"Zimmer frei"-Schild an einem Hotel (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Kritik an Beherbergungsverbot "Das ist fast schon grober Unfug"

Stand: 10.10.2020 10:58 Uhr

Eine "Pseudo-Gefahr" nennen Ärztevertreter innerdeutsche Reisen. Und auch die Wirtschaft kritisiert das Beherbergungsverbot für Reisende aus Corona-Hotspots. Besonders in der Kritik: Das Wirrwarr der Regelungen.

Mehrere der neuen Regelungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie stoßen bei Wirtschaft, aber auch bei Medizinern auf Kritik. Die "Regelungswut" der Bundesländer sei "oft eher kontraproduktiv" sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Durch den Wust an nicht nachvollziehbaren Regelungen verlieren wir aber eventuell die Akzeptanz für die Maßnahmen, die wirklich etwas bringen."

Problem "eher unkontrolliertes Feiern"

Gassen kritisierte vor allem das Beherbergungsverbot für Gäste aus innerdeutschen "Risikogebieten". Eine Mehrheit der Bundesländer hatte beschlossen, dass Reisende aus Orten mit sehr hohen Corona-Infektionszahlen in Hotels und Pensionen nicht mehr aufgenommen werden dürfen - außer wenn sie einen maximal 48 Stunden alten negativen Corona-Test vorlegen können.

"Die Reisebeschränkungen sind zur Pandemiebekämpfung überflüssig und auch nicht umzusetzen", sagte Gassen. Innerdeutsche Reisen seien lediglich eine "Pseudo-Gefahr". Das Problem liege vielmehr bei "traditionellen Großhochzeiten, in Fleisch verarbeitenden Betrieben, durch unkontrolliertes Feiern". Diese Dinge würden durch Quasi-Reiseverbote überhaupt nicht unterbunden. Stattdessen würden knappe Test-Kapazitäten verschwendet, kritisierte Gassen. "Das ist schon fast grober Unfug."

DIHK: Große Verunsicherung bei Unternehmen

Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) kritisiert die "unkoordinierten Regelungen". Dies sorge aktuell für große Verunsicherung bei den Unternehmen, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Schließlich hätten gerade die Betriebe in der Tourismuswirtschaft sichere Hygienekonzepte ausgearbeitet, digitale Lösungen entwickelt und sich unter erschwerten Bedingungen weiter engagiert.

Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga warnt vor den wirtschaftlichen Folgen für die Branche. Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges bezeichnete es als "völlig unbefriedigend, dass wir keine bundeseinheitlichen Regelwerke haben". Gäste wie Hoteliers hätten unzählige Fragen und wüssten nicht, was jetzt im Detail gelte. "Daher muss dringend mehr Einheitlichkeit her", forderte Hartges in der "Passauer Neuen Presse".

Ramelow: Regelung ist "Unsinn"

Tatsächlich ist nur schwer nachzuvollziehen, wie die Regelungen in den einzelnen Bundesländern sind und für wen genau sie gelten. Greifen sollen sie eigentlich für Reisende aus Gebieten mit mehr als 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohnern binnen sieben Tagen. Das betrifft aktuell etwa Berlin, Frankfurt am Main, Hamm oder Rosenheim.

Mehrere Bundesländer haben aber schon angekündigt, dass bei ihnen das Beherbergungsverbot nicht gelten soll - oder zumindest nicht automatisch. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow nannte die Regelung sogar "Unsinn". Und auch Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher wies darauf hin, dass es wenig nütze, wenn Menschen aus Hotspots nicht in Flächenländer reisen dürften, umgekehrt aber die Menschen aus den Randgebieten zum Arbeiten oder Ausgehen in die Großstädte fahren.

Kritik an verschärften Corona-Regelungen
tagesthemen 21:35 Uhr, 10.10.2020, Andre Kartschall, RBB

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In Bayern gilt das Verbot - aber nicht für Bayern

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder wiederum ist einer derjenigen, die sich für ein solches Beherbergungsverbot stark gemacht hatten. In seinem Bundesland soll es nun allerdings auch nur zum Teil umgesetzt werden - und zwar ausschließlich für Reisende, die aus einem anderen Bundesland kommen.

Reisende aus einem Corona-Hotspot innerhalb Bayerns sollen weiterhin überall im Freistaat in Hotels aufgenommen werden. Ein Sprecher des Landesgesundheitsministeriums begründete das damit, dass die Behörden bei Gebieten im Freistaat die Lage viel besser einschätzen und gegebenenfalls andere erforderliche Maßnahmen ergreifen könnten.

Verbot betrifft mehr als neun Millionen Menschen

Und Mecklenburg-Vorpommern, ein Bundesland, das wie kaum ein zweites wirtschaftlich vom Tourismus abhängig ist, fällt erneut durch besonders rigide Regelungen auf. Hier soll für Reisende aus Risikogebieten auch bei einem negativen Test eine Quarantänepflicht von mindestens fünf Tagen gelten - was eine Reise in dieses Bundesland für die Betroffenen äußerst unattraktiv machen dürfte.

Es zeichnet sich auch ab, dass gerade während der Herbstferien sehr viele Deutsche von dem Beherbergungsverbot betroffen sein werden. Mit Berlin, Köln und Frankfurt haben inzwischen schon drei der fünf größten Städte des Landes den entsprechenden Schwellenwert überschritten, München liegt nur äußerst knapp darunter.

Kretschmann: Besser gar nicht reisen

Nach aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) liegen derzeit insgesamt knapp 20 Kreise und Städte in Deutschland über dem Schwellenwert. Dort leben mehr als neun Millionen Menschen. Damit betrifft das Beherbergungsverbot schon jetzt mehr als jeden Zehnten in Deutschland.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann legte den Bürgern nahe, ganz auf den Urlaub im Herbst zu verzichten. "Vielleicht sollten die Bürger in den Herbstferien nicht groß in der Gegend herumreisen. Weder im Inland, noch im Ausland - und schon gar nicht in Risikogebiete", sagte der Grünen-Politiker im Interview mit der "Heilbronner Stimme", dem "Mannheimer Morgen" und dem "Südkurier".

Kritik an Corona-Maßnahmen
Martin Polansky, ARD Berlin
10.10.2020 16:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. Oktober 2020 um 09:00 Uhr.

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