Ein Mitarbeiter im Gesundheitswesen zeigt in einer Corona-Abstrichstelle einen Abstrich für einen Corona-Test (Archivbild). | dpa
FAQ

Neue Corona-Variante Kommt nun die Omikron-Welle?

Stand: 16.12.2021 17:41 Uhr

Omikron könnte schon bald zur dominierenden Corona-Variante in Europa werden. Was heißt das für die Impfungen? Was ist bekannt über schwere Verläufe? Antworten auf wichtige Fragen.

Schon seit Tagen sinkt die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland. Nach wie vor ist sie aber auf einem hohen Niveau. Täglich verzeichnet das Robert Koch-Institut (RKI) mehrere Hundert Todesfälle im Zusammenhang mit Corona. Von Entspannung in den Kliniken kann keine Rede sein.

Mit Omikron breitet sich jetzt eine Corona-Variante aus, die zu noch mehr Fällen als Delta führen wird, sagt RKI-Chef Lothar Wieler. In Großbritannien und Dänemark ist sie bereits stark verbreitet. Hierzulande seien es bisher einige Hundert Fälle, so Wieler. Was kommt nun auf Deutschland zu? Antworten auf wichtige Fragen im Überblick:

Was macht Omikron so besonders?

Die Omikron-Variante (B.1.1.529) wurde das erste Mal Ende November in Botswana nachgewiesen und verbreitete sich zunächst vor allem in Südafrika. Sie ist offenbar unabhängig von der derzeit dominierenden Delta-Variante entstanden. Die Omikron-Variante hat auffällig viele Erbgutveränderungen an Schlüsselstellen: Mehr als 30 Mutationen betreffen das sogenannte Spike-Protein, mit dem das Virus menschliche Zellen entert. Einige Mutationen sorgen zum Beispiel für höhere Übertragbarkeit, von vielen Mutationen ist die Bedeutung noch unklar, so das Robert Koch-Institut.

Das Problem: Die bisherigen Impfstoffe sind auf das Spike-Protein des Coronavirus vom Pandemie-Beginn ausgerichtet. Verändert sich ein Virus so, dass Antikörper von Genesenen und Geimpften weniger gut ansprechen, nennen Fachleute dies Immunflucht. Daneben gebe es Hinweise unter anderem aus genetischen Analysen, dass Omikron per se ansteckender sei als Delta, sagte Modellierer Dirk Brockmann von der Humboldt-Universität Berlin. Allein die Immunflucht könne die Wachstumsraten nicht erklären.

Wie schnell wird sich Omikron verbreiten?

In Großbritannien nehmen Experten eine Verdopplung der Fallzahl alle zwei bis drei Tage an, womöglich sogar noch schneller. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach nannte die Zahlen aus Großbritannien "sehr besorgniserregend" - auch mit Blick auf die relativ hohe Impfquote im Land. Nach Einschätzung der EU-Gesundheitsbehörde ECDC dürfte Omikron schon in den ersten beiden Monaten 2022 zur dominierenden Variante in Europa werden.

Brockmann schilderte für Deutschland die Lage für Omikron so: Beim geboosterten Teil der Bevölkerung - etwa ein Viertel - sei die Übertragungswahrscheinlichkeit verringert, allerdings nicht dauerhaft. Bei den übrigen Menschen könne der Erreger übertragen werden, auch "weil die erste und zweite Impfung praktisch nicht wirksam sind, was die Ausbreitungsdynamik angeht".

Wie gut schützen Impfungen?

Die Hersteller BioNTech/Pfizer werteten zwei Impfstoff-Dosen als nicht ausreichenden Schutz vor einer Infektion. Eine dritte Impfung könne Omikron aber neutralisieren. Eine Bevölkerungsstudie aus Großbritannien ergab, dass die Wirksamkeit gegen eine symptomatische Infektion mit Omikron 15 Wochen nach der zweiten Dosis BioNTech auf 34 Prozent sinkt. Menschen, die mit zwei Dosen des Astrazeneca-Präparats geimpft worden waren, hatten keinen Schutz mehr vor symptomatischer Infektion. Zwei Wochen nach einer Booster-Impfung stieg die Effektivität bei beiden Präparaten auf über 70 Prozent.

Einer vorläufigen Auswertung der südafrikanischen Krankenversicherungsgruppe Discovery zufolge bieten zwei Dosen des Impfstoffs von BioNTech/Pfizer mit 70 Prozent einen deutlichen Schutz vor schweren Erkrankungen. Bei Delta sind es 93 Prozent. Der Schutz vor einer Infektion sinkt jedoch deutlich von 80 Prozent bei Delta auf 33 Prozent bei Omikron.

Was bringt ein Impf-Booster?

Mit der Auffrischimpfung können Antikörperspiegel zum Schutz vor Ansteckung wieder angehoben werden. Perfekt ist er bisherigen Erkenntnissen nach aber nicht. Es sind bereits Omikron-Fälle bei dreifach Geimpften bekannt. Die Virologin Sandra Ciesek von der Uniklinik Frankfurt warnt daher, dass eine Konzentration auf die Booster-Kampagne nicht reichen werde, auch weil der Schutz wieder nachlasse.

