Teilnehmer der Demonstration in Chemnitz sind umgeben von Polizisten, die mit ihren Fahrzeugen eine Sperre aufgestellt haben. | Bildquelle: dpa

Angriffe in Chemnitz "Noch nie so viel Hass auf Medien erlebt"

Stand: 02.09.2018 15:43 Uhr

Bei den Protesten in Chemnitz griffen Demonstranten immer wieder Journalisten an. Dabei wurden unter anderem Kameras zerstört. Einige Chefredakteure erhoben deshalb schwere Vorwürfe gegen die Polizei.

Von Dominik Lauck, tagesschau.de

Am Rande der rechtsgerichteten Kundgebungen am Samstag in Chemnitz haben Demonstranten in zahlreichen Fällen Journalisten angegriffen. Die Polizei bat Medienvertreter, die in ihrer Arbeit behindert wurden, sich zu melden. Der Landesverband der Journalistengewerkschaft DJV forderte seine betroffenen Mitglieder auf, Anzeige zu erstatten.

Georg Restle, Redaktionsleiter des ARD-Magazins Monitor, berichtete von Übergriffen Rechtsradikaler auf sein Kamerateam. Die Reporter hätten "sich gerade noch in Sicherheit bringen" können, twitterte Restle. "Noch nie habe ich so viel Hass auf Medien erlebt wie an diesem Wochenende in Chemnitz."

Angriffe auf MDR-Kamerateams

Reporter des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) dokumentierten die aufgebrachte Stimmung gegen Medienvertreter. AfD-Veranstaltungsteilnehmer hätten sie an der Berichterstattung behindern wollen. "Polizei musste eingreifen und die Reporter schützen", schrieben sie auf Twitter.

Ein weiteres MDR-Kamerateam wurde beim Filmen in einer Privatwohnung angegriffen und verletzt. In einem Video, das der MDR per Twitter teilte, erzählt einer der Journalisten, dass die Reporter bei Anwohnern geklingelt und gefragt hätten, ob sie vom Balkon aus filmen dürften. "Nein, kein Problem, kommt hoch", schildert André Berthold von MDR aktuell die Situation. Ein Jugendlicher habe die Tür geöffnet und den Weg zum Balkon gewiesen, sie hätten Aufnahmen gemacht. "Während der Dreharbeiten auf dem Balkon kam plötzlich ein Mann in die Wohnung und attackierte die beiden Reporter", teilte der MDR mit. Bei dem Angriff wurde ein Reporter die Treppe hinuntergestoßen, seine Kamera zerstört. Er wurde ärztlich versorgt.

Die Anzeige der Reporter wurde von der Polizei vor Ort aufgenommen. "Vorfall mit einem MDR-Team in einer Privatwohnung. Wir haben eine Anzeige aufgenommen und ermitteln", twitterte die Polizei. Zu Details konnte eine Sprecherin noch nichts sagen.

"Verpisst euch"

Nach Angaben des Online-Portals "BuzzFeed" wurde ihrer Reporterin Pascale Müller "von rechten Demonstranten die Kamera aus der Hand geschlagen". "Ich bin geschubst worden, ein anderer Reporter wurde getreten", erklärte Müller via Twitter. Die Demonstranten hätten "Verpisst euch! Verpisst euch!" gerufen. Die Lage sei "sehr angespannt" gewesen.

Der "Zeit Online"-Journalist Henrik Merker schilderte einen Angriff durch drei Rechtsextreme, bei dem keine Polizei anwesend gewesen sei. "Mehrere Schläge gegen Kameralinse, wollten Kollegen & mich in Seitengasse abdrängen", twitterte Merker.

Journalist sollte von Brüstung gestoßen werden

Das Dresdner Twitter-Projekt "Straßengezwitscher" berichtete von mehreren Angriffen auf ihre Reporter. Die Journalisten veröffentlichten ein Video, auf dem ein Demonstrant einen Kameramann mit einer Gehhilfe attackiert. Außerdem hätte ein Angreifer versucht, einen anderen Journalisten von einer fünf Meter hohen Brüstung zu stoßen.

Auch die Video-Reporterin Johanna Rüdiger von der Funke Mediengruppe dokumentierte eine Attacke. "AfD-Demonstrant greift mich an, weil ich filme", twitterte sie.

Ähnliche Übergriffe wurden auch von Reportern von Stern TV und "Russia Today" gemeldet.

Gewerkschaft ruft auf, Anzeigen zu erstatten

Der DJV Sachsen verurteilte die Attacken. "Für uns sind es Angriffe auf Menschen, die ihren Job machen, Angriffe auf Meinungs- und Pressefreiheit!", twitterte der Landesverband. Die Gewerkschaft forderte auf ihrer Webseite betroffene Medienvertreter auf, Anzeige zu erstatten.

Die Polizei erhielt vereinzelt Lob, aber auch Kritik. Die Beamten hätten die Angriffe nicht verhindern können, erklärte der DJV, betonte aber auch, dass sie meist eingegriffen hätten. Ein Reporter von "Straßengezwitscher" berichtete, Polizisten seien eingeschritten, als ein Kamerateam bedrängt wurde. Die Beamten hätten darum gebeten, "woanders zu filmen, um die Situation zu entzerren".

Kritik an der Polizei

Mehrere Chefredakteure kritisierten hingegen das Sicherheitskonzept. Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de, nannte die Vorgänge "unfassbar". An die Polizei gerichtet schrieb er auf Twitter: "Warum schaffen Sie es nicht, Journalisten wie unseren Reporter vor diesem Mob zu schützen? Was muss denn noch passieren, damit Ihr solche Lagen in den Griff bekommt?"

Dass gezielte Angriffe auf Journalisten von einer offenkundig überforderten Polizei nicht verhindert werden könnten, sei bittere Realität in Deutschland, schrieb Harms in einem Kommentar. "Das ist dramatisch. Es erschüttert das Vertrauen in unseren Rechtsstaat." Wenn die Polizei das Rechtsstaatsprinzip nicht sicherstellen könne, dann müsse "ihre Führung in Polizeipräsidien und Innenministerien schleunigst ausgetauscht werden."

"BuzzFeed"-Chefredakteur Daniel Drepper warf der Polizei Versagen vor: "Wenn Journalistinnen nicht von Demonstrationen berichten können, ohne dass sie Angst um ihre körperliche Unversehrtheit haben müssen, dann hat die Polizei hier - erneut - versagt." Drepper verurteilte die vermehrten Angriffe auf Journalisten: "Diese Eskalation ist verstörend."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. September 2018 um 15:00 Uhr.

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Dominik Lauck, NDR

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