Eine Altenpflegerin führt in einem Seniorenheim in Tübingen einen Antigen-Corona-Schnelltest durch. | Bildquelle: dpa

Hotspot Heim? Corona-Fälle in Pflegeheimen häufen sich

Stand: 23.11.2020 09:12 Uhr

Die Regierung wollte alles dafür tun, dass Pflegeheime geöffnet bleiben - auch mit Hilfe von Schnelltests. Nach Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" werden die aber kaum genutzt. Auch bundesweite Zahlen zu Infektionen in Heimen fehlen.

Von Arnd Henze, Lena Kampf, Sonja Kättner-Neumann und Teresa Roelcke, WDR/NDR

In weit mehr als 1000 Alten- und Pflegeheimen bundesweit gibt es aktuell Corona-Fälle. Das hat eine Umfrage von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" unter den Gesundheitsministerien der Bundesländer ergeben. Demnach ist aktuell etwa jedes fünfte Heim in Rheinland-Pfalz und Hamburg, etwa jedes sechste in Nordrhein-Westfalen und etwa jedes zehnte in Brandenburg betroffen. In Hessen haben 200 von gut 800 Pflegeeinrichtungen Corona-Infektionen gemeldet, also jedes vierte Heim.

Unvollständige Angaben aus den Bundesländern

Die tatsächliche Gesamtzahl der betroffenen Heime liegt wahrscheinlich sogar noch deutlich höher. Einige Länder lieferten nur unvollständige Zahlen, Berlin und Bayern machten gar keine Angaben. Dabei gibt es in beiden Bundesländern größere Ausbrüche, sei es in Berlin-Lichtenberg oder -Steglitz, in Bayern in Augsburg oder Nürnberg. Baden-Württemberg weist nur eine Gesamtzahl von aktuell knapp 10.000 Infizierten in Sammelunterkünften aus, dazu gehören auch Asyl- und Obdachlosenunterkünfte sowie Justizvollzugsanstalten. Ein beträchtlicher Teil davon dürfte aber auf die knapp 1800 Pflegeheime des Landes entfallen.

Insgesamt gibt es rund 12.000 Alten- und Pflegeheime in Deutschland. Sie wurden während der ersten Pandemiewelle zu Hotspots. Auch im Herbst ist die Zahl der Ausbrüche alarmierend: In Neckargemünd bei Heidelberg wurden 67 von 91 Bewohnern eines Pflegeheims positiv auf Corona getestet, in einem Seniorenheim in Fürstenwalde in Brandenburg waren es 66 von 110 Bewohnern. In einer Einrichtung im bayerischen Großwallstadt haben sich fast alle, nämlich 39 von 41 Bewohnern, infiziert. Acht sind bereits verstorben.

Keine bundesweiten Zahlen

Dennoch gibt es bis heute keine ständig aktualisierte Übersicht über das Infektionsgeschehen in Alten- und Pflegeheimen. Auch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung verfügen nicht über ein genaues Lagebild. Die schlechte Datenlage wird von Pflegeverbänden kritisiert. "Zwar reden die Regierungschefs viel von den vulnerablen Gruppen, aber die Fakten werden nicht zusammengetragen", sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, auf Anfrage. "Im neunten Monat der Pandemie ist für Bund und Länder die Situation der dort lebenden und arbeitenden Menschen eine Blackbox."

Auch dem Robert Koch-Institut, das einen täglichen Situationsbericht mit den bundesweiten Infektionszahlen erstellt, werden die Zahlen nur aggregiert gemeldet und Infizierte in Alten- und Pflegeheimen nicht spezifisch ausgewiesen.

Isolation in Pflegeheimen

Unbekannt ist zudem, wie viele Heimbewohner momentan isoliert werden. Darüber besteht keine Anzeigepflicht, sodass die Bundesländer dies nicht erfassen. Trotz der Beschlüsse der Ministerpräsidenten und der Bundesregierung, die Heime während der zweiten Welle für Besucher offen zu halten, wurde bereits zu Beginn des Herbsts wieder eine erhebliche Anzahl von Heimen geschlossen. Teilweise gehen diese damit eigenmächtig weit über die geltenden Rechtsverordnungen hinaus - meist aus Angst vor einem Corona-Ausbruch. Auch Behörden schließen Besucher von Alten- und Pflegeheimen während der zweiten Welle immer wieder kategorisch aus. So zum Beispiel in Delmenhorst, Chemnitz oder Stuttgart, wo die Gesundheitsämter Besuchsverbote allein angesichts steigender Fallzahlen in ihren Landkreisen verhängten.

