Zwei Ampullen mit dem Corona-Impfstoff von Johnson&Johnson. | AFP

Johnson&Johnson Priorisierung für Impfstoff aufgehoben

Stand: 10.05.2021 17:13 Uhr

Künftig kann sich bundesweit jeder Erwachsene mit dem Vakzin von Johnson&Johnson impfen lassen. Empfohlen wird der Wirkstoff aber vorrangig für Menschen über 60 Jahre. Bisher kommt das Mittel in Deutschland kaum zum Einsatz.

Der volle Impfschutz mit nur einer Spritze soll nun für alle erwachsenen Deutschen kommen. Bund und Länder kündigten heute an, dass die Priorisierung für das Vakzin von Johnson&Johnson aufgehoben wird. Gleichwohl legten sie sich auch darauf fest, den Menschen über 60 Jahren einen Vorrang bei Impfungen mit dem Präparat einzuräumen. Sie sollen es in erster Linie bekommen.

Nach Auskunft von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn soll dies ermöglichen, die Impfkampagne weiter "pragmatisch" und "mit Geschwindigkeit" voranzutreiben. Die Ständige Impfkommission (STIKO) hatte die Empfehlung einer Impfung des Präparats "für Personen im Alter über 60" vorgeschlagen.

Bund und Länder folgten dem ursprünglichen Vorschlag deshalb nicht in Gänze, da sie damit rechnen, dass "bis Ende Mai, Anfang Juni alle über 60-Jährigen, die das wollen, auch geimpft sein werden", sagte Spahn. Von Johnson&Johnson würden aber erst ab Juni große Liefermengen erwartet. Darum solle das Vakzin auch jüngeren Menschen angeboten werden können. Sie sollen das Vakzin nutzen dürfen, nachdem sie ein Arzt über die Risiken aufgeklärt hat.

Thrombosefälle auch bei Impfung mit Johnson&Johnson

Der Impfstoff des Konzerns ist bereits seit Mitte März in der EU zugelassen. Sein Vorteil: Im Gegensatz zu anderen Vakzinen ist bei dem Mittel von Johnson&Johnson nur eine einmalige Impfung notwendig, die vollen Impfschutz gewährleisten soll.

Doch Mitte April schlugen die amerikanischen Gesundheitsbehörden Alarm: Nach Impfungen mit dem Vakzin kam es demnach zu seltenen Fälle von Thrombosen, die vor allem bei Frauen unter 60 Jahren auftraten. Daraufhin setzten die USA die Impfungen mit Johnson&Johnson vorübergehend aus. Der Hersteller selbst verschob den Markteinstieg mit seinem Vakzin in Europa.

In Deutschland gebe es bisher keine Meldungen zu Komplikationen wegen Johnson&Johnson, sagte eine Sprecherin des Paul Ehrlich-Instituts. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA gab dem J&J-Impfstoff nach einer Überprüfung wegen der Thrombosefälle grünes Licht.

Ähnliche Nebenwirkungen waren auch bei dem Impfstoff von AstraZeneca aufgetreten. Daraufhin hatten mehrere Länder, darunter auch Deutschland, das Impfen mit dem Wirkstoff zunächst gestoppt und später die Zulassung des Vakzins auf bestimmte Altersgruppen eingeschränkt.

Arzt muss vor der Impfung über Risiken beraten

In der vergangenen Woche hatten Bund und Länder die Priorisierung für AstraZeneca aufgehoben. Das heißt, für das Impfen mit diesem Wirkstoff gelten die gleichen Voraussetzungen wie nun auch für Johnson&Johnson. Ein Arzt muss über mögliche Risiken beraten, dann können sich bundesweit alle Erwachsenen mit dem Mittel impfen lassen. Zuvor galt auch für AstraZeneca die Beschränkung auf die Altersgruppe der über 60-Jährigen.

Bund und Länder hätten beim Umgang mit dem Impfstoff von Johnson&Johnson "Lehren aus der Entwicklung bei AstraZeneca gezogen", betonte Spahn. Die zwar "sehr seltenen" Nebenwirkungen bei dem Vakzin aus den USA müssten ernst genommen werden. Gleichzeitig müsse aber das Impftempo hochgehalten werden.

Sorgen bei der Wohnungslosenhilfe

Bislang wurde das Mittel von Johnson & Johnson in Deutschland kaum verimpft. Spahn zufolge wurden bisher rund 460.000 Impfdosen nach Deutschland geliefert. Davon seien bis zum jetzigen Zeitpunkt aber nur knapp 20.000 Dosen genutzt worden, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet. Darum sind bisher auch kaum Daten zu den möglichen Nebenwirkungen des Impfstoffes vorhanden.

Da das Präparat von Johnson&Johnson nur mit einer Dosis verimpft werden muss, um einen Patienten zu schützen, ist es in vielen Kommunen für Menschen vorgesehen, bei denen ein zweiter Termin schlecht planbar ist. Das Vakzin soll deshalb in Flüchtlings- und Obdachloseneinrichtungen eingesetzt werden. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe zeigte sich besorgt über die Empfehlung der STIKO. Geschäftsführerin Werena Rosenke nannte die Entscheidung bitter.

Wohnungslose gehörten der Priorisierungsgruppe zwei an und müssten schon längst geimpft sein, betonte sie. Doch noch immer sei die Impfquote unter Betroffenen viel zu niedrig. Viele Kommunen hätten auf den Impfstoff des US-Konzerns gewartet, sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. Gerade Wohnungslose hätten oft Vorerkrankungen und sollten so schnell wie möglich geimpft werden.

"Für Menschen in prekären Verhältnissen"

Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) sagte, für Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge werde nun überlegt, dort die Impfstoffe von BioNTech/Pfizer oder Moderna einzusetzen und die Zeit bis zur Zweitimpfung zu verkürzen.

"Die Städte brauchen den Impfstoff von Johnson&Johnson besonders für die Menschen, die schwer erreichbar sind, weil sie keinen festen Wohnsitz haben oder in prekären sozialen Verhältnissen leben", sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy, der Nachrichtenagentur dpa. Da er nach ärztlicher Aufklärung eingeschränkt verimpft werden könne, könne er weiter ein wichtiger Baustein sein.

Mehr als zehn Millionen Impfdosen im Juni und Juli geplant

Insgesamt soll Deutschland mehr als 36 Millionen Impfdosen von Johnson&Johnson erhalten. Allein im Juni und Juli sollen nach Angaben von Spahn mehr als zehn Millionen dieser Impfdosen geliefert werden.

Nach Angaben des Robert Koch-Institutes haben in Deutschland mittlerweile fast 27 Millionen Menschen eine Erstimpfung gegen das Coronavirus erhalten, was mehr als 32 Prozent der Gesamtbevölkerung entspreche. Mehr als neun Prozent, also etwa 7,8 Millionen Bürger, seien bereits vollständig geimpft.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Mai 2021 um 12:00 Uhr.