Ein Arzt geht einen Flur in einem Krankenhaus entlang | AP

Klinik-Überlastung durch Corona Wie andere Patienten leiden

Stand: 28.11.2021 12:20 Uhr

Die steigende Zahl an Covid-Patienten verschärft die Lage auf den Intensivstationen. Laut Krankenhausgesellschaft müssen deshalb inzwischen rund 75 Prozent der Kliniken planbare OPs verschieben - mit teils schweren Folgen für die Patienten.

Wegen der angespannten Lage auf den Intensivstationen können viele Kliniken in Deutschland den normalen Betrieb nicht mehr aufrechterhalten. Das bedeutet auch: Immer mehr Krankenhäuser müssen planbare Operationen verschieben. Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft ist das inzwischen in mehr als drei Viertel der Kliniken der Fall.

Die Lage sei wirklich zunehmend dramatisch und führe teilweise "auch zu körperlichen und psychischen Belastungen bei den betroffenen Patienten", teilte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, mit. Für die Krankenhäuser sei die Verschiebung planbarer Operationen derzeit das Mittel der Wahl, um die Versorgung akuter Fälle weiter leisten zu können.

Verschiebungen belasten oft Psyche

"Ich versuche, das rational zu sehen, doch manchmal überkommt mich die Wut", erzählte eine 63-jährige ehemalige Pflegerin, deren Hüftgelenks-OP wieder einmal verschoben wurde, der Nachrichtenagentur dpa. Immer noch habe sie keine Perspektive, wann es so weit sein könnte.

Zu den typischen planbaren Operationen gehören laut Krankenhausgesellschaft vor allem orthopädische OPs. Als sich die ehemalige Pflegerin aus Buchloe im Allgäu im September für ihren Eingriff an das Bundeswehrkrankenhaus in Ulm wandte, wurde ihre OP für das Frühjahr 2022 angesetzt. Mittlerweile ist sie auf unbestimmte Zeit verschoben. Es gebe Tage, da könne sie kaum laufen, berichtete die Frau, die ihren Namen nicht in den Medien lesen möchte. Die Ungewissheit und der Umgang mit den Schmerzen belaste sie mittlerweile so sehr, dass sie mit Depressionen zu kämpfen habe.

Die langen Wartezeiten hängen auch mit Operationen zusammen, die in der letzten schweren Corona-Welle verschoben werden mussten und noch immer nicht durchgeführt werden konnten. Von Oktober 2020 bis Februar 2021 wurden laut Krankenhausgesellschaft 22 Prozent weniger Hüftprothesen operiert. Doch auch bei Krebsbehandlungen mussten und müssten weiter Einschränkungen gemacht werden, hieß es. Auswertungen zeigten, dass die Zahlen bei Brustkrebs-OPs um sechs, bei Darmkrebs-OPs sogar um 18 Prozent zurückgegangen seien. Man wisse inzwischen um die gravierenden Folgen für die Patienten, sagt Krankenhausgesellschaftschef Gaß. Laut Medizinern zeigen Untersuchungen, dass spätere OP-Termine Auswirkungen auf den Befund oder die Erfolgsaussichten eines Patienten haben können, vor allem bei Krebspatienten.

Patientenschützer sieht rechtliche Unsicherheit

Patientenschützer sehen Patienten zudem einer rechtlichen Grauzone ausgesetzt. Die Definition von planbaren Operationen sei rechtlich unbestimmt und praktisch nicht greifbar, bemängelte Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. So gebe es keine offizielle Liste mit medizinischen Eingriffen, die bei einer drohenden Überlastung verschoben werden könnten. Auch das führe bei Patienten zu großen Unsicherheiten.

Deshalb fordert Brysch eine einheitliche Regel bei der Frage, welche Operationen angesichts der Überlastung der Krankenhäuser in der Corona-Pandemie verschoben werden sollen. "Bund und Länder haben die Pflicht, sofort für transparente und nachvollziehbare Kriterien zu sorgen", so Brysch. Jedes Krankenhaus bestimme derzeit selbst, welcher Patient therapiert wird und welcher aktuell keine Hilfe bekomme, kritisiert Brysch. Zudem sei unklar, ob davon überproportional gesetzlich Versicherte betroffen sind.

"Covid-19-Radar" gefordert

Die Krankenhäuser sind in der Pandemie angehalten, planbare Eingriffe zu verschieben, um Kapazitäten für Corona-Patienten freizuhalten. Dafür wurden Ausgleichszahlungen eingeführt. Offen bleibt laut Brysch auch, wann ein Krankenhaus an seine Belastungsgrenze stößt. "Klarheit würde hier ein Covid-19-Radar schaffen." Darin sollten tagesaktuell Erkrankte, Corona-Infizierte und Verstorbene sowie die Auslastung der belegbaren Betten auf allen Stationen abgebildet werden.

Die Krankenhausgesellschaft rechnet aufgrund der weiter hohen Corona-Neuinfektionszahlen mit einer Zunahme an verschobenen planbaren OPs. Damit müssen wohl schon bald noch mehr Menschen in Deutschland auf ihre Operation vorerst verzichten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. November 2021 um 11:00 Uhr.