Rathaus von Sonneberg in Thüringen | Bildquelle: dpa

Corona in den Regionen Vierter Landkreis über der Obergrenze

Stand: 10.05.2020 14:58 Uhr

Landkreise mit mehr als 50 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner sollen nach der Einigung von Bund und Ländern die "Notbremse" bei Lockerungen ziehen. Dies betrifft derzeit vier Kreise. Zahlreiche andere sind hingegen "Corona-frei".

Ein weiterer Landkreis hat die von Bund und Ländern festgelegte Obergrenze für Corona-Neuinfektionen erreicht: Im südthüringischen Kreis Sonneberg lag der Wert am Sonntagvormittag bei 66,7 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, wie ein Sprecher des Landratsamts der Nachrichtenagentur dpa mitteilte. Insgesamt seien bis zu diesem Zeitpunkt 155 Infektionen im Landkreis nachgewiesen worden.

Bund und Länder hatten am Mittwoch eine deutliche Lockerung der Corona-Auflagen vereinbart. Zugleich beschlossen sie aber, dass ein Beschränkungskonzept umgesetzt werden soll, wenn in Landkreisen oder kreisfreien Städten mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche registriert werden - eine sogenannte "Notbremse".

Zuvor hatten bereits drei weitere Kreise diesen Grenzwert überschritten: Greiz in Thüringen, Coesfeld in Nordrhein-Westfalen und Steinburg in Schleswig-Holstein. In der entsprechenden Karte des Robert-Koch-Instituts sind sie rot markiert. Orange sind acht weitere Landkreise: Hier wurden mehr als 25 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche registriert. Die Zahlen des RKI werden ein Mal täglich um Mitternacht aktualisiert.

Zahlreiche Landkreise "Corona-frei"

Laut Landramtsamt ist ein Krankenhaus in Sonneberg ein Infektionsschwerpunkt. Auch Mitarbeiter hätten sich hier infiziert. In Abstimmung mit dem Klinikum sei dort deshalb am Freitagabend ein vorübergehender Aufnahmestopp beschlossen worden. Die Notaufnahme sei davon aber nicht betroffen. Die Behandlung von kritischen und lebensbedrohlichen Fällen sei sichergestellt. Aber auch außerhalb des Krankenhauses gebe es Neuinfektionen im Landkreis. "Wir werden die Lage sehr kritisch weiter beobachten und prüfen und im Rahmen der neuen Verordnung gegebenenfalls auch härtere Maßnahmen ergreifen", betonte der Sprecher.

In Coesfeld ist dies bereits der Fall: Hier wurden die Lockerungen teilweise um eine Woche verschoben. In der Region sowie im schleswig-holsteinischen Steinburg hängt dies direkt mit den vielen Corona-Fällen in Schlachthöfen zusammen. Hunderte vornehmlich osteuropäische Arbeiter haben sich dort infiziert, offenbar weil in ihren Sammelunterkünften keine ausreichenden Hygienemöglichkeiten vorhanden waren und sie zu eng sind, um den Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten.

Die allermeisten Landkreise in Deutschland liegen nach der RKI-Übersicht derzeit deutlich unter der Obergrenze für Corona-Neuinfektionen. In zahlreichen Kreisen wurden innerhalb der letzten sieben Tagen sogar überhaupt keine neuen Fälle registriert. Darunter etwa der hessische Vogelsbergkreis, Uelzen in Niedersachsen oder Haßberge in Bayern. Auch mehrere kreisfreie Städte hatten in der vergangenen Woche keine Neuinfektionen verzeichnet - so Baden-Baden, Bamberg, Würzburg, Jena, Cottbus, Pirmasens oder Schwerin.

Kritik an der Obergrenze

Die Corona-Obergrenze stößt auch auf Kritik. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz etwa kritisiert sie als zu hoch. "Während es am Anfang hieß, die Politik sei den Virologen hörig, werden jetzt die Warnungen der Experten ignoriert", sagte der Vorstand der Stiftung, Eugen Brysch. Statt 50 wäre ein Höchstwert von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner jetzt angemessen, um eine zweite Infektionswelle zu verhindern. Es zeichne sich ab, dass die Solidarität mit den Menschen in der Hochrisikogruppe aufgebraucht sei, beklagte Brysch. So versuchten vereinzelt Landkreise mit kritischen Werten, strengere Eindämmungsmaßnahmen zu umgehen. "Das ist in der derzeitigen Situation fatal", warnte Brysch und forderte, dass die Länder verbindliche Standards für Kreise und Städte festlegen.

Die Grünen im Bundestag verlangten von Bund und Ländern mehr Klarheit über ihr Vorgehen in der Corona-Krise. Sie schlagen fünf Corona-Warnstufen mit entsprechenden Testpflichten vor. Medien berichteten über ein Konzept der Grünen, womit dem unterschiedlichen regionalen Entwicklungsgeschehen Rechnung getragen werden. Die fünf Stufen reichen von sogenannten Hotspots bis zu Regionen, in denen es so gut wie keine Fälle gibt. In den Hotspotregionen mit besonders vielen Infektionen sollten alle Menschen vorsorglich getestet werden. Nur in Regionen mit der niedrigsten Corona-Warnstufe sollten entlang der bisherigen Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts lediglich Menschen mit Symptomen getestet werden. Nur durch "engmaschige und regional angepasste Kontrollen" könnten ein Rückfall und eine zweite Welle verhindert werden, sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt der Nachrichtenagentur AFP.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 10. Mai 2020 um 14:43 Uhr.

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