Soldaten in der Grundausbildung in Parow (Mecklenburg-Vorpommern) bei Stralsund. (Archivbild November 2016) | Bildquelle: picture alliance / Stefan Sauer/

Bundeswehr sucht Reservisten Wochenendkrieger im Schnellkurs

Stand: 12.04.2018 05:30 Uhr

Die Bundeswehr sucht händeringend Reservisten. Nun sollen auch Menschen ohne militärische Vorerfahrung in Wochenendkursen zu Soldaten ausgebildet werden.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Natalie Schneider sieht nicht nach Militär aus. Die junge Frau hat lange Haare, trägt eine modische Brille, sie spricht leise, wirkt etwas schüchtern. Doch die 33-Jährige hat sich entschlossen, Reservistin der Bundeswehr zu werden. Eigene militärische Erfahrungen hat sie keine - wenn man mal davon absieht, dass ihr Verlobter lange als Ausbilder bei der Truppe war.

Schneider erhofft sich neue Herausforderungen. Gemeinsam mit 18 anderen Männern und Frauen im Alter von 25 bis 55 Jahren wird sie von heute an in einem Pilotprojekt von Reservistenverband und Bundeswehr an 13 Wochenenden zu einer Art "Soldatin light" ausgebildet. "Wir wollen ein lebenslagengerechtes Angebot machen", sagt Oswin Veith, CDU-Bundestagsabgeordneter und Bundesvorsitzender des Reservistenverbandes. Daher die Ausbildung am Wochenende. Das vermeide Konflikte mit den Arbeitgebern. Die klagen immer wieder darüber, dass Mitarbeiter, die sich ehrenamtlich etwa bei der Feuerwehr oder dem Technischen Hilfswerk engagieren, für diese Aufgaben freigestellt werden müssen.

"Ungediente" sollen angesprochen werden

Die Wochendkurse richten sich bewusst an "Ungediente", also Menschen, die nie in der Bundeswehr waren. Man wolle neue Wege gehen, sagt Veith. Denn die Streitkräfte haben ein Personalproblem - auch bei den Reservisten. Nach dem Wegfall der Wehrpflicht ist auch die Zahl potenzieller Kandidaten für Wehrübungen gesunken. Die neu aufgestellten Regionalen Sicherungs- und Unterstützungskompanien etwa, in denen Reservisten Dienst leisten, seien nur zu rund 60 Prozent mit Personal befüllt, räumt auch Generalleutnant Peter Bohrer, stellvertretender Inspekteur der Streitkräftebasis ein. Für ihn sind die Schnellkurse eine weitere Möglichkeit, an mehr Reservisten zu kommen.

"Wir wollen Menschen etwas anbieten, die sich engagieren wollen", sagt Bohrer. Der Lehrplan im Pilotprojekt ist gegenüber dem Training von Vollzeit-Soldaten allerdings deutlich abgespeckt, die Ausbilder kommen mit Mehrheit aus dem Reservistenverband. Wie Karsten Ahrens. In seinen Händen liegt das Training der 19 Wochenend-Soldaten in den kommenden zwölf Monaten, denn auf diesen Zeitraum ist das Projekt angelegt.

Zur Ausbildung gehören Erste Hilfe, Innere Führung, Formaldienst mit Marschieren und militärisch korrektem Grüßen, aber auch das Training an der Waffe. Das allerdings wird durch Ausbilder der Bundeswehr übernommen und keine Einweisung an Maschinengewehr, Pistole oder Panzerfaust beinhalten, sondern lediglich am Sturmgewehr.

Vom MAD durchleuchtet

Sorgen, dass sich unter die Kandidaten in Zukunft auch charakterlich fragwürdige Personen mit extremen politischen Ansicht mischen könnten, die sich auf diese Weise eine militärische Ausbildung erschleichen wollen, haben die Organisatoren nicht. Alle Reservisten, die im Rahmen des Wochenend-Trainings ein Gewehr in die Hand gedrückt bekommen, werden vorher vom Militärischen Abschirmdienst unter die Lupe genommen.

Am Ende der insgesamt 178 Stunden Ausbildung sollen Soldatinnen und Soldaten stehen, die militärische Grundkenntnisse haben und sich dann - so die Hoffnung von Bundeswehr und Verband - weiter als Reservisten engagieren und womöglich auch zusätzliche Lehrgänge besuchen, um irgendwann etwa Feldwebel der Reserve oder Reserve-Offizier zu werden. Bislang werden die Wochenendkrieger im Schnellkurs, mit denen auch in Bayern und Baden-Württemberg schon Test gemacht werden, in der regulären Truppe eher skeptisch betrachtet.

"Wir müssen erklären, was wir da machen und warum", sagt General Bohrer. Dann könne man auch die Vorbehalte überwinden. Für Natalie Schneider ist das derzeit nicht so wichtig. Sie wird sich erst einmal auf die neuen Eindrücke in der Bundeswehr konzentrieren. Ob sie dann weiter macht, weiß sie noch nicht. Nur auf eins ist sie schon jetzt besonders gespannt, sagt sie, auf "die Kameradschaft".

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 07. April 2018 um 19:20 Uhr.

Darstellung: