Ein Pfleger zieht beim Verlassen der Intensivstation für Corona-Patienten am Sana Klinikum Offenbach seinen Schutzkittel aus.  | dpa

Steigende Infektionszahlen Kliniken besorgt wegen Personalausfällen

Stand: 05.07.2022 08:37 Uhr

Seit Wochen steigen die Infektionszahlen - laut RKI liegt die Inzidenz inzwischen bei 687,7. Das macht sich auch in den Krankenhäusern bemerkbar: Wegen Personalmangels seien einzelne Stationen bereits abgemeldet worden.

Der zunehmende Ausfall von Klinikpersonal durch die Corona-Sommerwelle lässt bei Krankenhäusern und Medizinern die Besorgnis wachsen. "Aus allen Bundesländern erreichen uns Meldungen, dass einzelne Stationen und Abteilungen auch wegen Personalmangel abgemeldet werden müssen", sagte der Vorstandschef der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland". Zeitweise würden auch Notaufnahmen bei den Rettungsleitstellen abgemeldet. "Diese Situation besorgt uns erheblich mit Blick auf den bevorstehenden Herbst."

Die Intensivbelegung steige zwar nur moderat, allerdings sei die Belegung für einen Sommer relativ hoch, und die zur Verfügung stehenden Betten würden wegen des Personalmangels immer weniger, sagte der wissenschaftlicher Leiter des Intensivbettenregisters, Christian Karagiannidis, der "Rheinischen Post". Daher sei jetzt die Zeit zu nutzen, um Kapazitäten optimal zu verteilen. Hierzu gehörten regionale Netzwerke zur bestmöglichen Patientenverteilung. "Kooperation, aber auch Entlastung des Personals wird in diesem Herbst und Winter das Gebot der Stunde", sagte Karagiannidis, der auch im Expertenrat der Bundesregierung sitzt.

Patientenschutz gegen verkürzte Quarantäne

Eine Forderung nach Verkürzung der Quarantänezeit wies die Deutsche Stiftung Patientenschutz zurück. FDP-Vize Wolfgang Kubicki hatte eine Freitestung per Schnelltest schon nach drei Tagen vorgeschlagen. Bisher sind es fünf, eine Freitestung wird lediglich empfohlen, verpflichtend ist sie nur für Klinik- und Pflegepersonal. Eine verkürzte Quarantänezeit würde die unkontrollierte Ausbreitung von Corona befeuern, kritisierte Stiftungsvorstand Eugen Brysch in den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Deshalb muss die Isolationszeit für Corona-Positive auf zehn Tage verlängert werden. Diese darf nur verkürzt werden, wenn ein PCR-Test negativ ausfällt."

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen rief angesichts der gestiegenen Infektionszahlen dazu auf, in Innenräumen Masken zu tragen. Dass dies vielfach nicht der Fall sei, mache es dem Virus "superleicht", sagte Dahmen im ARD-Morgenmagazin.

Die Chefin der Bildungsgewerkschaft GEW, Maike Finnern, forderte Rechtsgrundlagen für Masken- und Testpflichten, um Schulschließungen im Herbst zu vermeiden. Dazu gehöre die Möglichkeit einer Maskenpflicht, wenn die Infektionszahlen weiter stark steigen. Dann müssten auch wieder regelmäßige Tests in den Bildungseinrichtungen möglich sein, sagte sie dem RND. Man müsse alles dafür tun, erneute Schul- und Kitaschließungen zu verhindern.

Der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, erwartet bei hohem Infektionsgeschehen wieder Schließungen einzelner Lerngruppen oder Schulen, wie er dem RND sagte. Auch vor diesem Hintergrund müssten Schulen digital so ausgestattet werden, dass Schülerinnen und Schüler bei Distanzunterricht digital erreichbar wären: "Auch nach zwei Jahren Pandemie gibt es immer noch Schulen, die ohne Breitbandverbindung oder WLAN sind."

Bundesweite Inzidenz steigt weiter

Die Infektionszahlen sind in den vergangenen Wochen stark gestiegen. Das Robert Koch-Institut (RKI) gab die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz am Morgen mit 687,7 an. Das geht aus Zahlen hervor, die den Stand des RKI-Dashboards von 5.16 Uhr wiedergeben. Am Vortag hatte der Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche bei 650,7 gelegen (Vorwoche: 635,8; Vormonat: 257,6).

Allerdings liefert die Inzidenz kein vollständiges Bild der Infektionslage. Experten gehen seit einiger Zeit von einer sehr hohen Zahl nicht vom RKI erfasster Fälle aus - vor allem weil bei weitem nicht alle Infizierten einen PCR-Test machen lassen. Nur positive PCR-Tests zählen in der Statistik. Zudem können Nachmeldungen oder Übermittlungsprobleme zu einer Verzerrung einzelner Tageswerte führen.

Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI zuletzt 147.489 Corona-Neuinfektionen (Vorwoche: 142.329) und 102 Todesfälle (Vorwoche: 113) innerhalb eines Tages. Vergleiche der Daten sind auch hier wegen des Testverhaltens, Nachmeldungen und Übermittlungsproblemen nur eingeschränkt möglich. Generell schwankt die Zahl der registrierten Neuinfektionen und Todesfälle deutlich von Wochentag zu Wochentag, da insbesondere am Wochenende viele Bundesländer nicht ans RKI übermitteln und ihre Fälle im Wochenverlauf nachmelden.

Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 28.542.484 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

Einigung im Bürgertest-Streit

Im Streit über die Abrechnung der sogenannten Bürgertests hatten sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gestern Abend geeinigt. Das teilten beide nach Gesprächen mit. An den neuen Regeln zu den Bürgertests ändere sich nichts. Die Bürgertests sind seit vergangenem Donnerstag nur noch für bestimmte Risikogruppen und Anlässe kostenlos. In vielen anderen Fällen wird eine Zuzahlung von drei Euro fällig. Wer Anspruch worauf hat, wurde in der Coronatestverordnung festgelegt.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die für die Abrechnung der Tests zuständig ist, hatte die Regeln als zu bürokratisch kritisiert und angekündigt, die Bürgertests künftig nicht mehr abrechnen zu können. KBV-Chef Andreas Gassen forderte zudem eine komplette Einstellung der Tests und bezeichnete diese als "unsinnig".

Es sei nun geklärt, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen die neuen Anspruchsvoraussetzungen für Bürgertests nicht prüfen müssten, hieß es von der KBV. Entscheidend sei, dass sie "für Betrugsfälle, denen falsche oder gefälschte Angaben von Getesteten oder Teststellen zugrunde liegen, weder verantwortlich sind noch dafür im Nachhinein verantwortlich gemacht werden".

Lauterbach teilte mit, die Kassenärztlichen Vereinigungen überprüften weiterhin die Abrechnung. "Auffälligkeiten der Testergebnisse werden aber nachgelagert bewertet. Betrug mit Bürgertests darf sich nicht mehr lohnen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Juli 2022 um 05:05 Uhr.