Eine Mitarbeiterin des Labors Bioscientia in Ingelheim am Rhein hält eine Probe in den Händen.  | dpa

Corona-Pandemie Ärzte fordern Ende des "Datenblindflugs"

Stand: 09.06.2022 07:57 Uhr

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie fehlt der Bundesärztekammer auch nach mehr als zwei Jahren vor allem eines: verlässliche Daten. Auch die tägliche Statistik des RKI basiert auf einer immer brüchigeren Datenlage.

Mit den wärmeren Sommermonaten scheint sich die Corona-Lage in Deutschland zu stabilisieren - doch schon jetzt richten Politik und Mediziner den Blick auf den Herbst und einen möglicherweise erneut drohenden Anstieg der Infektionszahlen. Auch die Bundesärztekammer mahnt, sich bereits jetzt besser für dieses Szenario zu wappnen: Dafür müsse vor allem auch der bundesweite Datenaustausch rund um die Pandemie endlich besser funktionieren.

Von einem "wahren Datenblindflug" in den vergangenen zweieinhalb Jahren sprach Ärztepräsident Klaus Reinhardt im Gespräch mit der Funke Mediengruppe. Das sei "keine gute Grundlage für rationale Entscheidungen" gewesen. Nur mit Klarheit über das tatsächliche Infektionsgeschehen in der Bevölkerung könnte etwa die zu erwartende Auslastung in den Krankenhäusern und die Belegung von Intensivbetten realistisch prognostiziert werden.

Wer zahlt für die nötige IT-Technik?

Daher müssten Daten zur Infektionsdynamik, aber auch zur Krankheitsschwere im Fall einer Ansteckung und zur aktuellen Belastung des Gesundheitswesens systematisch erfasst und ausgewertet werden, so Reinhardt.

Mit dieser Forderung steht der Ärztepräsident nicht allein da: Auch der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, drängte in der "Rheinischen Post" auf einen verbesserten Informationsaustausch und stellte gleichzeitig die Frage in den Raum, "wer die Kosten für die notwendigen IT-Investitionen übernimmt".

Zunahme der Sieben-Tage-Inzidenz

Die zentrale "Sammelstelle" für die Daten aus den Bundesländern und von deren Gesundheitsämtern ist das Robert Koch-Institut (RKI). In den vergangenen 24 Stunden meldeten die Ämter 77.636 bestätigte Neuinfektionen an das RKI. Zudem starben den Angaben zufolge binnen eines Tages 90 Menschen in Zusammenhang mit einer Corona-Infektion. Im Vergleich zum Donnerstag der vergangenen Woche bedeutet das einen Anstieg der neuen Ansteckungen: Vor sieben Tagen wurden bundesweit rund 48.500 Neuinfektionen meldet. Die Todesfälle gingen im Vergleich aber zurück - deren Zahl lag am vergangenen Donnerstag bei 131 binnen eines Tages.

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz liegt damit derzeit bei 276,9. Damit hat der Wert, wie viele von 100.000 Bürgerinnen und Bürgern sich innerhalb einer Woche mit dem Coronavirus anstecken, sowohl gegenüber dem Vortag als auch gegenüber dem Wert der Vorwoche zugenommen: Laut RKI lag die Inzidenz am Mittwoch bei 238,1 und am vergangenen Donnerstag bei 221,4. Vor genau einem Monat hatte der Wert aber noch bei 499,2 gelegen.

Blickt man auf die Lage in den einzelnen Bundesländern, verzeichnet momentan Thüringen die geringste Sieben-Tage-Inzidenz. Sie liegt hier nach Angaben des RKI derzeit bei 82,3. Damit ist Thüringen auch das einzige Bundesland, das die Schwelle von 100 beim Inzidenzwert unterschreitet. Den höchsten Wert verzeichnet Schleswig-Holstein mit 459,9, gefolgt von Hessen mit 394,8 und Niedersachsen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 371,9.

Sinkende Aussagekraft der Statistik

In einem Bericht von vergangener Woche weist das RKI darauf hin, dass das Testen innerhalb der Bevölkerung "unverzichtbar für die diagnostische Abklärung" sei und "eine wichtige Rolle für die Beurteilung der epidemiologischen Entwicklung" spiele. Und doch verlieren die Zahlen der RKI-Statistik an Aussagekraft. Dafür spielen mehrere Gründe eine Rolle. Zwei benennt das RKI in seinem Wochenbericht selbst: Veränderungen in der Teststrategie sowie im Testverhalten der Bevölkerung. Mit dem Wegfall der Corona-Maßnahmen endete in einigen Bereichen auch die Pflicht, sich regelmäßig zu testen. Ein Beispiel: Schulen und Kitas. Und auch, wenn weiterhin kostenfreie Corona-Tests für die Bevölkerung angeboten werden, so nimmt die Nachfrage danach immer weiter ab.

In die RKI-Statistik zu den aktuellen Fallzahlen bundesweit fließen sogar nur per PCR-Test bestätigte Infektionen ein. Doch seit Februar ist ein positiver PCR-Test teils keine Voraussetzung mehr für Ärzte, um eine Krankschreibung wegen einer Corona-Infektion auszustellen. Auch ein einfacher Schnelltest mit positivem Nachweis genügt. Zudem erhalten Ärzte seit Anfang April keine Vergütung mehr für einen durchgeführten PCR-Test.

Ein weiterer Faktor: Bereits seit Wochen melden mehrere Bundesländer ihre Daten nur noch werktags an das RKI, was zu Nachmeldungen und Korrekturen führt. Auch im eigenen Wochenbericht weist das RKI darauf hin, dass es keine Vollerfassung der in Deutschland durchgeführten PCR-Tests gibt - zum einen, weil die Angaben der Labore, die solche Tests auswerten, freiwillig sind und zum anderen, weil auch Labore teils wöchentlich an das RKI berichten. Die Folge sind auch hier nachträgliche Änderungen und Korrekturen.

Auch Expertenrat drängt auf systematische Datenerhebung

Diese brüchige Datenlage alarmiert auch den Expertenrat, der die Bundesregierung im Umgang mit der Pandemie berät. Gestern hatte das Gremium seine Empfehlungen vorgestellt, wie sich Deutschland auf einen möglichen weiteren Corona-Herbst vorbereiten sollte.

Dabei mahnten auch die Experten eine systematische Datenerhebung und ein digitales Echtzeitlagebild des Infektionsgeschehens an. Daten sollten weiterhin kontinuierlich und systematisch analysiert, aufbereitet und bewertet werden, wobei sowohl die Wissenschaft als auch die Öffentlichkeit leichten und unkomplizierten Zugang zu den Ergebnissen erhalten sollte. Dazu gehöre etwa eine Prognose der Krankenhausbelastung, eine kontinuierliche Bewertung von Teststrategie und Schutzmaßnahmen sowie ein Monitoring des Impfverhaltens und der Schutzmaßnahmen, heißt es im Bericht des Expertenrats.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. Juni 2022 um 04:30 Uhr.