Christian Drosten | picture alliance/dpa

Drosten zur Corona-Lage "Wir könnten uns da herausimpfen"

Stand: 02.09.2021 15:01 Uhr

Der Virologe Christian Drosten ist überzeugt, dass die Corona-Infektionszahlen weiter steigen werden - und pocht daher auf eine höhere Impfquote. Das einst für das Herbst gesetzte Ziel der Herdenimmunität ist aber kaum mehr zu erreichen.

Seit Wochen steigen die Infektionszahlen mit dem Coronavirus bundesweit wieder an - und gleichzeitig gerät die Impfkampagne zunehmend ins Stocken. Ein Grund, warum der Virologe Christian Drosten mit Sorge auf die kommenden Monate blickt.

Nach Angaben des Robert Koch-Institutes (RKI) sind mittlerweile knapp 61 Prozent der Deutschen vollständig gegen das Virus geimpft. Die Zahl derer, die bislang eine Impfdosis erhalten haben, liegt mit 65,5 Prozent nur etwas darüber. "Mit dieser Impfquote können wir nicht in den Herbst gehen. Das reicht absolut nicht aus", kritisierte Drosten im Gespräch mit dem Deutschlandfunk.

Quoten für Herdenimmunität noch lange nicht erreicht

Er verweist auf die Zielmarke, die das RKI selbst gesetzt hat: Um eine sogenannte Herdenimmunität zu erreichen, müssten 85 Prozent der Menschen zwischen 18 und 59 Jahren vollständig geimpft sein, bei älteren Menschen müssten 90 Prozent einen Impfschutz aufweisen. Mit solchen Quoten könne man sich aus der Pandemie quasi "herausimpfen", so Drosten. Doch bereits im Juli hatte das RKI in seiner Einschätzung zur Entwicklung der Pandemie angezweifelt, dass diese Impfquoten bis zum Herbst erreicht werden können.

Trotzdem fordert Drosten, dass das Institut seine Prognosen und Planungen für die kommenden Monate nochmals anpassen müsse. Derzeit stünden sie "auf dünnem Eis". Einer der Hauptgründe: die zunehmende Ausbreitung der Delta-Variante. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der RKI-Modellierung zum Pandemiegeschehen in Herbst und Winter im Juli gab es aus Drostens Sicht noch nicht genügend Erkenntnisse über die Auswirkungen der Mutation.

Mittlerweile sei jedoch bekannt, dass die Mutation leichter übertragbar ist. Zudem würden Daten aus Großbritannien darauf hindeuten, dass die Ausbreitung der Delta-Variante mit einem Anstieg der Hospitalisierungsrate einhergeht, also mit einem Anstieg von Infizierten, die in Krankenhäusern behandelt werden müssen.

Drosten rechnet mit erneuten Corona-Einschränkungen

Ein weiterer Punkt, den Drosten anführt, ist die Übertragungsrate. Inzwischen sei bekannt, dass geimpfte Personen nach vier bis sechs Monaten den Übertragungsschutz verlieren und dadurch das Virus wieder an andere weitergeben könnten.

Der Leiter der Virologie der Berliner Charité zeigte sich überzeugt, dass das Infektionsgeschehen im Herbst weiter zunehmen werde. Er rechnet deshalb fest damit, dass erneut verschärfte Beschränkungen - vor allem Kontaktbeschränkungen - notwendig werden. "Man sollte sich nicht täuschen und durch zu wenig Vorsicht in eine Situation hineinlaufen, die man sich nicht wünscht und die untragbar ist: Dass es weitere Lockdowns gibt und die Schulen wieder schließen müssen."

Ein Papier des RKI, das für Anfang Oktober eine zehnprozentige Kontaktreduktion und für den November eine Reduktion um weitere 30 Prozent empfiehlt, sei an mehreren Punkten bereits wieder überholt, sagte Drosten. Indirekt verlangte Drosten von den politisch Verantwortlichen, sich deshalb jetzt Gedanken zu machen. Er als Virologe könne nur die Situation beschreiben - es müsse sich jetzt aber hingesetzt und auf die Planung für den Herbst geguckt werden.

Sieben-Tage-Inzidenz bei 76,9

Derzeit liegt die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland laut RKI bei 76,9. Vor einer Woche betrug sie 66,0. In den vergangenen 24 Stunden meldeten die Gesundheitsämter dem Institut 13.715 Corona-Neuinfektionen. Zum Vergleich: Am vergangenen Donnerstag hatte der Wert bei 12.626 Ansteckungen gelegen. Deutschlandweit wurden den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 33 Todesfälle in Zusammenhang mit einer Corona-Infektion verzeichnet. Vor einer Woche waren es 21.

Coronavirus wird nicht verschwinden

Drosten rechnet auch langfristig nicht damit, dass das Coronavirus verschwindet. Es sei davon auszugehen, dass es noch einige Jahre lang ein starkes Infektionsgeschehen unter Erwachsenen geben werde, sagt der Virologe - und kommt wieder auf den Impfschutz zurück. Denn durch diesen würde eine Covid-19-Erkrankung in den meisten Fällen nur einer Erkältung ähneln. Der durchschnittliche gesunde Erwachsene müsse sich wahrscheinlich in den kommenden Jahren mehrmals infizieren, um einen länger haltbaren Schleimhautschutz aufzubauen. Eine Impfung erlaube dies ohne schwere Krankheits- oder Langzeitfolgen.

Kassenärzte-Chef setzt auf Pandemieende im Frühjahr

Deutlich optimistischer äußerte sich der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen. Er rechnet damit, dass "im Frühjahr 2022 Schluss sein wird mit Corona". Gegenüber der "Rheinischen Post" betonte er, dass bis dahin die Impfquote nochmal deutlich höher liegen werde, aber auch mehr Menschen nach einer Infektion genesen sein würden.

Bislang wird in Deutschland ab einem Alter von zwölf Jahren gegen Corona geimpft. Das könnte sich aus Sicht des Generalsekretärs der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Florian Hoffmann, aber in absehbarer Zeit ändern. "Wir gehen fest davon aus, dass es ab kommendem Jahr Impfstoffe für alle Altersklassen geben wird, sogar zugelassen bis hin zu Neugeborenen", sagte er der "Funke Mediengruppe".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. September 2021 um 16:00 Uhr.