Demonstranten stehen mit einem Plakat mit der Aufschrift "Keine Politik der Angst" in einer Menschenansammlung auf dem Marienplatz in München | Bildquelle: dpa

Debatte über Corona-Maßnahmen Vernunft ist die wichtigste Ressource

Stand: 12.05.2020 12:19 Uhr

Die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen sind für die Politik eine Mahnung. Denn die Diskussionen um Einschränkungen und Lockerungen sind wichtig gut. Allerdings wird es dabei entscheidend auf den Ton ankommen.

Von Georg Mascolo, NDR/ WDR

Seit dem vergangenen Wochenende hat die Politik eine Sorge mehr: Jetzt geht es nicht mehr nur darum, wie sich ein neuartiges Virus weiter verbreitet und was dies für die Gesundheit der Menschen und die Wirtschaft bedeutet.

Teilnehmer einer Demonstration in Stuttgart gegen Corona-Maßnahmen | Bildquelle: dpa
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Tausende demonstrierten am Wochenende gegen die Corona-Maßnahmen.

Diskussionen werden schwieriger

Tausende gingen in Berlin, München und Stuttgart demonstrieren - viele von ihnen ganz offensichtlich entweder Anhänger von gefährlichen Verschwörungstheorien oder jedenfalls bereit, mit ihnen aufzumarschieren und solchen Unsinn unwidersprochen zu lassen.

Von "den Medien", die es noch nie gab, fühlen sich viele der Demonstrierenden schlecht informiert oder gar belogen. Gut, dass es da die deutschen Ableger russischer Formate gibt, aus denen man doch angeblich die ganze und hier stets verschwiegene Wahrheit erfährt. Was nur die Frage offen lässt, warum eigentlich in Russland die Beschränkungen lange viel strenger waren als in Deutschland.

So beunruhigend dies alles auch sein mag, man muss und darf nicht glauben, dass dies nun für einen großen Stimmungsumschwung in diesem Land steht. Als Mahnung allerdings taugen die Demonstrationen sehr wohl, denn die Diskussionen über den richtigen Umgang mit Covid-19 werden schwieriger werden.

Mehr gute Fragen als Antworten

In der ersten Phase war die Angst groß, die Geschlossenheit deshalb ebenfalls. In der nun begonnenen zweiten Phase werden die Fragen ständig lauter: Wie gefährlich ist das Virus wirklich, wie hoch ist der Preis, den auch nur teilweise Einschränkungen bedeuten? Lockern wir zu wenig? Und vor allem: Wie lange soll das gehen?

Wie immer, wenn eine neuartige Bedrohung auftritt, gibt es mehr gute Fragen als Antworten. Und oft werden Bedrohungen übrigens erst dann richtig gefährlich, wenn die Menschen sie nicht mehr als Bedrohung empfinden.

Deutschland ist bisher beneidenswert gut durch diese Zeit gekommen - auch wenn Tausende Tote zu beklagen sind, die Wirtschaft schweren Schaden genommen hat und viele zerrissen und müde von dem Versuch sind, Homeschooling und Homeoffice zu vereinbaren. Auch aus Verzweiflung können Zweifel erwachsen - oder auch Wut.

Politik zwischen Wissenschaft und Ideologie

Hinzu kommt, dass Politiker ständig schnell und zugleich wohl überlegt handeln müssen, beraten von Wissenschaftlern, die selbst ständig hinzulernen. Jeden Tag kommen neue Erkenntnisse, neue Studien. Der amerikanische Virologe Anthony Fauci beschreibt dies so: An jedem Tag versuche er, Wasser aus einem Hydranten zu trinken.

Fauci warnt inzwischen vor zu schnellen Lockerungen in den USA, sein Kollege Thomas Frieden, einst Chef des US-Zentrums zur Bekämpfung von Seuchen, sagt: "Wir öffnen nicht auf Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern aufgrund von Politik, Ideologie und öffentlichem Druck."

Ob man dies auch einmal über Deutschland sagen wird, steht nicht fest. Niemand kann im jetzigen Stadium sagen, ob erst verhängte und jetzt wieder aufgehobene Einschränkungen übertrieben, gerade richtig oder nicht weitgehend genug waren. Oder vielleicht auch fahrlässig und viel zu optimistisch. Der "Hammer" war sehr viel einfacher als der "Tanz".

Ungewissheit als ständiger Begleiter

Wer in den Bundesländern jetzt auf besonders weitgehende Schritte setzt, wird lernen: Am Ende ist der Umgang mit dem Virus im Kern keine politische sondern eine epidemiologische Frage. Der Wunsch nach Gewissheiten wächst, aber das Virus gibt seine Geheimnisse nur langsam preis: Warum ist es so oft so harmlos und dann wieder tödlich? Wird es mutieren? Ist es dann harmloser? Oder gefährlicher?

Früh in der Krise sagte ein Mitglied des Krisenstabs in Berlin einmal, ein Erdbeben wäre ihm lieber gewesen: So schrecklich es auch sein möge, jeder wisse danach sofort, was zu tun sei. Es gibt keine Ungewissheit. In der Pandemie ist dieser Zustand der ständige Begleiter. Nicht einmal, wie lang diese Ungewissheit anhält, ist bekannt.

Sicher ist allerdings, dass solidarische und vernünftige Gesellschaften besser durch eine solche Krise kommen - solche, die sich für Fakten interessieren, sowieso. Vernunft ist neben Schutzbekleidung die wichtigste Ressource.

Nur Debatten führen zu Ideen

Debatten sind gut, nicht einmal ein noch gefährlicheres Virus könnte diese in der Demokratie beenden. Denn nur sie führen zu Ideen, Alternativen, vielleicht auch zu neuen Wegen. Der Ton der Debatten allerdings wird eine entscheidende Rolle spielen. Denn Ungewissheit erfordert im politischen, gesellschaftlichen und medialen Diskurs umso mehr Respekt und Zurückhaltung, Fragezeichen statt Ausrufezeichen, und die Bereitschaft, jede Position mit der Einschränkung zu beginnen, dass man auch Unrecht haben könne.

Als die ersten Bilder aus Italien um die Welt gingen, sagte der italienische Premierminister Giuseppe Conte: "Man hat uns allen vorgeworfen, dass wir zu viel reden, aber auch, dass wir zu wenig reden. Dass wir zu rigoros sind und dann wieder, dass wir nicht streng genug sind. So wird es bleiben, bis alles vorbei ist."

Der bisher ehrlichste Satz in der deutschen Debatte stammt übrigens von Gesundheitsminister Jens Spahn, er sagte ihn vor drei Wochen im Bundestag: "Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen." Mit diesen Worten bat Spahn um Verständnis für die so schwierigen politischen Entscheidungen. Noch nie habe man "mit so vielen Unwägbarkeiten, die da sind, so tief gehende Entscheidungen treffen müssen".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Mai 2020 um 04:42 Uhr.

Korrespondent

Georg Mascolo | Bildquelle: picture alliance / SvenSimon Logo NDR/WDR

Georg Mascolo, NDR/WDR

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