Zwei Frauen stehen Soldaten mit Schutzmasken in der Innenstadt von Mailand gegenüber. (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Wegen Coronavirus RKI warnt vor Italien-Reisen

Stand: 10.03.2020 11:31 Uhr

In Italien hat sich die Corona-Krise verschärft. Das Robert Koch-Institut rät von Reisen dorthin ab und fordert, Notfallpläne zu aktivieren. Mit Infektionen in Sachsen-Anhalt sind nun alle Bundesländer vom Coronavirus betroffen.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat ganz Italien zu einem Risikogebiet erklärt. Für Deutschland stuft es in der Risikobewertung die Gefahr als "mäßig" ein. Es gebe aber auch in Deutschland besonders gefährdete Gebiete, vor allem den nordrhein-westfälischen Landkreis Heinsberg.

Gemeinden und Krankenhäuser sollen Krisenpläne aktivieren

Das RKI rief die Gemeinden und Krankenhäuser in Deutschland dazu auf, ihre Krisenpläne zu aktivieren. "Es ist eine ernste Situation", sagte RKI-Präsident Lothar Wieler. "Ich fordere alle Bürgermeister und Landräte auf, ihre Krisenpläne zu aktivieren." Das gelte auch für alle Ärzte - die Krankenhäuser müssten sich darauf vorbereiten, ihre Strukturen anzupassen.

"Wir stehen am Anfang dieser Epidemie", sagte Wieler. "Wir werden sie nur bewältigen, wenn alle Verantwortungsträger mit dieser bevorstehenden Krise entsprechend umgehen." Zur Anpassung der Strukturen in den Krankenhäusern zähle etwa, nicht zwingend erforderliche Eingriffe auszusetzen. Außerdem sei sinnvoll, mehr Intensivbetten und Beatmungsgeräte zur Verfügung zu stellen.

Laut Wieler werden vier von fünf am Coronavirus erkrankte Menschen einen milden Verlauf der Krankheit haben. Es müsse nun die Gruppe der älteren und chronisch kranken Menschen besonders geschützt werden, weil die Wahrscheinlichkeit für schwere Krankheitsverläufe mit zunehmendem Alter zunehme.

Nun alle Bundesländer vom Virus betroffen

Mittlerweile sind alle Bundesländer vom Coronavirus betroffen. Als letztes Bundesland meldete auch Sachsen-Anhalt die ersten bestätigten Fälle. Vier Menschen wurden dort positiv getestet, wie das Landessozialministerium in Magdeburg mitteilte. Drei von ihnen haben sich mutmaßlich in Südtirol und in Tirol angesteckt, zum vierten Fall gibt es noch keine weiteren Informationen. Die Zahl der nachgewiesenen Infektionen hierzulande liegt nach den aktuellsten Angaben des Robert Koch-Instituts bei 1139.

Spahn geht von weiteren Einschränkungen aus

Nach den ersten beiden Todesfällen in Deutschland ist der Höhepunkt der Epidemie nach Einschätzung von Gesundheitsminister Jens Spahn noch nicht erreicht. "Wir erwarten einen weiteren Anstieg der Infektionen", schrieb er in einem Gastbeitrag in der "Bild"-Zeitung. "Es wird weitere Einschränkungen unseres Alltags geben."

Das öffentliche Leben einzuschränken, sei keine einfache Entscheidung. Öffentlichkeit gehöre zur Demokratie. "Das soll so bleiben. Deshalb müssen wir behutsam und besonnen vorgehen. Flächendeckende Schulschließungen sehe er skeptisch. "Weil Eltern dann ihre Kinder betreuen müssen und auch nicht mehr im Krankenhaus arbeiten können." Oberstes Ziel sei es, den Ausbruch zu verlangsamen.

Jens Spahn | Bildquelle: OMER MESSINGER/EPA-EFE/Shutterst
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Spahn erwartet weitere Einschränkungen in Deutschland.


