Schulunterricht unter Corona-Bedingungen in Niedersachsen | dpa

Unterricht in Pandemie-Zeiten Was passiert nach den Sommerferien?

Stand: 21.06.2021 12:17 Uhr

Nach einem belastenden Schuljahr unter Corona-Bedingungen mehren sich die Forderungen nach einer Rückkehr zur Normalität an den Schulen. Aber ist das sinnvoll? Gesundheitsminister Spahn und andere Politiker warnen vor Sorglosigkeit.

Wie kann es an Deutschlands Schulen nach den Sommerferien weitergehen? Mit dieser Frage beschäftigen sich nicht nur Lehrer, Schüler und Eltern - auch in Wissenschaft und Politik ist eine Debatte über mögliche Lockerungen entbrannt.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina gab eine Reihe von Empfehlungen dazu ab, wie Pandemie-Folgen bei Kindern und Jugendlichen zeitnah bewältigt werden können. So wird etwa geraten, die Schulen und Kindergärten in der Pandemie offen zu halten und so Präsenzunterricht für alle Schüler zu ermöglichen. Dies sei die effektivste Art des Lernens, heißt es in der Stellungnahme. Die Öffnungen sollten aber von "geeigneten Schutzmaßnahmen" begleitet werden.

Belastungen und Defizite

Es sei eine zentrale gesellschaftliche und politische Aufgabe, Bildungs- und Unterstützungsangebote so zu gestalten, dass die pandemiebedingten Defizite ausgeglichen werden, erklärte die Akademie. Zugleich müssten bereits zuvor vorhandene Ungleichheiten nachhaltig angegangen werden.

Manche Minderjährige würden "kurz,- mittel- und wahrscheinlich auch langfristig von Belastungen und erlittenen Defiziten begleitet werden", hieß es in der Leopoldina-Erklärung. Ziel müsse aber sein, dass die Situation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland nach der Pandemie besser sei als zuvor.

Rückstände in Mathe und Deutsch aufholen

Die Wissenschaftler sprachen sich darüber hinaus dafür aus, den digitalen Ausbau an den Bildungseinrichtungen zu beschleunigen. An Grundschulen sollte nach Meinung der Akademie die Stundentafel angepasst werden, um Rückstände in den Kernfächern Deutsch und Mathematik aufzuholen. Schwächere Schülerinnen und Schüler bräuchten zudem zusätzliche Förderung.

Weiter empfahlen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Bewegungsangebote in Kitas und Schulen. Auch sollten Pädagoginnen und Pädagogen fortgebildet werden, um sie für psychische Probleme von Kindern und Jugendlichen zu sensibilisieren.

Distanzunterricht ist wenig effektiv

Unterdessen stellt eine neue Studie dem Distanzunterricht während der Corona-Krise ein schlechtes Zeugnis aus. Forscher der Frankfurter Goethe-Universität hatten sich dafür Daten aus aller Welt angesehen - mit ernüchterndem Ergebnis: "Die durchschnittliche Kompetenzentwicklung während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 ist als Stagnation mit Tendenz zu Kompetenzeinbußen zu bezeichnen und liegt damit im Bereich der Effekte von Sommerferien", sagte Mitautor Andreas Frey, der an der Goethe-Universität Pädagogische Psychologie lehrt.

Forscherinnen und Forscher hatten in einem systematischen Review mit wissenschaftlichen Datenbanken weltweit jene Studien identifiziert, die über die Auswirkungen der coronabedingten Schulschließungen auf die Leistungen und Kompetenzen von Schülern berichteten. Besonders stark seien demnach Kompetenzeinbußen bei Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Elternhäusern. "Hiermit sind die bisherigen Vermutungen durch empirische Evidenz belegt: Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich während der ersten coronabedingten Schulschließungen noch weiter geöffnet", so Frey.

Präsenz- und Wechselunterricht?

Von der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) hieß es zuletzt, es gebe die klare Perspektive, dass der Schulbetrieb im neuen Schuljahr mit allen Aspekten wieder aufgenommen werden könne. Der Präsenzunterricht sei durch andere Varianten des Lernens nicht zu ersetzen.

Die KMK-Präsidentin, Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst, sprach sich deshalb gegen frühzeitige Festlegungen auf weitere Einschränkungen des Regelunterrichts aus. "Die KMK hat für Präsenzunterricht plädiert, und das sollte nicht vorzeitig in Frage gestellt werden", sagte sie dem "Tagesspiegel".

Die Ministerinnen und Minister hatten bei ihrer Videokonferenz vereinbart, dass alle Schulen nach den Sommerferien "dauerhaft im Regelbetrieb" und "mit allen Schulfächern und Unterrichtsstunden" besucht werden sollen.

Spahn warnt vor Delta-Variante

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte jedoch, dass die Corona-Maßnahmen in den Schulen noch längere Zeit aufrechterhalten werden müssten. Im Herbst und Winter würden trotz derzeit sehr niedriger Inzidenzen voraussichtlich nach wie vor Maßnahmen wie Maskenpflicht oder auch Wechselunterricht notwendig sein.

Nach Ansicht von Spahn geht es in der derzeitigen Pandemie-Phase auch mit Blick auf die Delta-Variante darum, die richtige Balance zu finden. "Unser Ziel sollte sein, so viel Normalität wie möglich nach den Ferien auch für die Schulen, aber eben auch so viel Sicherheit wie möglich", sagte er in der ARD-Sendung Bericht aus Berlin. Eine Möglichkeit dabei seien Impfungen für Kinder ab zwölf Jahren.

"Es nützt nichts, Wahrheiten zu verschweigen"

Auch der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen warnte wegen der hochansteckenden Delta-Variante des Coronavirus vor zu großer Sorglosigkeit. "Es nützt nichts, unangenehme Wahrheiten zu verschweigen", sagte Dahmen im ARD-Morgenmagazin. Die Delta-Variante werde sich letztlich auch in Deutschland durchsetzen, fraglich seien nur der Zeitpunkt und "der Preis, den wir dafür zahlen".

Nach dem Sommer dürften die Schüler und die Familien nicht die Leidtragenden eines "Wahlkampfs der Sorglosigkeit" sein, sagte Dahmen. "Wir haben neun Milliarden für die Lufthansa ausgegeben, Milliarden für Schrottmasken oder für Tests, die gar nicht oder schlecht durchgeführt wurden." Nun müsse auch Geld für die Schulen da sein, um etwa Filteranlagen einzubauen und die Digitalisierung vorantreiben.

Über dieses Thema berichtete die "Bericht aus Berlin" am 20. Juni 2021 um 18:05 Uhr.