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Gefährliche Mutationen "Das Virus hat die Spielregeln verändert"

Stand: 03.02.2021 20:14 Uhr

Sie gefährden die Erfolge des Lockdowns und die Wirksamkeit von Impfstoffen: Mindestens drei Mutationen des Coronavirus breiten sich weltweit aus. Experten warnen vor den Folgen.

Von David Zajonz, WDR

Klar ist: Das Coronavirus verändert sich und wird dadurch deutlich ansteckender. Nach Ansicht von Karl Lauterbach ist das aber nicht die größte Gefahr, die von den Mutationen ausgeht. Viel schlimmer sei, dass das mutierte Virus die menschliche Immunabwehr teilweise umgehen könnte, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete und Epidemiologe im Gespräch mit tagesschau.de: "Das Virus könnte sich dann auch unter bereits Geimpften verbreiten und auch unter Menschen, die die Krankheit schon durchgemacht haben. Das ist ganz klar die größere Gefahr", so Lauterbach.

David Zajonz

Bei den bisher bekannten Mutationen scheinen die Impfstoffe noch zu wirken, allerdings teilweise nicht mehr so effektiv wie bei der herkömmlichen Variante. Der Vorsitzende des Impfstoff-Herstellers Pfizer, Albert Bourla, sagt, es sei "sehr wahrscheinlich", dass eines Tages eine Mutation den Impfstoff unwirksam machen werde, auch wenn das derzeit noch nicht der Fall sei.

Mutationen "massiv unterschätzt"

Sollte der Impfschutz deutlich geringer ausfallen, wäre ein ständiger Impfkreislauf die Folge, bei dem gegen immer neue Mutanten geimpft werden müsste, auch weil das Virus permanent mutiert, um zu überleben. Lauterbach warnt: "Die Bedeutung der Mutationen für die langfristige Entwicklung der Pandemie wird in der Gesellschaft aber auch in der Politik massiv unterschätzt."

Besorgniserregend sind in diesem Zusammenhang beispielsweise neue Daten des US-Herstellers Novavax. Gegen das herkömmliche Sars-CoV-2-Virus wirkt dessen Impfstoff demnach zu knapp 90 Prozent. Bei der südafrikanischen Variante liegt die Wirksamkeit hingegen nur bei 50 bis 60 Prozent.

"Flaschenhals" Impfstoffproduktion

Die Hersteller sind zuversichtlich, dass sie ihren Impfstoff schnell an das neue Virus anpassen können. BioNTech-Gründer Ugur Sahin sprach Mitte Dezember davon, die Anpassung würde etwa sechs Wochen dauern.

Nach Ansicht von Lauterbach ist der Weg zur tatsächlichen Impfung aber sehr viel länger: "Der Flaschenhals sind die Tests an Patienten, die Produktion des Impfstoffes und die Durchführung der Impfung selbst", sagt der SPD-Politiker. Von Beginn der Weiterentwicklung des Impfstoffes bis zur tatsächlichen Impfung werde es mindestens ein halbes Jahr dauern, glaubt er. Umso wichtiger sei es, große Produktionskapazitäten aufzubauen.

Flucht-Mutationen besonders gefährlich

Drei große Mutanten sind derzeit bekannt: Die britische, die südafrikanische und die brasilianische Variante. Offenbar sind alle drei deutlich ansteckender als das ursprüngliche Virus. Die südafrikanische und die brasilianische Variante entziehen sich außerdem teilweise der Immunabwehr durch den menschlichen Körper, was sie besonders gefährlich macht. Vereinzelt tritt diese Eigenschaft auch bei der britischen Variante auf. Die "Flucht" vor der Immunreaktion wird als "Escape-Mutation" bezeichnet.

"Das Virus hat mitten im Spiel die Spielregeln geändert", kommentiert das der Kölner Virologe Rolf Kaiser. An der Uni-Klinik Köln werden positive Corona-Tests systematisch auf Mutationen untersucht. "Die britische und die südafrikanische Variante sind in Deutschland angekommen", bilanziert Kaiser.

Forscher spüren Mutationen auf

Die Kölner Forscher verwenden einen speziellen PCR-Test, mit dem sie schnell überprüfen können, ob ein Patient mit der alten oder mit einer der neuen Virus-Varianten infiziert ist. "Mit dieser Mutations-PCR können wir nur Varianten finden, die bereits bekannt sind", sagt Kaiser.

Aus den Untersuchungen lässt sich ableiten, dass sich die Mutanten in den vergangenen Wochen verstärkt ausgebreitet haben. "Wir sehen die neuen Varianten inzwischen fast täglich", so Kaiser. Bislang noch gänzlich unbekannte Mutanten lassen sich allerdings nur mit der aufwändigeren Sequenzierung aufspüren, die in Deutschland vergleichsweise wenig verbreitet ist.

Mutanten werden sich wohl durchsetzen

Da die Virus-Mutanten deutlich ansteckender sind als das ursprüngliche Virus, werden sie sich aller Voraussicht nach mittelfristig durchsetzen. Das könnte zu vermehrten Ansteckungen führen und die bisherigen Erfolge des Lockdowns gefährden. Lauterbach wäre in einem solchen Fall für tiefergehende Einschränkungen: "Politisch würde das bedeuten, dass wir uns überlegen müssten, wo wir nachschärfen können."

Insgesamt könnte der Kampf gegen die Pandemie durch die Mutationen noch deutlich härter ausfallen als bislang. Viele Fragen sind aber noch offen, auch im Hinblick auf die Wirkung des Impfstoffes. "Eine realistische Hoffnung ist, dass die Geimpften zwar nicht vor der Infektion, aber doch zumindest ziemlich sicher vor dem Tod geschützt sind", sagt Virologe Kaiser.