Virologin Melanie Brinkmann bei "Anne Will" (Archiv) | picture alliance / Eventpress

Vor Bund-Länder-Schalte Das raten die Experten

Stand: 19.01.2021 08:03 Uhr

Die Teilnehmer der Bund-Länder-Schalte wollen heute über weitere Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus beraten. Dafür brauchen sie Expertise - am Vorabend gaben deshalb Fachleute ihre Einschätzung zur Pandemie-Lage.

Im Vorfeld der heutigen Bund-Länder-Schalte zu den Maßnahmen gegen das Coronavirus haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten sich beraten lassen. In einer "Vor-Schalte" am Montagabend gaben Fachleute ihre Einschätzung zur Pandemie-Lage - und mahnten Verschärfungen an. Nach übereinstimmenden Medienberichten waren unter anderem dabei:

Rolf Apweiler, Molekularbiologe und Direktor des European Bioinformatics Institute in Cambridge, der über die zuerst in Großbritannien aufgetretene Corona-Mutation B117 informierte, die deutlich ansteckender ist als die bisher bekannte Virus-Variante. Er forderte einen "scharfen Lockdown", schnelles Impfen und breite Gensequenzierung zur Erkennung neuer Virus-Varianten, um die Infektionszahlen schnell zu senken. Wenn aber der politische Wille fehle, würden auch die besten Teststrategien nichts bringen, so Apweiler laut der Nachrichtenagentur Reuters.

Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung, vertrat die gleiche Linie. Sie ist Unterstützerin der #ZeroCovid-Kampagne, die für besonders konsequente Maßnahmen eintritt. Auch der Helmholtz-Infektionsforscher Michael Meyer-Hermann warnte vor einer schnellen Ausbreitung der Virus-Mutationen in Deutschland und plädierte für härtere Regelungen.

Der Mobilitätsforscher Kai Nagel von der TU Berlin warnte, dass sich die Mutation B117 bis Mitte März in Deutschland ausbreiten werde. Er habe in verschiedenen Modellen vorgestellt, welche Auswirkungen mögliche Öffnungsschritte hätten, hieß es aus Teilnehmerkreisen. Nagel halte eine strikte Einschränkung aushäusiger Aktivitäten, eine Ausgangssperre am Abend sowie FFP2-Maskenpflicht am Arbeitsplatz für sinnvoll. Wenn man Schulen öffne, sollten seiner Einschätzung nach die Klassen halbiert werden und alle Kinder FFP2-Masken tragen.

Prof. Dr. Cornelia Betsch | Universität Erfuirt

Betsch sprach über die psychologischen Aspekte der Pandemie. Bild: Universität Erfuirt

Cornelia Betsch, Psychologieprofessorin an der Universität Erfurt, warnte vor "Pandemiemüdigkeit" und einem Vertrauensverlust der Bevölkerung. Die Kommunikationsstrategie der Politik müsse den Menschen ihr Eigeninteresse an einer gemeinschaftlichen, gesamtgesellschaftlichen Lösung verdeutlichen, sagte Betsch laut "Spiegel".

Nach Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland war eine der zentralen Empfehlungen der Expertenrunde eine Ausweitung des Homeoffice. Je mehr Menschen zuhause blieben, desto besser, sei der Konsens gewesen. Es habe aber keine konkreten Empfehlungen, sondern nur Darstellungen gegeben.

Die Wissenschaftler hätten zudem davor gewarnt, den derzeit leicht positiven Trend sinkender Neuinfektionszahlen zu überschätzen. Die einzige hilfreiche Maßnahme - besonders angesichts der Mutationen - sei die weitere Reduzierung der Kontakte und Einschränkung der Mobilität. Sehr kontrovers sei über nächtliche Ausgangssperren und Schulschließungen diskutiert worden, hieß es laut Redaktionsnetzwerk Deutschland aus Teilnehmerkreisen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 19. Januar 2021 um 07:39 Uhr.