Mitarbeiterinnen eines Gesundheitsamts am Telefon, um Infektionsketten in der Corona-Pandemie nachzuspüren, geschützt durch Trennwände und Gesichtsvisier | picture-alliance/dpa

Ausbreitung des Coronavirus Bund fürchtet unklare Infektionsketten

Stand: 07.10.2020 16:32 Uhr

Angesichts steigender Neuinfektionen warnt der Bund, dass die Gesundheitsämter bald überfordert sein könnten. Laut dpa sollen sich die Länder auf ein Beherbergungsverbot für Reisende aus inländischen Risikogebieten geeinigt haben.

Die Bundesregierung warnt vor einer unklaren Verbreitung des Coronavirus. "Wir haben sprunghaft ansteigende Zahlen, insbesondere in einigen deutschen Großstädten, auch in der Hauptstadt", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Fälle seien nicht mehr "einem einzelnen Ausbruchsgeschehen" zuzuordnen. Das lasse befürchten, "dass es zu einer weiteren diffusen Verbreitung des Virus kommen kann".

Die Gesundheitsämter müssten weiterhin in der Lage bleiben, Infektionsketten zu verfolgen und zügig zu unterbrechen. "Und mit steigenden Zahlen ist einfach zu befürchten, dass Gesundheitsämter an den Rand oder über den Rand ihrer Fähigkeiten hinaus kommen", sagte Seibert. "Die Pandemie werden wir nur eindämmen können, wenn wir die Infektionsketten erkennen und durchbrechen."

Seibert: Verschärfte Maßnahmen, wo es nötig ist

Seibert erinnerte an eine Absprache zwischen Bund und Ländern vom Mai, wonach dort verschärfte Maßnahmen zur Eindämmung des Virus ergriffen werden sollten, wo binnen sieben Tagen mehr als 50 Neuinfektionen mit dem Coronavirus pro 100.000 Einwohnern auftreten. Einige Landkreise und Städte wie Gütersloh oder München hätten dies erfolgreich getan.

Höchster Wert seit April

In Deutschland hat die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus den bislang höchsten Wert seit der zweiten Aprilhälfte erreicht. Innerhalb eines Tages meldeten die Gesundheitsämter 2828 neue Corona-Fälle, wie das Robert Koch-Institut (RKI) mitteilte. Damit liegt die Zahl der Neuinfektionen noch einmal höher als am Freitagmorgen, als mit 2673 Neuinfektionen innerhalb eines Tages der zuvor geltende Höchstwert seit der zweiten Aprilhälfte gemeldet worden war.

Seit Beginn der Corona-Krise haben sich nach Angaben des RKI mindestens 306.086 Menschen in Deutschland nachweislich mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion liegt nach RKI-Angaben bei 9562. Das sind 16 mehr als am Vortag. Etwa 267.700 Menschen haben die Infektion nach RKI-Schätzungen überstanden.

Wieder mehr Patienten auf Intensivstationen

Ein Anstieg zeichnet sich weiterhin bei den intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Patienten ab. Laut aktuellem RKI-Lagebericht werden derzeit 449 Corona-Infizierte intensivmedizinisch behandelt, 219 davon müssen beatmet werden. Vor einer Woche hatte die Zahl der Intensivpatienten noch bei 352 gelegen, in der Woche davor bei 278. Rund 8900 Intensivbetten sind in den deutschen Kliniken derzeit noch frei.

Beherbergungsverbot für Reisende aus Risikogebieten?

Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) berät derzeit mit den Chefs der Staatskanzleien der Länder über das weitere Vorgehen. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet, verständigten sich die Bundesländer auf ein Beherbergungsverbot für Urlauber aus inländischen Corona-Risikogebieten. Das Verbot gelte bundesweit, soll demnach aus Teilnehmerkreisen nach einer Schaltkonferenz bekannt geworden sein.

Darin sollte es angesichts teils unterschiedlicher Regelungen um einen einheitlichen Rahmen gehen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) teilte für sein Land mit, dass Urlauber aus innerdeutschen Corona-Hotspots ohne negativen Corona-Test von diesem Donnerstag an nicht mehr in bayerischen Hotels und Gaststätten übernachten dürfen. Das Beherbergungsverbot soll demnach für Reisende aus Gebieten mit mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen sieben Tagen gelten. Die genauen Gebiete müssen noch vom bayerischen Gesundheitsministerium benannt werden.

Söder: Testpflicht für alle Bayern-Urlauber aus Risikoregionen

Söder erklärte, dies bedeute "eine Testpflicht de facto für Urlauber, die aus Risikogebieten nach Bayern kommen". Denn wer einen aktuellen, negativen Corona-Test vorweisen kann, darf auch weiterhin in Hotels in Bayern übernachten. Tests müssen Reisende aber in der Regel aus eigener Tasche bezahlen, wenn sie keine Krankheitsanzeichen haben.

Lauterbach hält Regel für "kaum umsetzbar"

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach erklärte, innerdeutsche Testpflichten und Beherbergungsverbote seien wenig sinnvoll. "Wir werden bald so viele betroffene Regionen haben, dass die Regel kaum umsetzbar, geschweige denn kontrollierbar ist." Zudem müssten Angebote in Deutschland erhalten bleiben, gerade um zu verhindern, dass Deutsche in ausländische Hochrisikoregionen reisen.

Wegen Quarantäneauflagen für Einreisende aus einigen Kommunen und Berliner Stadtbezirken mit hohen Infektionszahlen war zuletzt vor allem Schleswig-Holstein in die Kritik geraten. Auch die Regelung in Rheinland-Pfalz wirkt ähnlich. Beide Landesregierungen zeigten sich kompromissbereit, zu einem bundesweit einheitlichen Rahmen zu kommen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 07. Oktober 2020 um 16:00 Uhr und 17:00 Uhr.