Auf einem Smartphone ist die Corona-Warn-App geöffnet | Bildquelle: dpa

Corona-Warn-App Klinik-Labore mit Anschlussproblemen

Stand: 27.10.2020 06:01 Uhr

Vom Labor direkt in die App: Die Corona-Warn-App soll eigentlich schnell Testergebnisse übermitteln. Doch ausgerechnet Krankenhauslabore sind oft nicht angebunden.

Von Kristin Becker, ARD-Hauptstadtstudio

"Wir haben nicht mal die Geräte, mit denen wir die Laborüberweisungsscheine mit dem QR-Code scannen können." Man kann das Kopfschütteln von Alexander von Meyer am Telefon quasi hören. Er leitet das Labor der München Klinik, dem zweitgrößten kommunalen Krankenhaus Deutschlands. 1000 bis 1200 Corona-Tests bearbeiten seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen pro Tag.

Seit August arbeitet sein Team an der Anbindung des Krankenhauslabors an die Corona-Warn-App. Von Meyer hält die App für sinnvoll und wichtig. Doch sein Labor damit zu verbinden, sei eine ziemliche Herausforderung, sagt er im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio.

Kritische Infrastruktur

Die sechsstellige Summe, die es koste, die App-Anbindung zu realisieren, müsse aus dem bestehenden Etat geleistet werden. Zudem seien Krankenhäuser "kritische Infrastruktur", deren digitale Systeme und Daten besonders geschützt werden müssten. Deshalb sei die Integration der App in die bestehende IT-Struktur sehr viel komplizierter als bei externen Laboren und die IT-Dienstleister auch mit vielen anderen Aufgaben ausgelastet. Von der Politik fühlt sich der Labormediziner alleingelassen.

Dabei hatte die Politik zuletzt immer wieder betont, dass es mit der Anbindung der Labore voran gehe. 90 Prozent der niedergelassenen Labore seien angeschlossen, betonte Regierungssprecher Steffen Seibert vergangene Woche. Die Krankenhauslabore erwähnte er nicht. Eine Nachfrage beim Robert Koch-Institut ergibt: Es ist nicht bekannt, wie viele Krankenhauslabore eine Anbindung an die App haben oder planen.

Unklare Daten

Bekannt ist nur: 150 niedergelassene Labore sind laut Telekom bislang an die App angebunden. Zwei weitere bereiteten die Anbindung vor. 13 Labore "antworten leider weiterhin auf unsere kontinuierlichen Kontaktaufnahmen nicht." Zu den Gründen, warum diese Labore nicht mitmachten, lägen - so das Bundesgesundheitsministerium - "keine Erkenntnisse vor".

Das Problem: in Wirklichkeit sind mehr als diese 13 Labore nicht angebunden. Die genaue Zahl ist unklar. Die bisher immer wieder erwähnten insgesamt 165 Labore hat die Telekom selbst recherchiert. Heißt: Das ist keine finale Anzahl. Wie das Bundesgesundheitsministerium auf Nachfrage erklärt, nehme die Zahl der Labore, die PCR-Tests durchführen, stetig zu. "Daher müssen auch immer wieder neue Labore angebunden werden."

Allerdings schwanken diese Zahlen. Zwischen 180 und 200 Labore melden derzeit wöchentlich Ergebnisse ans Robert Koch-Institut, "über 250 Labore" sind laut RKI für die RKI-Testlaborabfrage oder in einem der anderen übermittelnden Netzwerke registriert", könnten also theoretisch Ergebnisse übermitteln, wenn sie welche hätten - und auch an die Corona-Warn-App angebunden werden. Eine Aufschlüsselung, wie viele davon nun Krankenhauslabore sind, liege aktuell nicht vor, so das RKI.

Knappe Ressourcen

In der Öffentlichkeit war bislang vordergründig immer die Rede von den niedergelassenen Laboren, die zuständig sind, wenn ambulant Corona-Test durchgeführt werden und die laut Experten mengenmäßig die meisten Corona-Tests auswerten.

