Mitglieder des Sachverständigenrates | picture alliance/dpa

Sachverständigenrat zu Corona Ein Gutachten mit vielen Fragezeichen

Stand: 01.07.2022 15:35 Uhr

Der Sachverständigenrat hat ein Gutachten über die Wirksamkeit der Corona-Maßnahmen vorgelegt - vor allem zu Beginn waren diese demnach sinnvoll. Die Aussagekraft ihres Berichts halten aber selbst die Experten für beschränkt.

Nach mehr als zwei Jahren Pandemie hat der Corona-Sachverständigenrat der Bundesregierung ein Gutachten über die Wirksamkeit der von der Politik beschlossenen Maßnahmen vorgelegt. Nach Einschätzung der Experten haben die bisher eingeleiteten Schritte durchaus eine Wirkung entfaltet, auch wenn die einzelnen Maßnahmen in dem Evaluationsbericht unterschiedlich bewertet werden.

Teilweise positiv bewertet wurden beispielsweise Zugangsbeschränkungen wie die 2G/3G-Maßnahmen. Dabei dürfen nur Geimpfte, Genesene und/oder Getestete an bestimmten Veranstaltungen teilnehmen oder bestimmte Örtlichkeiten aufsuchen. "Der Effekt von 2G/3G-Maßnahmen ist bei den derzeitigen Varianten in den ersten Wochen nach der Boosterimpfung oder der Genesung hoch", heißt es in dem Gutachten. Der Schutz vor einer Infektion lasse mit der Zeit jedoch deutlich nach. Daher sollte man künftig eher mit tagesaktuellen Tests arbeiten.

Masken helfen nur bei korrektem Sitz

Auch das Urteil zum Tragen von Masken fällt positiv aus: Dies könne "ein wirksames Instrument" sein. Es gebe aber Einschränkungen: "Eine schlechtsitzende und nicht enganliegende Maske hat jedoch einen verminderten bis keinen Effekt." Falls künftig erneut eine Maskenpflicht erlassen wird, sollte diese nur noch in Innenräumen gelten, denn dort sei das Infektionsrisiko höher. "Eine generelle Empfehlung zum Tragen von FFP2-Masken ist aus den bisherigen Daten nicht ableitbar", heißt es.

Zur Wirksamkeit von Lockdowns stellen die Experten fest: "Wenn erst wenige Menschen infiziert sind, wirken Lockdown-Maßnahmen deutlich stärker." Je länger ein Lockdown dauere und je weniger Menschen bereit seien, die Maßnahme mitzutragen, desto geringer sei der Effekt. Ähnlich wie bei den Lockdown-Maßnahmen sei auch die Kontaktnachverfolgung vor allem in der Frühphase der Pandemie wirksam gewesen.

Keine Aussage zu Impfungen

Es gibt aber auch Maßnahmen, zu denen das Gremium keine Aussagen trifft. Dazu zählen etwa die Impfungen. Dies sei Aufgabe der Ständigen Impfkommission (STIKO), sagte der Virologe Hendrik Streeck. Auch den Effekt von Schulschließungen beurteilen die Experten als nicht eindeutig, weil dabei mehrere Maßnahmen zusammenträfen. Deren genaue Wirksamkeit sei "trotz biologischer Plausibilität und zahlreicher Studien weiterhin offen", heißt es.

Schlechte Datenlage, begrenzte Aussagekraft

Die beteiligten Wissenschaftler betonten bei ihrer Präsentation auch die bedingte Aussagekraft. Hauptgrund hierfür ist die schlechte Datenlage. Auch der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen misst dem Expertenbericht nur eine begrenzte Aussagekraft bei. "Der Bericht liefert ergänzende Hinweise, aber keinesfalls eine abschließende Bewertung der Wirkung von Corona-Schutzmaßnahmen", sagte Dahmen. "Die Abwesenheit von Evidenz zur Wirksamkeit ist keine Evidenz für die Abwesenheit von Wirksamkeit", stellte er fest. "Die Aussagekraft des Berichts ist daher begrenzt."

Streit über RKI-Chef Wieler

Im Zusammenhang mit dem Bericht hat der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach aufgefordert, den Präsidenten des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, zu entlassen. Grund sei ein angebliches "Datenchaos", das der Bericht offengelegt habe.

Widerspruch bekam er umgehend von seiner grünen Amtskollegin Katrin Göring-Eckardt. Sie schickte auf Twitter einen offensichtlich älteren Kommentar von sich noch einmal, versehen mit dem Zusatz "Galt damals und gilt heute: #DankeWieler". In der ursprünglichen Nachricht hatte sie geschrieben: "Lothar #Wieler hat in der Pandemie unfassbar viel geleistet. Seine Expertise, die Fachlichkeit, die Standhaftigkeit bei Angriffen vom Wissenschaftsfeinden verdient Respekt."

Empfehlung an Politik

Der Bericht soll als Grundlage für künftige Entscheidungen dienen. So könnten daraus Erkenntnisse abgeleitet werden, wie mit einer möglichen Herbst- oder Winterwelle dieses Jahr umgegangen wird. So heißt es in dem Bericht etwa auch, die gegenwärtigen und zukünftigen Maßnahmen müssten sich auf den "Übergang zur Endemie" mit dem Schutz der "vulnerablen Gruppen" konzentrieren.

Dem 18-köpfigen Sachverständigenrat gehören Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen an. Die Evaluation sollte im Auftrag des Gesetzgebers vor allem die Vorgaben im Rahmen der "epidemischen Lage von nationaler Tragweite" beleuchten. Diese vom Bundestag laut Infektionsschutzgesetz festgestellte Lage bestand über mehrere Monate bis Ende November 2021 und ermöglichte Schließungen zahlreicher Einrichtungen sowie Alltagsauflagen.

Über dieses Thema berichtete das Mittagsmagazin am 01. Juli 2022 um 13:00 Uhr im Ersten.