Wirtschaftsexperte erwartet Rezession

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet, dass Deutschland infolge der Coronavirus-Krise in eine Rezession abgleitet. Das Coronavirus scheine die deutsche Wirtschaft nach den vorliegenden Zahlen "recht kräftig zu erfassen", sagte der Leiter der DIW-Abteilung für Konjunkturpolitik, Claus Michelsen, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Vor allem die Industrie dürfte nach seiner Einschätzung betroffen sein, aber auch Dienstleistungen wie das Gastronomiegewerbe und die Reisebranche.

Michelsen rechnet auch mit Auswirkungen auf die Beschäftigungslage. Wahrscheinlich werde in der Industrie zwar die Stammbelegschaft gehalten werden können, aber kaum mehr Zeitarbeit nachgefragt werden. "Im Bereich der Dienstleistungen ist auch ein Stellenabbau denkbar", sagte der Experte.

Altmaier stellt weitere Wirtschaftshilfen in Aussicht

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier kündigte an, bei Bedarf die zuletzt beschlossenen Maßnahmen zur Stützung der Wirtschaft auszuweiten. Heute gebe es in Berlin Beratungen mit den Wirtschaftsministern der Länder, um sicherzustellen, dass die Folgen des Virusausbruchs beherrschbar seien, sagte Altmaier im Morgenmagazin von ARD und ZDF. Je langsamer sich das Virus ausbreite, desto wahrscheinlicher sei es, dass auch im zweiten Halbjahr eine Rezession verhindert werden könne.

Die Koalitionsspitzen hatten sich auf Erleichterungen beim Kurzarbeitergeld und eine Verstärkung der Investitionen um 12,4 Milliarden Euro bis 2024 geeinigt. Zudem will die Bundesregierung Vorschläge für Liquiditätshilfen für Unternehmen unterbreiten, die besonders von den Auswirkungen des Coronavirus betroffen sind.

Kritik an Bundesregierung

Der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, kritisierte die anvisierten Maßnahmen als unzureichend. Angesichts der Risikolage sei die Koalition "zu kurz gesprungen", sagte er der "Passauer Neuen Presse".

Auch Ifo-Chef Clemens Fuest forderte die Bundesregierung auf, ihre Hilfen für die Wirtschaft zu verstärken. Die bisherigen Maßnahmen gingen in die richtige Richtung, doch müsse "mehr getan werden", sagte Fuest der "Augsburger Allgemeinen". Die betroffenen Branchen bräuchten erhebliche Liquiditätshilfen, damit die Krise nicht Unternehmen in die Insolvenz treibe, deren Geschäftsmodell eigentlich gesund sei.

Erstes Geisterspiel in der Bundesliga

In der Fußball-Bundesliga kommt es zum ersten Geisterspiel. Das Nachholspiel Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln an diesem Mittwoch darf nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, teilte die Stadt Mönchengladbach mit.

Auch das RKI rät vom Besuch von Fußballspielen ab. Das Institut plädiere dafür, nicht zwingend notwendige Veranstaltungen abzusagen oder zu meiden, sagt Wieler. "Es gibt einfach Dinge, auf die man auch verzichten kann. Und aus meiner Sicht kann man eben auch verzichten, zu einem Fußballspiel zu gehen."

Borussiapark | Bildquelle: picture alliance / Mika
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Das Spiel Mönchengladbach gegen Köln wird ohne Zuschauer ausgetragen.

Reichstagskuppel geschlossen

Spahn hatte empfohlen, Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern abzusagen. Die bayerische Staatsregierung will Veranstaltungen mit mehr als 1000 Gästen zunächst bis Karfreitag untersagen. Auch das soll heute formell beschlossen werden.

In Berlin schließt der Bundestag ab sofort die Reichstagskuppel und die Dachterrasse für Besucher. Die begehbare Kuppel des Architekten Sir Norman Foster auf dem historischen Reichstagsgebäude ist eine Touristenattraktion. Sie wird laut Bundestag von jährlich mehr als zwei Millionen Menschen besucht.

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