Intensivpfleger versorgen einen schwer an Covid-19 erkrankten Patienten auf der Corona-Intensivstation im Universitätsklinikum in Halle/Saale.  | dpa
FAQ

Corona in den Kliniken Droht Deutschland die Triage?

Stand: 30.11.2021 04:21 Uhr

Mit täglichen Corona-Rekordwerten steigt auch die Anzahl schwerer Krankheitsverläufe: Mehr als 4300 Covid-Patienten liegen derzeit auf Intensivstationen. Was, wenn die Betten nicht mehr reichen?

Von Lilly Zerbst und Antonia Weise, SWR

Was bedeutet Triage und findet sie bereits statt?

Dass Krankenwagen mancherorts mehrere Kliniken anfahren müssen, um einen Intensivplatz zu finden, ist laut Michael Hallek bereits Realität. Hallek ist Direktor der Klinik I für Innere Medizin am Universitätsklinikum Köln. Außerdem komme es vor, dass eingewiesene Intensivpatienten in andere Krankenhäuser oder Stationen verlegt werden müssen. Planbare Operationen werden aktuell nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft in mehr als drei Viertel der Krankenhäuser verschoben. Insbesondere Operationen mit anschließender Intensivbehandlung gehen mittlerweile deutlich zurück, so die deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI).

Streng genommen ist das aber noch keine Triage. Denn unter Triage versteht man, dass Ärzte und Ärztinnen die Patienten nach ihren voraussichtlichen Heilungschancen priorisieren müssen. Sie müssen dann entscheiden, an wen sie Intensivbetten vergeben. Noch können aber alle akuten Intensivfälle behandelt werden, wenn auch unter erschwerten Umständen. Viele reden daher von einer "weichen" oder "latenten" Triage.

Doch eskaliere das Infektionsgeschehen weiter, werde es zur Triage-Situation kommen, warnt der Vorsitzende des Weltärztebunds Frank Ulrich Montgomery: "Wir alle bereiten uns auf eine Triage vor." Auch der Präsident des Berufsverbands Deutscher Anästhesisten, Götz Geldner, sieht vorerst keine Hoffnung auf Entlastung der Kliniken.

Zusätzliche Auswirkungen auf die Zahl der Intensivbetten hat der Mangel an Pflegekräften in Deutschland. Viele Pflegekräfte beenden ihren Beruf in den Krankenhäusern oder arbeiten weniger, da die Belastung zu hoch ist. Nach Angaben von Medizinern hat Deutschland seit Jahresbeginn circa 4000 Intensivbetten verloren.

Nach welchen Kriterien wird im Notfall priorisiert?

Ärzte müssen sich nun auf den Ernstfall vorbereiten: Kommt es zur Triage-Situation, entscheiden sie, welche Personen priorisiert behandelt werden. Mindestens drei Ärzte müssen an einer Triage-Entscheidung beteiligt sein. Dabei zählt einzig das "Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht", also die Überlebenswahrscheinlichkeit der einzelnen Patienten. Das legen die klinisch-ethischen Empfehlungen von sieben deutschen Berufsverbänden der Intensiv- und Rettungsmedizin fest.

Laut der "Leitlinie zur Priorisierung und Triage bei akuter Ressourcenknappheit" gilt: Geimpfte und Ungeimpfte werden gleichbehandelt. Dies ergänzt den Gleichheitsgrundsatz, nach dem alle Patienten ungeachtet von Alter und sozialen Kriterien gleichbehandelt werden. Ebenso wenig darf die Art der Erkrankung, der Erkrankungsauslöser und das vorangegangene Verhalten der Patienten bei der Behandlung eine Rolle spielen.

Eine geringe Priorität haben der Leitlinie zufolge die Patienten, bei denen das Aufschieben der Behandlung keine Verschlechterung der Prognose oder irreversible Gesundheitsschäden zur Folge hat. Die Empfehlung lautet: Planbare Operationen sollen bei hoher Intensivauslastung verschoben werden. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisiert das scharf: Die Planbarkeit von Operationen sei "schwammig" definiert. Sie fordert klare Kriterien dafür, welche Operationen im Ernstfall verschoben werden sollen. Bisher müsse das jedes Krankenhaus selbst bestimmen, kritisiert der Stiftungsvorstand Eugen Brysch gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

Wo ist die Lage besonders kritisch?

Besonders hoch ist die coronabedingte Belastung der Intensivstationen in Bayern, Thüringen und Sachsen. Mehr als 30 Prozent der Intensivbetten werden dort von Covid-Patienten belegt. Kritisch ist die Lage momentan (Stand: 29. November 2021) im Südosten Bayerns der Grenze zu Österreich sowie im Norden Thüringens im Kyffhäuserkreis und in Sömmerda. Dort sind zum Teil alle Intensivbetten belegt.

Zur Entlastung wurden bereits am vergangenen Donnerstag die ersten schwer erkrankten Covid-Patienten von Thüringen nach Niedersachsen verlegt. Am Freitag folgte die Verlegung weiterer Erkrankter von Bayern nach Nordrhein-Westfalen durch die Bundeswehr. Insgesamt sollen vorerst 80 Patienten bundesweit verlegt werden, davon voraussichtlich 50 aus Bayern.

Eine bundesweite Verlegung von Intensivpatienten ist im Moment noch möglich, da die Lage auf den Intensivstationen im Norden und Westen Deutschlands vergleichsweise weniger kritisch ist.

Für Notfälle sollten Krankenhäuser in der Regel ein direkt verfügbares Intensivbett freihalten. Um die Kliniken langfristig zu entlasten, müssen in Zukunft auch Verlegungen ins Ausland erfolgen, fordert der Weltärztebund-Chef Montgomery.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. November 2021 um 10:35 Uhr.