungen zur Corona-Pandemie an. Mit Blick auf die Gespräche warnten Mediziner vor einer Verschärfung der Lage im Gesundheitswesen und fordern wieder strengere Beschränkungen. "Es muss definitiv die vereinbarte Notbremse gezogen werden, da darf es keine Ausnahmen geben", so die Chefin des Ärzteverbandes Marburger Bund, Susanne Johnain der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Ich rechne ab Ostern mit einer noch kritischeren Lage als zum Jahreswechsel."

Der Kapazitätspuffer auf den Intensivstationen "wird rasant wegschmelzen", warnte sie und kritisierte den Lockerungs-Fahrplan, den Bund und Länder bei ihrer Videokonferenz Anfang des Monats vereinbart hatten. "Es war unverantwortlich, in die dritte Welle und die Ausbreitung der Mutanten hinein auf diese Art zu lockern. Dadurch droht den Kliniken nun die dritte Extremsituation binnen eines Jahres", sagte Johna. Die "Notbremse", auf die sich Bundeskanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten und -präsidentinnen flankierend zu den Lockerungen geeinigt hatten, soll bei einer Inzidenz von 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen greifen. Bundesweit liegt die Inzidenz laut Robert Koch-Institut aktuell bei 99,9.

Warnung aus der Intensivmedizin

Auch von Intensivmedizinern kommen erneut nachdrückliche Mahnungen. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz könne ohne Eingreifen sehr schnell auf 200 steigen und zu deutlich höheren Intensivpatientenzahlen führen. "Aus unserer Sicht kann es daher nur eine Rückkehr zum Lockdown vom Februar geben", sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx, der "Augsburger Allgemeinen". "Alles, was man sich jetzt erlaubt, muss man später mit Zins und Zinseszins bezahlen", mahnte Marx.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 19. März 2021 um 20:15 Uhr in einem "ARD EXTRA zu Corona".

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Moderation 20.03.2021 • 12:59 Uhr

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