Allerdings finden Corona-Tests eben auch in den Krankenhäusern statt - vor allem wenn es um Patienten und Personal geht. Sind deren Labore nicht angeschlossen, werden Nutzer und Nutzerinnen der Corona-Warn-App nicht digital gewarnt, wenn sie in Kontakt mit jemandem waren, der dort positiv getestet wurde.

"Viel zu aufwendig"

Ein Beispiel ist auch das Labor des Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM), das laut Aussage von Professor Harald Renz, dem Laborleiter, zu den größten Krankenhauslaboren Deutschlands zählt. Renz ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie Laboratoriumsmedizin und befürwortet die Corona-Warn-App. Im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio sagt er aber auch: "Wir müssen unsere Ressourcen priorisieren."

Die Anbindung seines Labors an die App sei "viel zu aufwendig" - und zwar finanziell, technisch und personell. Er rechnet mit einer hohen fünfstelligen Summe, weil das Laborinformationssystem umprogrammiert, zusätzliche Software, aber auch Hardware wie Scanner angeschafft werden müsste.

Finanzielle Unterstützung fehlt

Übergreifend kritisieren verantwortliche Laborärzte - egal ob niedergelassen oder im Krankenhaus - dass es keinerlei finanzielle Unterstützung vom Bund dafür gebe, die nötige IT-Umstellung durchzuführen. Das führe dazu, meint etwa Renz, dass die App-Anbindung derzeit in seinem Haus nur sehr langsam vorangetrieben werden könne. Es fehle logistische und finanzielle Hilfe.

Auch der Münchner Laborchef, Alexander von Meyer, der Mitglied einer Arbeitsgruppe von Bundesgesundheitsministerium, Telekom und Laboren in Sachen Corona-Warn-App ist, betont, dass letztere eine Kostenunterstützung immer wieder angemahnt hätten.

Pauschale Vergütung

Das Bundesgesundheitsministerium äußerte sich auf Anfrage nicht dazu, warum es keine entsprechenden Mittel für die Labore und Krankenhäuser zur Verfügung stellt. Ein Sprecher erklärte lediglich, die Labore erhielten pro Test eine Vergütung von pauschal 50,50 Euro. "Darüber hinaus ist keine finanzielle Förderung der Labore geplant." Diese Vergütung bekommt ein Labor allerdings, egal ob es sich um eine Anbindung an die App bemüht oder nicht.

Das zentrale Ziel der Corona-Warn-App ist es, möglichst schnell Betroffene, aber auch ihre Kontakte über einen positiven Befund zu informieren. Auch wenn die meisten Testanalysen in niedergelassenen Laboren stattfinden, sehen die Labormediziner der Krankenhäuser ihre Arbeit als wichtigen Teil des Gesamtsystems, was die Nachverfolgung von Infektionen angeht.

Hohe Viruslast

Anders als viele niedergelassene Labore arbeiteten die meisten Kliniklabore rund um die Uhr, auch am Wochenende, erklärt von Meyer. Zudem landeten viele potenziell Schwerkranke mit hoher Viruslast in den Notaufnahmen und würden dort getestet. Für dementsprechend relevant hält auch Renz eine Anbindung an die App: "Ich gehe davon aus, dass die Krankenhauslabore viele positive Testergebnisse haben."

Von Meyer wünscht sich, dass die App auch dahingehend noch überarbeitet wird, dass eine Einwilligung in das Teilen des Testergebnisses anderes geregelt wird, denn wer auf der Intensivstation liege, könne das dann in der App nicht mehr selbst tun. Aber erstmal müsste sein Labor überhaupt die App-Anbindung meistern. Er hofft, dass das bis November klappt. In Marburg wagt Harald Renz derzeit keine Prognose.

Korrespondentin

Kristin Becker | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo SWR

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