Intensivpfleger sind in der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Dresden mit der Versorgung von Patienten beschäftigt. | dpa
Interview

Intensivmediziner Kluge Warum die Zahl der Corona-Toten kaum sinkt

Stand: 22.05.2021 03:44 Uhr

Die registrierten Neuinfektionen werden spürbar weniger, doch die Zahl der Todesfälle bleibt hoch. Intensivmediziner Kluge erklärt im tagesschau.de-Interview, woran das liegt.

tagesschau.de: Täglich sterben in Deutschland etwa 250 bis 300 Menschen nach einer Covid-19 Infektion. Diese Zahl war in den vergangenen Wochen - abgesehen von einigen wenigen Tagen - konstant. Warum ist das so?

Stefan Kluge: Der Altersdurchschnitt hat sich verändert, die Patienten, die jetzt auf den Intensivstationen liegen, sind jünger geworden, und sie liegen auch länger auf den Stationen. Das bedeutet, dass sich der Moment, in dem sich entscheidet, ob der Patient gesund wird oder verstirbt, nach hinten verschiebt. Wir fragen seit etwa drei Wochen im DIVI-Intensivregister auch das Alter der Patienten ab, immer in Stufen zwischen 30 und 39 Jahren oder zwischen 40 und 49 Jahren und so weiter. Und da kann man sehen, dass die meisten Patienten auf den Intensivstationen in Deutschland momentan zwischen 60 und 69 Jahren alt sind. Laut Robert Koch-Institut lag das Durchschnittsalter der Menschen auf den Intensivstationen zum Jahreswechsel noch bei 73 Jahren.  

Stefan Kluge | Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Zur Person

Stefan Kluge ist Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Seine Fachgebiete sind Innere Medizin und Pneumologie. Außerdem sitzt er im Präsidium der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv-und Notfallmedizin DIVI. Sie führt unter anderem das DIVI-Intensivregister und erstellt Leitlinien zur stationären Behandlung Patienten, wie etwa von Covid-19 Patienten.

tagesschau.de:  Wie lange dauert es, bis Veränderungen auch bei den Sterbefallzahlen sichtbar werden?

Kluge: Wenn wir von einem schweren Verlauf ausgehen, dann vergehen nach einer Infektion etwa sieben bis zehn Tage, bis jemand eine so schwere Lungenentzündung entwickelt hat, dass er auf die Intensivstation muss und eventuell auch beatmet wird. Das ist schon mal die erste Verzögerung. Und dann liegen die Patienten jetzt im Schnitt zehn Tage auf den Intensivstationen - bei Beatmung länger. Wir hatten zum Beispiel einen Patienten, der mehr als zwei Monate an der künstlichen Lunge lag. 

Die Sterbefallzahlen hinken den Neuinfektionszahlen also circa drei bis vier Wochen hinterher. Wir werden in den nächsten Wochen sehen, dass die Sterbefallzahlen auch langsam weiter runtergehen.

tagesschau.de: Mit welchen Symptomen kommen diese jüngeren Patienten ins Krankenhaus?

Kluge: Das hat sich wenig geändert. Die Patienten bekommen nach wie vor schwer Luft und atmen daher schnell. Zusätzliche Symptome sind Husten, Fieber und bei jedem fünften Patienten Störungen des Geruchs- und oder Geschmackssinns. Je nach Schwere der Erkrankung müssen sie dann auf die Intensivstation, auch das Alter und Vorerkrankungen spielen dabei eine Rolle. Im Moment sind es laut RKI fünf Prozent der Infizierten, die ins Krankenhaus kommen und etwa ein bis zwei Prozent der Infizierten, die intensivpflichtig werden. Diese Zahlen haben sich im Verlauf der Pandemie verändert, denn sie sind vom Infektionsgeschehen in den verschiedenen Altersgruppen abhängig, und momentan liegt das Infektionsgeschehen eher in den jüngeren Altersgruppen. 

tagesschau.de: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es aktuell für die Patienten auf den Intensivstationen?

Kluge: Wenn wir auf die medikamentösen Therapien schauen, sind es vor allem drei Dinge: Wir haben relativ früh gesehen, dass diese Patienten häufiger Thrombosen und Lungenembolien haben als Patienten mit anderen Infektionskrankheiten. So sollten Patienten, die ins Krankenhaus kommen, das blutverdünnende Medikament Heparin bekommen. Das haben wir nach der Prüfung einiger Studien auch in die Behandlungsleitlinien aufgenommen.

Außerdem wissen wir aus vielen Studien, dass eine Substanz die Sterblichkeit verringert, wenn auf der Intensivstation ein schwerer Verlauf eingetreten ist: Das ist das Kortison-Präparat Dexamethason. Das steht seit fast einem Jahr in den Leitlinien.

Und das dritte - das ist neu - empfehlen wir seit Anfang der Woche in der aktualisierten Leitlinie. Das ist ein Präparat, welches auch nur im Krankenhaus und nur bei schweren Verläufen die Sterblichkeit senken kann. Es heißt Tocilizumab. Das ist ein Rheuma-Medikament, das schon seit mehreren Jahren auf dem Markt ist. Es kann die überschießende Immunreaktion des Körpers abmildern, genau wie Dexamethason. Es kann zusätzlich gegeben werden. In einer großen Studie aus Großbritannien ist zu sehen, dass die Sterblichkeit von 35 auf 31 Prozent gesenkt werden konnte. Wir sind natürlich für so eine Absenkung dankbar, denn wir werden so schnell kein Medikament finden, welches die Sterblichkeit auf Null senken wird. Und noch immer sterben etwa 30 Prozent der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen.

tagesschau.de: Wenn Sie jetzt auf die Lockerungen in den verschiedenen Bundesländern schauen, könnte es sein, dass sich unsere Situation schnell wieder verschlechtert, wenn wir zu unvorsichtig sind?

Kluge: Wir sollten die AHA-Regeln unbedingt weiter einhalten, und wir müssen alle Energie auf das Impfen legen - und zwar zuerst die über 60-Jährigen und die Menschen mit schweren Vorerkrankungen, die ein höheres Risiko haben, schwer zu erkranken.

Wir haben zum einen ja nach wie vor die britische Variante bei uns, und die ist eben sehr ansteckend. Das wird von vielen nach wie vor unterschätzt. Und dann gibt es noch die sogenannte indische Variante, die sich in Großbritannien ausbreitet und die nach jetzigem Stand noch ansteckender ist als die britische Variante. Man sollte daher eine mögliche Ausbreitung dieser Variante in Deutschland gut beobachten. Unabhängig davon ist es problematisch, wenn jetzt zu schnell gelockert wird, da noch viele Menschen nicht vollständig geimpft sind.

Wenn die Menschen jetzt wirklich keinen Abstand mehr halten und keine Masken mehr tragen und denken, ich bin einmal geimpft, mir kann nichts passieren, dann, glaube ich, kann man relativ leicht berechnen, dass wir auch ohne die sogenannte indische Variante wieder Probleme kriegen und die Neuinfektionszahlen wieder ansteigen.

Das Gespräch führte Anja Martini, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete NDR Info Aktuell am 28. April 2021 um 12:00 Uhr.