Spritze mit dem AstraZeneca Covid-19-Impfstoff | AFP

AstraZeneca-Stopp Impfgipfel wird verschoben

Stand: 16.03.2021 09:06 Uhr

Der für Mittwoch geplante Impfgipfel von Bund und Ländern wird verschoben, um die Entscheidung der EMA über den Impfstoff von AstraZeneca abzuwarten. Der vorübergehende Stopp des Vakzins ist unter Experten umstritten.

Der für Mittwochabend geplante Impfgipfel von Bund und Ländern wird nach der Aussetzung von Corona-Impfungen mit dem Präparat von AstraZeneca verschoben. Das teilte ein Regierungssprecher mit. Die Telefonkonferenz zum Thema der Impfkampagne und der Einbeziehung der Hausärzte werde verschoben, bis eine Entscheidung der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA zum AstraZeneca-Impfstoff vorliege.

Konkret sollte es bei den Beratungen auch um die Frage gehen, wie die Hausärzte in Deutschland flächendeckend in den Impfabläufen berücksichtigt werden könnten. In den Praxen sollte dabei insbesondere der Impfstoff von AstraZeneca zum Einsatz kommen, da dieser dort auch gelagert werden kann.

"Besondere Verpflichtung"

Der vorübergehende Stopp der Corona-Impfungen mit dem Mittel von AstraZeneca in Deutschland hatte geteiltes Echo ausgelöst. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), das für die Entscheidung maßgeblich war, verteidigte das Aussetzen der Impfungen. Er erklärte in den tagesthemen, dass Bürgerinnen und Bürger sich darauf verlassen wollten, dass die Impfstoffe, die man zulasse, sicher und wirksam sind. "Ich glaube, wir haben hier eine besondere Verpflichtung."

Grund für die Empfehlung seien "auffällige Häufungen einer speziellen Form von sehr seltenen Hirnvenen-Thrombosen in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen und Blutungen in zeitlicher Nähe zu Impfungen mit dem Covid-19-Impfstoff AstraZeneca". Bei bislang mehr als 1,6 Millionen Impfungen mit dem AstraZeneca-Wirkstoff in Deutschland seien dem Institut sieben Fälle von Thrombosen bekannt, die in zeitlichem Zusammenhang mit einer AstraZeneca-Impfung aufgetreten waren.

Akzeptanz für Impfungen in Gefahr

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, zog den Stopp hingegen in Zweifel. "Dass Menschen Thrombosen und Lungenembolien bekommen, muss nicht unbedingt etwas mit der Impfung zu tun haben", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Nach den ihm bekannten internationalen Studien sei die Thrombose-Häufigkeit in der Placebo-Gruppe und in der Gruppe mit dem Impfstoff etwa gleich gewesen. Montgomery warnte vor einem Image-Schaden für den Impfstoff. "Unter dem Strich ist es leider so, dass dieser eigentlich gute und wirksame Impfstoff durch den Wirbel und die Impf-Aussetzung in vielen Ländern nicht gerade eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung gewinnt", so Montgomery.

Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte den Impfstopp. Der komplette Ausfall der Impfungen mit AstraZeneca sei eine "Katastrophe". Dieser sei bis zum Sommer durch keinen anderen Impfstoff ersetzbar, so Lauterbach im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF.

Grüne: Fahrlässige Entscheidung

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen nannte den vorläufigen Stopp sogar fahrlässig. Der Bundestagsabgeordnete sieht darin "die nächste Erschütterungswelle" für das Vertrauen in die Corona-Politik der Bundesregierung, wie er der Nachrichtenagentur dpa sagte. "Eine Alternative wäre es, über das überschaubare Risiko ausführlich aufzuklären und weiterhin jene Menschen zu impfen, die eine Impfung mit Astrazeneca möchten."

Der SPD-Vorsitzende Norbert Walter-Borjans warf Spahn vor, dass dieser sich nach dem Stopp des Vakzins in Dänemark zunächst noch an die Einschätzung der EU-Arzneimittelbehörde EMA gehalten hatte und nun umgeschwenkt ist. "Hals über Kopf eine Woche vorher zu sagen, die Risiken sind kleiner als der Nutzen, und dann ein paar Tage später, wenn sich alle darauf einstellen, dass jetzt geimpft wird, zu sagen: 'Na ja, das ist mir jetzt zu heiß', zeugt auch nicht von einer besonnenen, überschauenden Politik", sagte Walter-Borjans im ZDF.

"Reine Vorsichtsmaßnahme"

Das Bundesgesundheitsministerium hatte am Montagnachmittag überraschend mitgeteilt, dass auch Deutschland die Impfungen mit dem Impfstoff von AstraZeneca vorerst aussetzt. Mehrere andere Länder hatten dies bereits in den vergangenen Tagen getan. Vorausgegangen waren Meldungen von Blutgerinnseln im zeitlichen Zusammenhang mit einer Corona-Impfung mit dem Präparat. Den Angaben des Gesundheitsministeriums zufolge handelt es sich um einen vorsorglichen Schritt, dem eine entsprechende Empfehlung des zuständigen PEI vorausging.

Gesundheitsminister Jens Spahn sprach von einer "reinen Vorsichtsmaßnahme". "Wir setzen aus, um zu überprüfen", so der CDU-Politiker. Das Ergebnis der Überprüfung sei offen. "Uns allen ist die Tragweite dieser Entscheidung sehr bewusst", fügte Spahn hinzu.

Anders als Spahn hält die europäische Arzneimittelagentur EMA daran fest, dass weiterhin mit AstraZeneca geimpft werden kann. Die Prüfung der Fälle werde aber fortgesetzt, erklärte sie am Montagabend in Amsterdam. Ihr Sicherheitsausschuss entscheide am Donnerstag. Die Impf-Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beraten bereits heute über den Impfstoff von AstraZeneca.

Verzögerungen im Impfplan erwartet

Bislang wurden laut Robert Koch-Institut in Deutschland mehr als 1,6 Millionen Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs verabreicht, bei rund 9,4 Millionen Erst- und Zweitimpfungen insgesamt. Nach dem Stopp rechnet das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) nun mit deutlichen Verzögerungen im rechnerischen Impfzeitplan. "Dies würde das Impfergebnis um einen Monat rechnerisch nach hinten verschieben", sagte ZI-Chef Dominik von Stillfried dem "Handelsblatt". Dann würden statt im August erst im September alle Impfwilligen eine zweite Dosis erhalten. In mehreren Bundesländern mussten bereits vereinbarte Impftermine abgesagt werden.

Man habe darauf gesetzt, jetzt sehr schnell und viel impfen zu können, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet am Abend im ZDF. Und nun sei ein Impfstoff nicht mehr da, jedenfalls nicht in den nächsten Tagen. Darauf müsse die Politik reagieren.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder glaubt nicht, dass die Impfungen mit dem Präparat von AstraZeneca generell ausgesetzt blieben. Es würden nach der Prüfung der Vorfälle im Zusammenhang damit noch viele Gruppen geimpft werden können, sagte Söder im ARD-Brennpunkt. Er kenne viele, die sich sofort damit impfen lassen würden. "Ich würde mich auch sofort hinstellen", so Söder. Vielmehr müsse "die Impfbürokratie" deutlich verschlankt werden, sagte der CSU-Chef. "Es braucht auch zu viel Zeit, um in der recht starren Impffolge, die wir jetzt haben, auch möglichst schnell und viel zu verimpfen."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 16. März 2021 um 11:00 Uhr.