Mehrere Menschen warten im Impfzentrum in Potsdam auf ihre Impfung. | dpa

Corona-Pandemie Zukunft der Impfzentren umstritten

Stand: 12.06.2021 12:39 Uhr

Seit Haus- und Betriebsärzte gegen Corona mitimpfen, stellt sich die Frage: Bis wann braucht es die Impfzentren? Stand jetzt stellt der Bund seine finanzielle Unterstützung Ende September ein. Viele sehen das skeptisch.

Der Deutsche Städtetag fordert, dass die Corona-Impfzentren längerfristig in Betrieb bleiben. "Bei dem zu erwartenden Andrang sind die Impfzentren mit ihren großen Kapazitäten, etwa in Messehallen, zu wichtig, um sie einfach abzuwickeln", sagte Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy der "Passauer Neuen Presse" mit Blick auf steigende Impfstofflieferungen. "Außerdem starten aus den Impfzentren die mobilen Impfteams in Pflegeeinrichtungen und soziale Brennpunkte. Wir brauchen leistungsstarke Strukturen. Die Pandemie ist noch nicht vorbei."

Dedy wies darauf hin, dass Verträge, die die Kommunen geschlossen haben, bis Ende Juni gekündigt werden müssten, wenn die weitere Finanzierung nicht gesichert sei. "Wenn hier der Schalter umgelegt ist, sind die Impfzentren bald zu - dann wohl endgültig."

Der Chef des Hausärzteverbandes Ulrich Weigeldt argumentierte hingegen mit zu hohen Kosten. Es sei "mehr als fraglich, Strukturen aufrechtzuerhalten, von denen man immer wieder hört, dass die Kosten pro Impfung etwa zehnmal so teuer sind wie in den Praxen", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Anstatt die Impfzentren künstlich am Leben zu erhalten, sollte die Politik ihre Energie lieber in eine sinnvolle Planung der Impfstoffbereitstellung für die Auffrischungsimpfungen stecken."

Viele Länder bereiten Abwicklung vor

Die Bundesregierung unterstützt die Finanzierung der Impfzentren mindestens noch bis zum 30. September. Was danach passiert, ist unklar. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur epd unter den Gesundheitsministerien der Länder habe ergeben, dass bis zum Herbst ein großer Teil der Impfzentren abgewickelt werden solle. Eine einheitliche Linie sei aber nicht zu erkennen.

Nach derzeitigem Stand liefen die Impfzentren in Baden-Württemberg bis zum 15. August. Das Hamburger Impfzentrum in den Messehallen solle bis mindestens August in Betrieb sein. In Sachsen würden die Zentren dagegen nur bis mindestens Ende Juli offen sein. Das Landeskabinett wolle sich voraussichtlich in der kommenden Woche erneut mit dem Thema befassen, so das Sozialministerium.

Hessen hat bereits beschlossen, alle Zentren ab September zu schließen - dann sollen Haus- und Betriebsärzte die Immunisierungen fortsetzen. Im Gegensatz dazu gibt es aber auch Bundesländer, die sich skeptisch zeigen und bei Bedarf ausgewählte Impfzentren offen lassen wollen.

Weil fordert Umdenken

Bereits am Donnerstag, in und nach der Ministerpräsidentenkonferenz mit Kanzlerin Merkel, hatte der niedersächsische Landeschef Stephan Weil gefordert, noch einmal die Diskussion über die Perspektiven der Impfzentren zu führen. Er habe erhebliche Zweifel daran, ob es ein kluges Vorhaben ist, die Impfzentren zu schließen, betonte Weil. "Entsprechende Schleifspuren wären bereits in wenigen Wochen feststellbar, weil die Impfzentren die Zweitimpfungen mit in ihre Planungen einbeziehen müssen." Mit AstraZeneca könnten dann bereits Anfang Juli, bei den anderen Impfstoffen Mitte August keine neuen Erstimpfungen mehr erfolgen.

Gleichzeitig sei zu erwarten, dass viele niedergelassene Ärztinnen und Ärzte im Sommer einen Urlaub antreten werden. Deshalb solle "unbedingt im Bundesgesundheitsministerium noch einmal überprüft werden", ob nicht die Infrastruktur der Impfzentren im ganzen Sommer und darüber hinaus weiterhin gute Dienste leisten könne.

Weiterbetrieb nicht ausgeschlossen

Auch aus Bayern ist laut epd zu hören, dass die Frage nach einer möglichen Fortsetzung der Immunisierung in den Impfstraßen noch "Gegenstand der Abstimmungen von Bund und Ländern ist". Eine Entscheidung sei aktuell nicht abzusehen. Das hänge von vielen Faktoren ab, etwa dem Impffortschritt und der möglichen Notwendigkeit von Auffrischungsimpfungen.

Rheinland-Pfalz halte sich ebenfalls den Weiterbetrieb offen: "Aus Sicht unseres Hauses sind die Impfzentren ein bewährter Baustein der Impfstrategie, den wir nicht ohne Not frühzeitig aufgeben wollen." Bevor diese Struktur abgeschafft werde, müsse klar sein, wie die Impfkampagne ohne diesen Baustein möglichst effektiv fortgesetzt werden könne.

"Wo sollen Leute ohne Hausarzt geimpft werden?"

Der Versorgungs- und Präventionsforscher Benjamin Schüz vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Uni Bremen plädierte ebenfalls dafür, die Impfzentren zumindest teilweise zu erhalten. "Impfzentren haben eine wichtige Aufgabe zur Steuerung aufsuchender Angebote", sagte Schüz im Gespräch mit Radio Bremen. Dabei denke er etwa an gezielte Impfaktionen in ärmeren Stadtteilen.

Generell seien die Zentren für die Versorgung aller Menschen mit Impfstoffen wichtig, die keinen Hausarzt haben. Das könne obdachlose Menschen ebenso betreffen wie solche ohne Aufenthaltsgenehmigung - doch auch alle anderen, erklärte Schüz: "Einen Hausarzt neu zu finden, ist derzeit beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Es nimmt kaum jemand neue Patienten auf. Wo sollen die Leute, die keinen Arzt haben, sonst geimpft werden, wenn nicht über das Impfzentrum?"

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell im Hörfunk am 12. Juni 2021 um 10:31 Uhr.

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KOMMENTARE

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weingasi1 12.06.2021 • 22:27 Uhr

Am 12. Juni 2021 um 17:09 von Switcher

Warum Fokus auf Hausärzte? Impfzentren sind nicht günstig. Sie könnten aber weitaus „wirtschaftlicher“ sein und die Kosten pro Patient deutlich senken, indem man sie unter höherer Auslastung betreibt. Die Kabinen sind aufgebaut, das Personal steht. Und im Gegensatz zu den Mini-Wartezimmern des Hausarztes haben sie auch Platz, um dem Anspruch an Mindestabstand zumindest nahe zu kommen. Was derzeit fehlt, sind die Patienten. __ Das mag zum grossen Teil aber daran liegen, dass es, weil automatisiert, häufig sehr schwierig ist, überhaupt Kontakt aufzunehmen um einen Termin zu ergattern. Teilweise muss dann noch ein Attest des Hausarztes vorgelegt werden. Wenn man also einen HA ha, ist es über die Praxis einfacher. Scheint aber auch von Bundesland zu BL unterschiedlich zu sein. Für mich war es beim HA viel einfacher und bequemer.