Mit Blick auf eine Studie der Charité Berlin und der Universität Köln schrieb Lauterbach auf Twitter, dass wahrscheinlich nur durch Booster-Impfung zuverlässig ein Schutz vor Ansteckung erreicht werden könne. Die Daten stimmten ihn hoffnungsvoll.

Wie schwer verlaufen Omikron-Infektionen?

Das lässt sich noch nicht sicher beantworten, betont RKI-Chef Wieler. Es gibt erste Beobachtungen über relativ milde Verläufe in Südafrika, es ist aber unklar, ob es sich dabei um eine Eigenschaft des Virus handelt. Die Angaben stützen sich auf relativ geringe Fallzahlen bei eher jungen Betroffenen. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen in Südafrika bereits als von Corona genesen gelten.

Die WHO hielt kürzlich fest: "Wenn sich das klinische Profil der Patienten ändert, kann sich die Wirkung von Omikron ändern." Für eine relativ alte Gesellschaft mit vielen Ungeimpften wie in Deutschland kann das Bild somit anders ausfallen als in Südafrika. Britische Experten betonten zudem, dass viele Infektionen erst vor recht kurzer Zeit geschahen, aber es brauche ja einige Zeit bis zur Krankenhauseinweisung oder dem Tod.

Berichte über schwere Verläufe bei kleinen Kindern sind deutschen Fachleuten zufolge noch als vorläufig zu betrachten. Der Kinderarzt Jörg Dötsch von der Universität Köln sieht mit Blick auf die Delta- und auch die Omikron-Variante des Coronavirus bislang keine Zunahme an schweren Krankheitsverläufen einer Corona-Infektion.

Wie weit ist Omikron schon verbreitet?

Laut Informationen der Weltgesundheitsorganisation vom Dienstag haben 77 Länder Nachweise gemeldet. "Omikron breitet sich mit einer Geschwindigkeit aus, die wir bei keiner vorherigen Variante gesehen haben", sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Vermutlich sei Omikron bereits in den meisten Ländern, nur noch unerkannt. Unter anderem in Südafrika und Großbritannien werden deutliche Fallzahlenanstiege auf Omikron zurückgeführt.

Führt Omikron schneller in den endemischen Zustand?

Wegen der hohen Übertragbarkeit könnte Omikron einen schnelleren Übergang von der Pandemie in die Endemie bedeuten. Der Virologe Christian Drosten sagte dazu im NDR-Podcast: "Wir haben es hier mit einem perfekten Nach-Pandemie-Virus zu tun, mit einem perfekten ersten endemischen Virus." Dort, wo die Mutante entstanden ist, könnte Covid-19 wohl bald zu einer Krankheit werden, die regelmäßig und gehäuft auftritt, aber nicht mehr die Ausmaße einer Epidemie erreicht. Im Süden Afrikas sei die Bevölkerungsimmunität hoch, weil viele Menschen bereits eine Infektion durchgemacht haben. Für Deutschland gelte das nicht: "Wir sind noch nicht bereit für eine Nachdurchseuchung, wir sind noch nicht so weit mit unserer Impfimmunität."

Die Virologin Isabella Eckerle schrieb bei Twitter, dass Omikron ein "Ticket" in die endemische Situation werden könne. Sie wies allerdings auch darauf hin, dass der schnellere Übergang in die endemische Situation einen hohen Preis habe. Die WHO mahnt: Selbst falls Omikron weniger schwer krank machen sollte, so könnte doch die schiere Zahl der Fälle unvorbereitete Gesundheitssysteme überfordern.

Was raten Experten gegen Omikron?

Die Welle flachhalten: Das ist das Motto, das viele Wissenschaftler und die WHO ausgeben. Auf die Kombination von Maßnahmen komme es an: "Do it all. Do it consistently. Do it well (Macht alles. Macht es konsequent. Macht es gut)", sagte WHO-Chef Ghebreyesus. Das Impfen allein werde kein Land aus dieser Krise bringen. Es brauche zusätzlich etwa Masken, Abstand, Lüften, Handhygiene.

Deutsche Experten riefen am Mittwoch zu schnellem, vorsorglichem Handeln auf. Man müsse auf alle möglichen Szenarien vorbereitet sein. Auch auf den Worst Case wie etwa steigende Krankenhausbelegungen.

Mehrere Fachleute halten an Omikron angepasste Impfstoffe für nötig. BioNTech arbeitet bereits an einer Anpassung. Das Paul-Ehrlich-Institut stellt eine schnelle Zulassung eines modifizierten Corona-Impfstoffs in Aussicht. BioNTech und Moderna hätten signalisiert, dass sie innerhalb von sechs Wochen eine Stammanpassung umzusetzen könnten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. Dezember 2021 um 20:00 Uhr.