Für die Bewohner bedeutet dies, dass sie ihre Angehörigen oft lange Zeit nicht sehen können und teilweise auch medizinisch nur mangelhaft versorgt werden. Während des ersten Lockdowns hatte die Isolation erhebliche Folgen: Viele Senioren bauten gesundheitlich und mental rapide ab, erkannten später ihre Familienangehörigen nicht mehr oder mussten - bei einer Erkrankung - alleine sterben.

Massiver Grundrechtseingriff

Ein Grundrechtseingriff, den der Mainzer Verfassungsrechtler Friedhelm Hufen für unverhältnismäßig hält. Totalschließungen und Isolationsmaßnahmen können die Menschenwürde und Grundrechte von Heimbewohnern verletzen, hat er in einem Rechtsgutachten für die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) festgestellt. Hufen hält es nur in einer Notsituation mit mehreren Infizierten für vertretbar, Pflegeeinrichtungen wieder komplett zu schließen, und dann auch nur befristet für wenige Tage, um alle Bewohner und Mitarbeiter zu testen. "Es ist die Pflicht der Heime, alles zu unternehmen, bevor sie die Grundrechte der Bewohner einschränken und ihre seelische Gesundheit gefährden", sagt er.

Andere Heime versuchen, ihre Türen offen zu lassen und sperren, wenn Corona-Fälle auftreten, nur die betroffenen Wohnbereiche ab. Und einige wenige Träger haben Konzepte, die Besuche in infizierten Bereichen möglich machen und wehren sich auch juristisch gegen Schließungen.

Verzögerungen beim Einsatz von Schnelltests

Die Heim-Verantwortlichen setzen große Hoffnungen auf Schnelltests, mit denen Bewohner, Mitarbeiter und auch Besucher auf Corona getestet werden können. Das BMG hatte Mitte Oktober versprochen, dass Alten- und Pflegeheime die sogenannten Corona-Schnelltests mit bis zu 20 Tests pro Bewohner und Monat großzügig nutzen könnten.

Tatsächlich aber zeigen sich bislang erhebliche Mängel in der Umsetzung der Strategie: Bevor die Tests eingesetzt werden dürfen, müssen die Pflegeheime Testkonzepte erarbeiten, und die wiederum muss das lokale Gesundheitsamt genehmigen, damit die Tests später von den Krankenkassen erstattet werden. Dabei kommt es nach Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" oftmals zu erheblichen Verzögerungen. Der BIVA-Pflegeschutzbund befragt aktuell Einrichtungsmitarbeiter in ganz Deutschland, ob sie die Schnelltests bereits einsetzen. Ein erstes Zwischenfazit: Keine fünf Prozent der antwortenden Einrichtungen gaben an, diese bereits anzuwenden.

Heime haben Beschaffungsschwierigkeiten

Die Heime sind allerdings auch gar nicht dazu verpflichtet, die Schnelltests einzusetzen. Manche Betreiber berufen sich dabei auf den zweifellos schon vor Corona herrschenden Personalmangel. In anderen Fällen kommt es zu Lieferengpässen. Anders als beim Schutzmaterial müssen die Träger und Heime sich die Tests selbst beschaffen. Doch auf dem Markt herrsche nun "das gleiche Chaos, wie im Frühjahr bei den Masken", ärgert sich Bernhard Schneider, Geschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung GmbH. Als großer Träger könne er hohe Mengen an Tests selbst beschaffen. Kleinere Einrichtungen hätten es aber schwerer, sich auszustatten.

Auf Anfrage teilt ein Sprecher des BMG mit, die Umsetzung der Teststrategie erfolge in den Bundesländern und den Einrichtungen vor Ort. Das BMG setze lediglich den "rechtlichen Rahmen".

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