Mitarbeitende in einem Gesundheitsamt. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral
Reportage

Gesundheitsbehörden überlastet Infiziert, gemeldet, verzettelt

Stand: 10.12.2021 13:35 Uhr

Doppelte Meldungen, fehlende Daten, alte Technik: Beim Erfassen der Corona-Neuinfektionen kommen viele Gesundheitsämter nicht hinterher. Dadurch verzerren sich die Daten zum tatsächlichen Infektionsgeschehen.

Von André Kartschall, rbb

Ein schick ausgebautes Dachgeschoss in der Innenstadt Berlins. Was wirkt wie das Hauptquartier eines Start-Up-Unternehmens, ist die Abteilung Fallbearbeitung des Gesundheitsamts Moabit. Hier soll der Kampf gegen Corona geführt werden. 25 Sachbearbeiter haben die Aufgabe, Kontakte von Infizierten nachzuverfolgen, Quarantäne zu verhängen, Symptome zu erfassen und den Impfstatus abzufragen.

Andre Kartschall

Jedes positive Testergebnis ist ein Fall, hinter jedem Fall stehen weitere Kontakte. Pro Tag kommen hier derzeit im Schnitt rund 150 neue Fälle an. Zu viele, wie schnell klar wird. Amtsarzt Lukas Murajda begrüßt vier Mitarbeiterinnen, viele Arbeitsplätze sind heute leer geblieben. "Wir haben fast 50 Prozent Krankenstand", sagt er. "Meine Leute können nicht mehr."

Er hat einen Stapel Faxe mitgebracht, positive PCR-Testergebnisse, zugesandt von Laboren, jedes Blatt ein neuer Fall. Eigentlich sollten die Befunde digital übermittelt werden, damit es schneller geht. Stattdessen schreiben manche Labore E-Mails, manche Faxe, manche gleich beides.

Doppelte Meldungen, Bescheide per Brief

"Die doppelten Meldungen müssen wir danach von Hand zusammenführen, damit wir nicht doppelt zählen", sagt Rosa Rodriguez, die hier arbeitet. Das heißt telefonieren, gucken, hat ein Kollege denselben Fall vielleicht auch schon auf dem Tisch? So verrinnen die Minuten.

Häufig fehlen Telefonnummern oder E-Mail-Adressen der Infizierten. "Wir rufen niemanden an", so Murajda. Stattdessen verschicken die Mitarbeiter Briefe, Tausende sind es pro Woche. An die Quarantänepflicht hielten sich ohnehin fast alle Infizierten, darin sind sich die meisten Verantwortlichen einig.

Lückenhafte Daten, unklares Infektionsgeschehen

Die Nachverfolgung von Kontakten - um dadurch im besten Fall Infektionsketten zu unterbrechen - schaffen sie hier schlicht nicht mehr. Daher steigt die Zahl der nicht erkannten Ansteckungen und damit die Dunkelziffer. Das wahre Infektionsgeschehen wird zusehends unklarer.

Dass die Überforderung der Gesundheitsämter auch direkte Auswirkungen etwa auf die Inzidenz in Deutschland hat, weiß man in einem anderen Berliner Gesundheitsamt in Charlottenburg-Wilmersdorf. Überhaupt sei das tückisch mit der Inzidenz als wichtiger Parameter: Gesundheitsstadtrat Detlef Wagner ist darauf gestoßen, als seine Mitarbeiter sich die Fallzahlen von Schülern genauer anschauten. Seit Monaten weisen die Altersgruppen unter 18 Jahren die höchsten Inzidenzen auf. Man könnte daraus schließen, dass Kinder und Schüler die Infektionstreiber sind - man kann aber auch vermuten, dass es daran liegt, dass sie öfter getestet werden als jede andere Altersgruppe.

Ex-Polizist Wagner vergleicht den Effekt mit dem Straßenverkehr: "Wenn Sie überall Blitzer hinstellen, erwischen Sie auch viele Raser. Schüler werden öfter getestet und sind daher überrepräsentiert. Wenn wir dieses Testnetzwerk auf unsere Geimpften ausweiten würden, würden sich die Fallzahlen verschieben."

Der Teufel im Detail der Corona-Statistik

Verschoben ist auch die Unterscheidung zwischen "Geimpft/Genesen" auf der einen und "Ungeimpft" auf der anderen Seite. Tatsächlich kommen die Gesundheitsämter in der vierten Welle auch mit der Erfassung des Impfstatus kaum noch hinterher. Und wissen in der Folge weniger über die Infizierten als jemals zuvor. Wagner, ein entschiedener Impfbefürworter, sagt: "Die Impfung schützt vor schwerer Erkrankung. Sie schützt nicht davor, mich selbst oder andere anzustecken. Die Impfung lässt viele Leute in dem Glauben, sie hätten mit dem Infektionsgeschehen nichts mehr zu tun."

Die Aufteilung der Inzidenzen in Geimpft, Genesen und Ungeimpft habe allerdings ihre Tücken: Ungeimpfte ließen sich häufiger testen als Geimpfte. So könnte ein guter Teil der Fälle auf den Testeffekt zurückgehen. "Bei den nachweislich Positiven ist uns der Impfstatus zu 25 bis 50 Prozent bekannt. Es ist wirklich eine so starke Unschärfe da", sagt Wagner. In anderen Berliner Bezirken ist der Impfstatus mittlerweile nur noch in zehn bis 20 Prozent der Positiv-Fälle bekannt.

Die Statistik zu Geimpften und Ungeimpften wird noch weiter verzerrt: Alle Gesundheitsämter Berlins melden ihre Corona-Fälle an das Landesamt für Gesundheit und Soziales. Dort werden die Fälle, bei denen auch Symptome aufgetreten sind, noch einmal gesondert nach Impfstatus ausgewertet. Dabei werden alle Menschen, bei denen der Impfstatus unbekannt ist als "ungeimpft" gezählt. Auch andere Bundesländer verfahren nach diesem Prinzip. Unter der offiziellen "Geimpft-Ungeimpft"-Statistik des Landes Berlin finden sich im Kleingedruckten Hinweise darauf, wie viele Fallstricke und Unsicherheiten in der Statistik stecken - in der öffentlichen Debatte spielen solche Fehlerquellen der Inzidenzen aber keine Rolle.

Hilfe durch die Bundeswehr

Auch Charlottenburg-Wilmersdorf drohte unter der vierten Welle zu ersticken. 800 unbearbeitete Positiv-Fälle hatten sich angesammelt. Wagner rief die Bundeswehr zu Hilfe. In einem Container vor dem Gesundheitsamt haben Soldaten innerhalb von zwei Wochen den Rückstau abgetragen. "Damit hatte ich nicht gerechnet, dass das so schnell geht", zeigt sich Wagner beeindruckt.

Nun sind er und seine Mitarbeiter endlich nicht mehr hinter der Lage können sich wieder verstärkt um ihre Kernaufgabe kümmern: Infektionsketten besonders dort zu verhindern, wo sie großen Schaden anrichten können - in Pflegeheimen oder Senioren-WGs. Und sie können wieder mehr Daten erheben. Die grundsätzlichen Fehlerquellen der Inzidenzerfassung aber bleiben die gleichen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Dezember 2021 um 12:00 Uhr.