Eine Panzerhaubitze 2000 (kurz PzH 2000) der Bundeswehr | dpa

Leitung der Eingreiftruppe Wie die Bundeswehr die NATO-Verteidigung übt

Stand: 17.05.2022 10:11 Uhr

Eine Bundeswehr-Brigade leitet ab 2023 die Landtruppen der sogenannten NATO-Speerspitze. Die Vorbereitungen dafür laufen schon lange. Der Angriffskrieg in der Ukraine lässt das Manöver plötzlich real erscheinen.

 Von Stephan Lenhardt, SWR

Der Befehl lautet "Feuerzusammenfassung". Einige Kilometer entfernt reißt mit gewaltigen Explosionen der Boden der Lüneburger Heide auf. Die Panzerhaubitzen 2000 haben das Feuer auf ein Ziel konzentriert. Das Artillerielehrbataillon 345 aus Idar-Oberstein übt auf dem Truppenübungsplatz in Munster mit scharfer Munition für die Speerspitze der schnellen Eingreiftruppe der NATO. Der Angriffskrieg in der Ukraine lässt diese Übung plötzlich real erscheinen.  

Stephan Lenhardt

"Eigentlich braucht es immer so ein bisschen Zeit, bis alle vom Mindset her da drin sind", sagt der Kommandeur der Panzerbrigade 37, Brigadegeneral Alexander Krone, über das Manöver. "Das ist jetzt überhaupt nicht der Fall: Ernsthaftigkeit, Professionalität, das Kribbeln - das ist jetzt natürlich sofort da." Seine Einheit stellt den Leitverband der Landkräfte der NATO-Eingreiftruppe.  

"Das Ganze ist greifbarer geworden"

Im Rückraum hinter der Artillerie läuft eine Gruppe Soldatinnen und Soldaten Streife. Plötzlich fallen Schüsse. "Meine Hand, meine Hand", schreit eine Soldatin unentwegt. Ein offener, blutiger Bruch. Ein brüllender Kamerad im Wald hält sich den zerfetzten Arm. Nur eine Übung und trotzdem höchster Stress bei der Sanitätsstaffel Einsatz - ebenfalls aus Idar-Oberstein. "Ich sehe da keine Angst oder mehr Sorge als sonst. Das ist mein Job. Dafür bin ich Soldat geworden", sagt Sanitäterin Franziska Scholz trocken. Doch für Kamerad Mike Reedy ist nicht alles wie immer: "Ich denke doch, dass man in so eine Übung anders ran geht - weil das Ganze greifbarer geworden ist, medial." 

Die Einheiten der Speerspitze der NATO-Eingreiftruppe müssen ab 2023 innerhalb von maximal drei Tagen einsatzbereit sein, um jeden Einsatzort zu erreichen. "VJTF" heißt sie offiziell: die Very High Readiness Joint Task Force. Die NATO hat sie 2014 nach der rechtswidrigen Annexion der Krim geschaffen - als Abschreckung. 7500 Soldaten aus insgesamt neun Nationen üben in Munster dafür noch bis zum 20. Mai. Für die schnelle Eingreiftruppe der NATO stellt die Bundeswehr von 2022 bis 2024 insgesamt sogar mehr als 16.000 Soldatinnen und Soldaten bereit. 

Materielle und logistische Grenzerfahrung 

Eigentlich sollte das Material der deutschen VJTF-Brigade aus den eigenen Reihen kommen. Doch tatsächlich muss die NATO-Einheit mit Ausrüstung aus der gesamten Bundeswehr versorgt werden. Der Krieg in der Ukraine scheint da für Tempo zu sorgen: "Es gibt mehr Unterstützung, das ist klar", sagt Kommandeur Stern in Munster. "Wenn man hier und da was für die Übung gebraucht hat oder einen Antrag hatte, gibt es jetzt Rückenwind für Alles."  

Die Panzerhaubitzen 2000 aus Idar-Oberstein haben nach ihrem ersten Feuer die Stellung gewechselt, um nicht selbst zum Ziel zu werden. Das Waffensystem und der Standort stehen derzeit im Fokus der Debatten: Sieben dieser Haubitzen will Deutschland an die Ukraine liefern. Und in Idar-Oberstein werden nun ukrainische Soldaten daran ausgebildet. "In den ersten Tagen nach Kriegsbeginn war ja relativ viel unklar", sagt der Kommandeur des Artillerielehrbataillon 345, Oberstleutnant Timo Kaufmann. "Viele Soldatinnen und Soldaten haben mich schon gefragt: Gehen wir denn jetzt an die NATO-Ostflanke oder bleibt alles beim Alten?" Noch bleibt alles beim Alten. Die Ostflanke sichern derzeit auch schon andere Bundeswehrsoldaten bei ihrem Einsatz in Litauen.    

Über dieses Thema berichtete die ARD-Sendung Live nach Neun am 17. Mai 2022 um 08:59 Uhr.