Innenraum eines  Airbus A-310 mit mehreren Intensivbetten | Bildquelle: Luftwaffe/Kevin Schrief

Bundeswehr-Hilfe für EU-Staaten MedEvac - die fliegende Intensivstation

Stand: 30.03.2020 19:28 Uhr

Krankenhäuser in Bergamo und Straßburg sind völlig überlastet. Die Bundeswehr fliegt deshalb Corona-Patienten nach Deutschland aus - unter strengen Schutzvorkehrungen für Patienten und Crew.

Von Stephan Lenhardt, SWR

Grundsätzlich sei es erstmal ein Einsatz wie jeder andere, sagt der Pilot der Luftwaffe, Hauptmann Schmidt. "Es ist natürlich eine Herausforderung unter den Bedingungen." Die Bedingungen, damit meint er Schutzanzüge während des ganzen Flugs - für die Crew im Cockpit und das medizinische Personal weiter hinten. Mund- und Sichtschutzmasken und zwei paar Handschuhe gehörten dazu, erklärt eine begleitende Ärztin.

"Medical Evacuation - MedEvac" - so nennt die Bundeswehr die Ausstattung des Flugzeugs des Typen A310. Die Bundeswehr hatte damit am Samstag und Sonntag jeweils sechs Covid-19-Erkrankte aus Bergamo nach Deutschland geflogen.

"Starker Aufwand an Abschirmung"

"Corona-Patienten erfordern sehr starken Aufwand an Abschirmung und Schutz für das Personal", erklärt der Kommandeur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Generaloberstabsarzt Ulrich Baumgärtner. "Das Flugzeug muss nach dem Einsatz desinfiziert werden." Bis zu 44 Patienten kann die Maschine liegend transportieren.

Sechs Plätze sind dabei für Intensivpatienten vorgesehen. "Bei einem solchen Transport ist alles an Geräten an Bord, was es in einer normalen deutschen Intensivstation auch gibt. Es ist praktisch eine fliegende Intensivstation", sagt Baumgärtner.

Ein Crewmitglied betritt das Flugzeug der Luftwaffe | Bildquelle: Luftwaffe/Kevin Schrief
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Ein Crewmitglied betritt das Flugzeug der Luftwaffe.

Hilferufe aus Italien und Frankreich

Die italienische Regierung hatte die Hilfe bei der deutschen Regierung angefordert, weil die eigenen Kapazitäten in den Intensivstationen schlicht ausgeschöpft sind. "Man hat vor allem am Aussehen gemerkt, dass sie am Limit sind. An den behelfsmäßigen Schutzkleidungen, die selbst gebastelt waren, weil der Nachschub nicht mehr gewährleistet ist. Aber auch am Ausdruck in ihren Augen", schildert der begleitende Anästhesist Stephan Heidenreich das italienische Klinikpersonal bei der Ankunft in Bergamo.

"Derzeit sind wir in Deutschland zum Glück weit davon entfernt, flächendeckend die Intensivstationen ausgefüllt zu haben", erklärt Generalarzt Baumgärtner. Auch Frankreich hatte um Hilfe gebeten. Deswegen flogen deutsche Soldaten am Sonntag mit einem zweiten Flugzeug vom Typ A400M auch nach Straßburg.

Dort warteten - genau wie in Bergamo - bereits die Patienten in bereitgestellten Krankenwagen. Zwei Männer, beide Anfang 50, nahmen die Soldaten in Frankreich in Empfang. Am Zielflughafen in Stuttgart ging es wieder per Krankenwagen ins Bundeswehrkrankenhaus nach Ulm - auf die Intensivstation. "Im Flug muss darauf geachtet werden, dass die Patienten weiterhin stabil bleiben", so eine begleitende Ärztin des A310.  "Das ist für die Patienten weiterer Stress. Man muss während des Flugs alles dafür tun, dass es keine zusätzliche gesundheitlichen Einschränkungen gibt."

Ärzte und Sanitäter bei der Rückkehr des A-310 | Bildquelle: Luftwaffe/Kevin Schrief
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Rückkehr des A-310 MedEvac aus Bergamo

Deutsche Intensivstationen haben noch Kapazitäten

Die Frage, ob die ausländischen Patienten nicht Intensiv-Kapazitäten blockieren, stelle sich nicht: "Wir haben noch freie Kapazitäten, das kann sich im Laufe der nächsten Wochen ändern, aber derzeit ist es noch so. Deswegen ist es eine Frage der Menschlichkeit und Humanität und auch der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit, eine solche Geste zu tun", findet General Baumgärtner. Die italienischen Intensivpatienten kamen in zivile Kliniken nach Nordrhein-Westfalen, aber auch in Bundeswehrkrankenhäuser nach Hamburg, Westerstede und ins Bundeswehrzentralkrankenhaus nach Koblenz.

In Koblenz ist auch die Einsatzzentrale des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Dort steuern Soldaten nicht nur das Sanitätspersonal der MedEvac-Flüge, sondern auch die Unterstützung für zivile Einrichtungen: Beispielsweise, wenn Soldaten bei der Einrichtung einer Fieberstation helfen oder wenn Material für den Aufbau einer zusätzlichen Intensivstation wie in Bad Bergzabern benötigt wird.

Im Zentralkrankenhaus gibt es auch ein Ethikkomitee, das einspringt, wenn schwierige medizinische Entscheidungen zu treffen sind - zum Beispiel die, ob aufgrund der aktuellen Krise andere geplante Operationen verschoben werden können und dürfen.

Bereitschaft der Bundeswehr wird ausgebaut

Die Luftwaffe hält auf dem Flughafen Köln-Wahn immer einen MedEvac-Airbus in 24-Stunden-Bereitschaft. Inzwischen bereitet sich die Bundeswehr auf weitere Transporte von Covid-Patienten vor und rüstet ihre Flotte dafür auf. Ein weiterer A400M und eine C-160 Transall sollen zu fliegenden Intensivstationen aufgerüstet werden. Der Einbau der MedEvac-Ausstattung sei eine Sache von Stunden. Darüber hinaus könne auch ein speziell ausgestatteter Hubschrauber des Typs CH-53 zum Einsatz kommen.

Die Luftwaffe stehe weiterhin bereit zu helfen, betonte ein Sprecher der Streitkräfte. Die französische Verteidigungsministerin Florence Parly twitterte kurz nach dem Einsatz: "Ein einziges Wort: Danke!"

Korrespondent

Stephan Lenhardt | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge Logo SWR

Stephan Lenhardt, SWR

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