Zwei Pflegerinnen gehen im Bundeswehrkrankenhaus Ulm an dem Schriftzug "Intensiv" vorbei (Archivbild). | dpa

Intensivversorgung gefährdet "Müssen Flucht aus Pflegeberufen stoppen"

Stand: 14.03.2021 10:09 Uhr

Mediziner und Pflegeexperten schlagen erneut Alarm: Wenn Gehalt und Arbeitsbedingungen von Pflegepersonal nicht schnell verbessert würden, drohe der deutschen Intensivversorgung der Kollaps. Viele Pflegende seien kurz davor auszusteigen.

Nach gut einem Jahr Corona-Krise befürchten Intensivmediziner und Pflegeexperten eine massive Verschärfung des Personalmangels auf Intensivstationen. "Die Krise der deutschen Pflege hat sich durch die Corona-Pandemie jetzt noch einmal erheblich verschärft und wird sich weiter verschärfen", sagte Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Wir müssen die Flucht aus dem Pflegeberuf unbedingt stoppen."

In der beginnenden dritten Welle der Pandemie hielten die Pflegenden derzeit aus Pflichtgefühl noch durch. Die Frage sei aber, was danach komme, warnte Marx. Nach einer neuen Umfrage überlegten rund 32 Prozent der Pflegenden derzeit, aus dem Beruf auszusteigen.

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, zeigte sich ebenfalls alarmiert. Aufgrund der momentanen Arbeitsbedingungen spielten zahlreiche Pflegende mit dem Gedanken, aus ihrem Beruf auszusteigen, sagte Westerfellhaus den Funke-Zeitungen. "Das hätte katastrophale Folgen für unsere Gesundheitsversorgung", warnte er.

RKI sieht wieder steigende Zahl an Covid-Intensivpatienten

Laut Felix Walcher, DIVI-Präsidiumsmitglied, seien jetzt rasche Verbesserungen im Arbeitsalltag des Pflegepersonals nötig. Den Zeitungen zufolge fordern die DIVI und die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF) in einem gemeinsamen Papier konkrete Verbesserungen zur Stärkung der Intensivpflege in Deutschland. Der Katalog umfasst demnach unter anderem einen am tatsächlichen Pflegebedarf orientierten Personalschlüssel, moderne Arbeitszeitmodelle und eine der Qualifikation angemessene Bezahlung.

Dem Robert Koch-Institut zufolge droht sich die Lage auf den Intensivstationen (ITS) wieder zu verschärfen: Laut Lagebericht setzt sich der kontinuierliche Rückgang der Covid-19-Intensivpatienten aus den vergangenen Wochen nicht mehr fort. Stattdessen stagniere die ITS-Belegung mit Covid-19-Patienten im Großteil der Bundesländer auf einem Plateau. Etwa ein Drittel der Bundesländer zeigt demnach sogar wieder eine leicht steigende Zahl an Covid-Behandlungen auf Intensivstationen.

4000 Euro Gehalt gefordert

Der Präsident des Deutschen Pflegerates, Franz Wagner, hatte gestern auch angesichts der hohen Belastung ein Einstiegsgehalt von 4000 Euro für Pflegefachkräfte gefordert. "Das wäre eine angemessene Entlohnung. Damit wäre der Pflegeberuf konkurrenzfähig mit anderen Berufsgruppen", hatte er der "Passauer Neuen Presse" gesagt. Die Politik müsse dafür die Rahmenbedingungen setzen. "Dann können wir Pflegende auch motivieren, ihre Teilzeitstellen aufzustocken oder in den Beruf zurückzukehren."

Alleine in der Langzeitpflege fehlen laut Wagner heute schon mehr als 100.000 Pflegende. Das Finanzielle sei aber nicht alleine ausschlaggebend. Pflegekräfte wünschten sich auch mehr Personal in Kliniken und Heimen, um der hohen Belastung entgegenzuwirken. Die Corona-Krise habe viele an den Rand des Leistbaren gebracht. "Die Erschöpfung geht bei einigen so tief, dass sie unter posttraumatischen Erschöpfungszuständen leiden. Viele denken daran, ihren Beruf aufzugeben", sagte Wagner.

Über dieses Thema berichtete am 11. März 2021 NDR Info um 03:07 Uhr in den Nachrichten und NDR Fernsehen um 18:15 Uhr in der Sendung "Die Nordreportage".