Ein Bett steht in einem rot erleuchteten Raum. | AFP

Internationaler Hurentag "Was unterscheidet uns von der Masseurin?"

Stand: 02.06.2020 02:18 Uhr

Seit dem Corona-Lockdown sind in Deutschland Bordelle geschlossen, käuflicher Sex ist verboten. Sexarbeiter und -arbeiterinnen fordern, wieder Kunden empfangen zu dürfen.

Von Lucretia Gather, SWR

Nicole Schulze geht seit 16 Jahren auf den Straßenstrich. Viele Jahre davon in Köln, inzwischen in Trier und Umgebung. Ihr Arbeitsplatz ist ihr Wohnmobil. "Vor Corona stand ich auf Mitfahrerparkplätzen oder habe im Internet Freier angeworben", erzählt Schulze. 

Lucretia Gather

Sie ist 40 Jahre alt, eine zierliche Frau mit dunklen langen Haaren und blauen Augen. Sie trägt ein eng anliegendes, schwarz-weißes Kleid, dunkle Strumpfhose, Plateau-Schuhe. "Das habe ich an, wenn ich arbeite", sagt sie lächelnd. 

Eine "schnelle Nummer" über dem Moseltal

Ihr Wohnmobil hat sie hoch über der Mosel geparkt, am Rande eines Waldstücks, mit Blick über das imposante Moseltal. Sie wohnt nicht darin, hat eine eigene Wohnung. "Das ist einfach mein Arbeitsplatz."

Drinnen ist es beengt: ein ausgeklapptes Sofa in der Mitte, eine winzige Küche, hellbraune Einbauschränke und ein Regal mit Schubladen. Darin: Desinfektionsmittel, Feuchttücher, Mundspülung und eine Plastikbox mit Kondomen. "Was ich hier anbiete, ist meistens die schnelle Nummer", erzählt Schulze nüchtern. "Die Männer bleiben 15 bis 20 Minuten bei mir." Zwischen 50 und 80 Euro bekomme sie dafür. Für eine ganze Stunde, zum Beispiel bei Haus- und Hotelbesuchen, nimmt sie 150 Euro. "Da ist dann das volle Programm drin."

Nicole Schulze | swr

Nicole Schulze an ihrem Arbeitsplatz hoch über der Mosel Bild: swr

Corona-Soforthilfe und ALG II

Doch seit dem 16. März arbeitet Schulze nicht mehr. "An dem Tag hatte ich noch einige Kunden", erinnert sie sich, "aber ab Mitternacht war dann Schluss." Sie beantragte schnell die Corona-Soforthilfe und bekam 9000 Euro ausgezahlt. Außerdem bezieht sie inzwischen Arbeitslosengeld II.

"Ich komme finanziell sehr gut durch diese Zeit", sagt Schulze, "aber vielen meiner Kolleginnen, vor allem aus dem osteuropäischen Ausland, geht es nicht gut. Die wissen nicht mal, wie sie ihr Essen bezahlen sollen." Deswegen hat sie eine Spendenaktion ins Leben gerufen - und mehr als 6000 Euro gesammelt. "Damit konnte ich bestimmt 50 Frauen aus der Branche helfen."

"Warum dürfen wir nicht arbeiten?"

Der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen e.V. forderte in der vergangenen Woche, die Schließungen aller Prostitutionsstätten aufzuheben. Eine weitere Schließung der Bordelle und ein Verbot der Prostitution seien angesichts der allgemeinen Lockerungen durch nichts gerechtfertigt, hieß es in einem offenen Brief des Bundesverbands.

Gerichtet war er an 16 Bundestagsabgeordnete, die die Einführung eines generellen Sexkaufverbotes in Deutschland fordern. Der Verband der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter dagegen meint, es müsse der Prostitutionsbranche wieder ermöglicht werden, "Einnahmen zu generieren und den Kunden einen guten Service zu bieten." Man habe der Politik ein entsprechendes Hygienekonzept vorgelegt. 

Auch Nicole Schulze fragt sich: "Warum dürfen wir nicht arbeiten? Ich verstehe nicht, dass für uns andere Regeln gelten als für Masseure oder Kosmetikerinnen zum Beispiel." Ihre Branche sei immer schon besonders darauf bedacht, Hygieneregeln einzuhalten, und das sei in Corona-Zeiten nicht anders. 

Verein "Sisters" warnt vor Prostitution in Corona-Zeiten

"Diese Argumentation ist unverantwortlich", findet dagegen Sabine Constabel vom Verein "Sisters" Der Stuttgarter Verein setzt sich dafür ein, Frauen den Ausstieg aus der Prostitution zu ermöglichen. "Prostitution ist ein horrender Infektionsherd", meint die Sozialarbeiterin, "und in Corona-Zeiten erst recht". Das Risiko, die Krankheit in Bordellen weiterzuverbreiten, sei enorm hoch. Deswegen sei das Motto des Vereins gerade jetzt aktueller denn je: "Rotlicht aus!"

Insgesamt sei die Prostitutions-Branche geprägt von höchst kriminellen Strukturen und basiere auf der Ausbeutung von Frauen. Körperliche und seelische Folgen für die Sexarbeiterinnen seien verheerend, meint Constabel. 

Besonders schlimm sei, dass die Werbung für sexuelle Dienstleistungen trotz der Corona-Krise einfach weiterlaufe - im Netz oder auch telefonisch. "Das muss aufhören", warnt die Sozialarbeiterin, denn "Frauen in Notlagen haben oft keine Wahl".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Juni 2020 um 14:00 Uhr.