Der Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch, Matthias Katsch, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, die Regisseurin Caroline Link und die Leiterin des Hilfetelefons Sexueller Missbrauch, Silke Noack, geben eine Pressekonferenz. | Bildquelle: dpa

Beauftragter der Bundesregierung Rörig fordert "Pakt" gegen Missbrauch

Stand: 28.01.2020 11:48 Uhr

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Rörig, hat deutlich mehr Engagement gegen Kindesmissbrauch gefordert. Er kritisierte das "ohrenbetäubende Schweigen" von großen Teilen der Gesellschaft.

Zehn Jahre nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in katholischen Einrichtungen hat der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, mehr Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft gefordert. "Ich fordere einen Pakt gegen sexuellen Missbrauch für ein ganz großes Ziel: die maximale Reduzierung der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche", sagte er bei einer Pressekonferenz in Berlin.

Beauftragter der Bundesregierung fordert "Pakt gegen Missbrauch" von Kindern
tagesschau 20:00 Uhr, 28.01.2020, Justus Kliss, ARD Berlin

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Appell an Steinmeier

Dieser "Pakt" brauche die Unterstützung aller Bürgerinnen und Bürger. "Sexuelle Gewalt kann nur dann wirkungsvoll bekämpft werden, wenn sich alle gesellschaftlichen Kräfte verbünden", erklärte Rörig. Nötig sei dafür außer klaren Zielen und verbindlichen Maßnahmen auch "ausreichend Geld". Er appellierte an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, "diesen Abgrund der Gesellschaft in seine Reden aufzunehmen", beispielsweise auch in die Weihnachtsansprache. Der Bundespräsident könne dem Thema damit eine höhere Priorität beimessen.

Rörig forderte auch von den politischen Parteien "eine viel stärkere Programmatik". Sie müssten ihre Haltung in Programmgrundsätze gießen, sagte er. Bislang werde die Bekämpfung allein dem Kinderschutz zugeordnet, ohne konkrete Vorhaben und ohne interdisziplinären Blick.

Jugendämter, Fachberatungsstellen und Ermittlungsbehörden sollten personell und finanziell enger zusammenarbeiten, so Rörig. Für Ermittler forderte er mehr Befugnisse, um Hersteller und Verbreiter von Missbrauchsdarstellungen und Kinderpornografie im Netz verfolgen zu können. "Datenschutz darf nicht über Kinderschutz stehen." Zudem sollten alle Einrichtungen, denen Kinder anvertraut sind, gesetzlich zur Entwicklung und Anwendung von Schutzkonzepten gegen sexuellen Missbrauch verpflichtet werden.

Enttäuschte Bilanz der vergangenen zehn Jahre

Ende Januar 2010 hatte der Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, Missbrauchsfälle an dem katholischen Internat aus den 1970er- und 1980er-Jahren öffentlich gemacht. Der Missbrauchsskandal löste deutschlandweit Erschütterung aus. Zahlreiche weitere Fälle in der katholischen und evangelischen Kirche, an der hessischen Odenwaldschule und anderen Internaten sowie in Sportvereinen und weiteren Einrichtungen wurden in der Folge bekannt.

Rörig kritisierte, dass die Gesellschaft bei dem Thema noch oft wegsehe. "Auch im Jahr 2020 wird zum Thema sexuelle Gewalt ohrenbetäubend geschwiegen, das Thema mit großer Gelassenheit zur Kenntnis genommen von weiten Teilen der Politik, weiten Teilen der Gesellschaft und auch der Bevölkerung", sagte er. Alles, was seit dem sogenannten Missbrauchsskandal getan worden sei, habe leider das unerträgliche Leid von Tausenden Kindern nicht verhindern können.

Auch Matthias Katsch, Sprecher der Opferinitiative "Eckiger Tisch", forderte verstärkte Anstrengungen aller Kräfte in Deutschland. Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche werde noch immer nicht "als zentrale gesellschaftliche Herausforderung für unser Land angenommen", erklärte der Betroffenenvertreter.

Sexueller Missbrauch in Deutschland

Jeder sexuelle Kontakt zwischen einem Erwachsenen und einem Kind ist sexueller Missbrauch. Anders als unter Erwachsenen gibt es nämlich keinerlei einvernehmlichen Sex mit Kindern, da diese in jeglicher Beziehung unterlegen sind und somit von einer freien Entscheidung keine Rede sein kann. Auch wenn in der öffentlichen Debatte sehr stark von sexuellem Missbrauch in Schule, Sportvereinen und Kirchen gesprochen wird: Drei Viertel aller Missbrauchsfälle finden innerhalb von Familie oder Verwandtschaft statt, also im engsten persönlichen Umfeld. Und dies bedeutet, dass die Täter dem Kind in der Regel seit Längerem bekannt sind.

Deshalb sagt Johannes Wilhelm Röhrig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung: "Es gibt immer noch wirklich Widerstände gegen den Kampf gegen sexuellen Missbrauch. Viele wollen es nicht wahrhaben, was bei uns passiert in Deutschland. Was in den Familien passiert, im sozialen Umfeld. Und da ist die Antwort der Verantwortlichen noch nicht stark genug."

Wie groß der sexuelle Missbrauch an Minderjährigen in Deutschland genau ist, darüber gibt es wenig gesicherte Informationen. Experten gehen davon aus, dass die Zahl der betroffenen Kinder zwischen 200.000 und einer Million liegt. Dies ist aber nur der offensichtliche und greifbare Umfang. Die Dunkelziffer - darüber ist man sich weitgehend einig - dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

"Täter müssen sich vor Entdeckung fürchten"

Zuvor hatte Rörig bereits in einem Zeitungsinterview zu besserem Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierten Gewalttaten aufgerufen. Mit der Digitalisierung des Alltagslebens erreiche die Gefährdung von Kindern und Jugendlichen neue Dimensionen. "Durch die digitalen Medien und das Darknet sind neue Abgründe dieser Sexualverbrechen hinzugekommen", beklagte er.

Rörig rief Politiker und Parteien zu einem härteren Vorgehen gegen Täter auf. "Täter müssen sich überall viel stärker vor Entdeckung fürchten, im Netz und in ihrem sozialen Umfeld", sagte er. Er forderte ein bundesweit konsequenteres Vorgehen und zusätzliche personelle und finanzielle Kraftanstrengungen staatlicher Stellen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. Januar 2020 um 11:45 Uhr.

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