Eine Frau sitzt während der Isolation nach einem positiven Corona-PCR-Test auf ihrem Bett. | dpa

Coronavirus in Deutschland Kein PCR-Test - keine Erfassung

Stand: 12.07.2022 17:22 Uhr

Das RKI meldete zuletzt eine Inzidenz von 702,4. Experten gehen aber davon aus, dass viele Fälle gar nicht erfasst werden. Ein Grund: Viele Infizierte machen keinen PCR-Test. Laborärzte erinnern nun daran, dass ein Anspruch darauf besteht.

Der Berufsverband Deutscher Laborärzte (BDL) hat darauf hingewiesen, dass Menschen mit einem positiven Corona-Schnelltest laut der Corona-Testverordnung Anspruch auf einen bestätigenden PCR-Test haben - auch nach einem Selbsttest. In Teilen der Bevölkerung sei dies nicht bekannt, sodass die Corona-Statistik das wahre Ausmaß der Pandemie nicht abbilden könne, teilte der BDL-Vorsitzende Andreas Bobrowski mit.

Nur PCR-Tests gehen in Statistik ein

Tatsächlich zählen für die Statistik - und damit auch für die Angabe einer Inzidenz durch das RKI - nur positive PCR-Tests. Weil allerdings "allzu oft" auf einen positiven Antigentest kein PCR-Test folge, könne das Infektionsgeschehen "schon seit Langem nicht mehr angemessen erfasst" werden, erklärte Bobrowski weiter.

Dazu kommt das Problem, dass Nachmeldungen und Übermittlungsprobleme weiter zu einer Verzerrung einzelner Tageswerte führen können. Generell schwankt die Zahl der registrierten Neuinfektionen und Todesfälle deutlich von Wochentag zu Wochentag, da insbesondere am Wochenende viele Bundesländer nicht ans RKI übermitteln und ihre Fälle im Wochenverlauf nachmelden.

BDL erwartet weitere Schließung von Testzentren

Der Verband der Laborärzte erwartet außerdem, dass wegen rückläufiger Nachfrage bei den sogenannten Bürgertests über den Sommer weitere gewerbliche Testzentren schließen werden. Damit könnte es künftig zu noch weniger Schnell- und folglich noch weniger PCR-Testungen kommen. Nach Einschätzung des Verbands hat es bei den Bürgertests seit ihrer Beschränkung Ende des vergangenen Monats bereits Rückgänge um 20 bis 30 Prozent gegeben.

RKI: Inzidenz steigt weiter

Auch das Robert Koch-Institut (RKI) selbst weist darauf hin, dass viele Fälle in der Statistik derzeit nicht erfasst werden. Laut RKI-Statistik steigt die Inzidenz weiter - auf 702,4. Das geht aus Zahlen hervor, die den Stand des RKI-Dashboards von 5.00 Uhr wiedergeben.

Zum Vergleich: Am Vortag hatte der Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche bei 661,4 gelegen - in der Vorwoche bei 687,7 und im Vormonat bei 333,7.

Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI zuletzt 154.729 Corona-Neuinfektionen (Vorwoche: 147.489) und 165 Todesfälle (Vorwoche: 102) innerhalb eines Tages.

Vergleiche der Daten sind auch hier wegen des Testverhaltens, Nachmeldungen und Übermittlungsproblemen nur eingeschränkt möglich. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 29.180.489 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

Uneinigkeit beim Thema Viertimpfung

Debattiert wird derzeit außerdem die Effizienz einer sofortigen vierten Impfung bei Menschen über 60 Jahren, wie sie die Europäische Union empfiehlt. Der Epidemiologe und frühere WHO-Mitarbeiter Klaus Stöhr rät etwa von einer solchen Booster-Impfung für breite Bevölkerungsschichten ab und stellt sich damit gegen die Empfehlung. Zur Begründung sagte Stöhr der "Neuen Osnabrücker Zeitung", wer nach dem zweiten Booster jetzt für alle rufe, sollte sich klar darüber sein, "dass im Herbst die Wirkung weitestgehend verpufft ist".

Das Problem für Stöhr: Gerade im Herbst werde für die Vulnerablen wegen des hohen Infektionsdrucks und großer Infektionswahrscheinlichkeit im Winter eine Auffrischung benötigt. Stöhr empfiehlt allen Menschen bis 70 Jahren ohne Vorerkrankungen, mit dem zweiten Booster bis zum Herbst zu warten.

Montgomery und Lauterbach für Booster

Anderer Meinung ist etwa der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery. Er stellte sich hinter die EU-Empfehlung, Menschen ab 60 Jahren eine zweite Corona-Auffrischungsimpfung zu verabreichen. Er begründete das mit dem Nachlassen des bisherigen Impfschutzes. "Das Virus ist clever, es verändert sich - und der Impfschutz lässt nach", sagte Montgomery den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Eine Impfung schütze nicht absolut, "aber doch sehr effektiv", erklärte Montgomery. Deswegen sei es "richtig, jetzt diejenigen nachzuimpfen, deren Impfung oder Genesung schon länger zurückliegt". Gleiches gelte für die "besonders Gefährdeten".

Die Inzidenzen steigen jetzt sogar schon im Sommer. Insbesondere bei den Airlines, den Verkehrsbetrieben und im Gesundheitswesen verzeichnen wir viele Erkrankungen. Darunter leiden wir alle.

Die beste Methode Krankheit, Leid und Tod zu verhindern ist laut Montgomery nach wie vor das Impfen. Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) nannte die EU-Empfehlung "sinnvoll und überfällig".

In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) bislang eine zweite Booster-Impfung lediglich für Menschen ab 70 Jahren, Risikopatienten sowie Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen und Beschäftigte im medizinischen Bereich und in Pflegeeinrichtungen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Juli 2022 um 17:00 Uhr.