Teilnehmer einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen und Polizisten stehen sich gegenüber, Schweinfurt/Bayern. | dpa

Corona-Proteste Kinder nicht als "Schutzschild" missbrauchen

Stand: 27.12.2021 18:21 Uhr

Bei teils gewaltsamen Corona-Protesten am Sonntag in Schweinfurt wurde auch ein vierjähriges Kind verletzt. Kritik gab es deswegen an dessen Mutter. Vier Demonstranten wurden zudem in Schnellverfahren verurteilt.

Der Fall eines bei einer Demonstration gegen Corona-Maßnahmen verletzten Kindes ruft bei Polizeigewerkschaften und dem Kinderschutzbund scharfe Kritik hervor. Das vier Jahre alte Kind hatte Pfefferspray abbekommen, als seine Mutter versuchte, eine Polizeiabsperrung zu durchbrechen.

Der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, sagte gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland:

Ich finde es unverantwortlich, dass noch sehr junge Kinder, die selbst noch keine eigene Entscheidung diesbezüglich treffen können, mit auf Demonstrationen genommen werden, bei denen es erfahrungsgemäß zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt.

Kein Einzelfall

Aus Sicht des Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow, habe die Mutter damit rechnen müssen, dass auch ihr Kind verletzt werden könnte. In der "Rheinischen Post" sagte Malchow, dass es bei weitem kein Einzelfall sei, dass zu Protestaktionen gegen die Corona-Politik auch Kinder mitgenommen würden:

Es gibt das Phänomen häufiger, dass Eltern mit ihren Kindern, oft auch im Kinderwagen, zu Impfgegner-Demos gehen, um ihre Kinder als Schutzschilder gegen polizeiliche Maßnahmen einzusetzen.

Die Polizeikräfte stelle das vor die Herausforderung, abzuwägen, mit welchen Mitteln sie gegen eventuelle Ausschreitungen vorgehen und wie viel Rücksicht sie dabei auf Kinder nehmen könnten. Durch anwesende Kinder erhöhe sich der Schutz gewaltbereiter Teilnehmer in einer Versammlung - "aber auf Kosten der Sicherheit der Kinder", warnte Malchow. Wer sich friedlich und ohne Waffen versammle, der brauche keinen Schutzschild - und erst recht kein Kind, das ihn oder sie schütze.

Entscheidung "aus absolutem Kalkül"

Ähnlich äußerte sich Thorsten Grimm, der unterfränkische Bezirksvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). "Man muss sich schon die ernsthafte Frage stellen, was eine Mutter dazu bewegt, ihr Kind im Kinderwagen auf eine solche Versammlung mitzunehmen und sich dann auch noch in vorderster Front zu bewegen beim Versuch, die Polizeisperren zu umgehen." Ein Kind als eine Art Schutzschild "zu missbrauchen" stelle für ihn einen "Akt der Unmenschlichkeit" dar, welcher das Jugendamt auf den Plan rufen müsse.

Auch der Vorsitzender des Bayerischen DPoIG-Landesverbandes, Jürgen Köhnlein, verurteilte die Entscheidung, Kinder zu Protestaktionen wie in Schweinfurt mitzunehmen. Dies geschehe "aus absolutem Kalkül und auch zum Selbstzweck".

Jugendamt über Fall informiert

An der unangemeldeten Demonstration in Schweinfurt hatten Polizeiangaben zufolge etwa 2500 Menschen teilgenommen. Teilweise kam es zu aggressiven Ausschreitungen. Mehrere Polizeibeamte wurden verletzt. Die Polizei setzte teils Schlagstöcke und Pfefferspray ein. In eine Pfefferspray-Wolke geriet auch die Mutter mit dem vierjährigen Kind, als sie eine Polizeiabsperrung überwinden wollte.

Das Kind erlitt Reizungen an den Augen, konnte jedoch noch vor Ort behandelt werden. Laut Polizei geht es ihm inzwischen wieder gut. Das Jugendamt wurde verständigt. Zudem wurde gegen die Mutter Anzeige wegen eines Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz erstattet. Insgesamt wurden acht Personen, die an der Demonstration teilgenommen hatten, festgenommen.

Gericht verurteilt Demo-Teilnehmer im Schnellverfahren

Vier Teilnehmer mussten sich vor Gericht verantworten. In beschleunigten Verfahren verhängte das Amtsgericht Schweinfurt Geld- und Bewährungsstrafen. Bei der Demonstration am Sonntagabend waren acht Polizisten und mehrere Teilnehmer der Kundgebung verletzt worden. Gegen zwei Männer verhängte das Gericht wegen Widerstands, tätlichen Angriffs und Körperverletzung beziehungsweise versuchter Körperverletzung Bewährungsstrafen von zwölf und acht Monaten.

Eine Frau wurde wegen Widerstands und tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte zu sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt, wie die Justiz mitteilte. Gegen einen weiteren Angeklagten verhängte das Amtsgericht wegen Widerstands und Beleidigung eine Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu je 20 Euro.

Anmerkung der Redaktion: Bei der verurteilten Frau handelt es sich nicht um die Mutter des vierjährigen Kindes, das leicht verletzt wurde, wie es zunächst in dieser Meldung hieß. Wir haben dies korrigiert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Dezember 2021 um 08:00 Uhr.