Bundeswehrsoldaten

Bundeswehr in der Krise Wie ist das mit der Inneren Führung?

Stand: 03.05.2017 18:25 Uhr

Das Prinzip der Inneren Führung unterscheidet die Bundeswehr von allen anderen Armeen auf der Welt. Sie soll die deutschen Soldaten zu "Staatsbürgern in Uniform" machen und damit Verfehlungen vorbeugen. Doch das funktioniert nicht immer.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Pfullendorf, Bad Reichenhall, Illkirch: Die Bundeswehr kommt nicht aus den Negativschlagzeilen. Die einzelnen Fälle unterscheiden sich zwar - mal ging es um sexuelle Belästigung, mal um demütigende Ausbildungspraktiken, mal um Rechtsextremismus - doch alle Fälle haben gemeinsam, dass sie eigentlich nicht hätten passieren dürfen.

Schließlich soll die Bundeswehr bereits seit ihrer Gründung mehr sein, als eine Armee, bei der Stur Befehl und Gehorsam regieren - ganz egal was die oberen Dienstränge auch anordnen. Der deutsche Soldat soll vielmehr ein "Staatsbürger in Uniform" sein, "gemeinsame Grundauffassungen" sollen die Streitkräfte prägen, so dass sich "ein Geist in der Truppe entwickelt, der in vollem Einklag mit den sittlichen Grundlagen und Wesensformen der freiheitlichen Lebensordnung steht." So formulierte es Anfang der 1950er-Jahre Wolf Graf von Baudussin, einer der Vordenker der sogenannten Inneren Führung.

Umstrittener Begriff

Der Bundeswehrsoldat sollte anders sein als seine Vorgänger aus Wehrmacht und Reichswehr, so die Vorstellung. Gewaltexzesse, verbrecherische Befehle, die Bildung eines Staats im Staat - all das sollte bei der neuen deutschen Armee der Vergangenheit angehören. Der Soldat solle selbst überprüfen können, ob Befehle und Vorschriften mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und der Menschenwürde zu vereinbaren sind. Ist dies nicht der Fall, muss er sich widersetzen. "Die Innere Führung balanciert das Prinzip von Befehl und Gehorsam aus", erklärt Hans-Peter Bartels, Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestags, im Gespräch mit tagesschau.de.

Das klingt zunächst eindeutig, doch der Bundeswehr fällt es nicht immer leicht, den Begriff Innere Führung mit Leben zu füllen. "Ihre Ziele bestehen in der Legitimation des soldatischen Dienstes, der Integration unserer Streitkräfte in Staat und Gesellschaft und der Motivation jedes Einzelnen bei gleichzeitiger Gestaltung der Inneren Ordnung", definiert das Zentrum Innere Führung das Prinzip. Kein Wunder, dass der Begriff seit seiner Einführung umstritten ist.

Keine abschließende Antwort

Kritik gab es bereits in den 1960er-Jahren. Zu theoretisch und daher nicht anwendbar sei das Prinzip, hieß es damals. Eine Kritik, die auch heute noch angebracht wird. Jüngst wurde etwa diskutiert, wie die Anforderungen der Inneren Führung mit den Aufgaben einer Einsatzarmee zu vereinbaren sind, zu der sich die Bundeswehr ja mittlerweile entwickelt hat. Das schreibt das Zentrum Innere Führung in einem Beitrag für die Zeitschrift "Ethik und Militär".

Auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen scheint bisher noch keine abschließende Antwort gefunden zu haben. Angesichts der jüngsten Probleme bei der Bundeswehr sagte sie im Interview mit den tagesthemen, es sei gerade zum Schutz der Soldaten wichtig, die sich korrekt verhalten, "dass wir die Frage stellen: Was bedeutet Innere Führung?"

Ursula von der Leyen im Gespräch mit Caren Miosga
tagesthemen 22:15, 02.05.2017

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46 Seiten Dienstvorschrift

Dabei gibt sich die Bundeswehr eigentlich alle Mühe, Innere Führung genau festzulegen. Die Zentrale Dienstvorschrift A-2600/1 "Innere Führung - Selbstverständnis und Führungskultur" umfasst immerhin 46 Seiten. In dem Dokument wird so ziemlich alles zum Thema abgehandelt - von der historischen Herleitung (Kapitel 2) bis zum Gestaltungsfeld der Inneren Führung im Bereich Vereinbarkeit von Familie und Dienst (Kapitel 6.3.5).

Für viele Soldaten bleibt der Begriff trotzdem schwer zu fassen. So veröffentlichten etwa im Jahr 2014 einige Offiziere den Buchband "Armee im Aufbruch", in dem sich auch kritisch mit dem Prinzip der Inneren Führung auseinandergesetzt wurde. "Ich habe gerade in Afghanistan viele Soldaten erlebt, die mit der Inneren Führung wirklich nicht mehr besonders viel anfangen können. Und fordere deshalb, dass die Innere Führung aus ihrer Beliebigkeit herauskommt und es schafft, dem Soldaten ein wirklich konkretes Leitbild zu entwickeln, das auch in Extremsituationen gilt!", schrieb etwa Major Marcel Bohnert.

Der Fall Franco A.: Warnzeichen wurden ignoriert | Bildquelle: dpa
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Im Fall Franco A. wurden Warnsignale ignoriert.

"Weniger kritisch"

Florian Kling wundert das nicht. Der Hauptmann ist Sprecher des Arbeitskreises Darmstädter Signal, eines Forums kritischer Soldaten. "Vorgelebt wird die Innere Führung heute nicht mehr", sagt er im Gespräch mit tagesschau.de.

Kling glaubt, dass sich in den vergangenen Jahren die Schwerpunkte der Bundeswehr verschoben haben. Zu Zeiten der Wehrpflicht war die Truppe noch ein Ort, an dem junge Männer aus allen gesellschaftlichen Schichten und mit den unterschiedlichsten politischen Ansichten zusammen kamen, erklärt er. Damals habe man noch verstärkt Wert darauf gelegt, die Soldaten zu echten Staatsbürgern zu erziehen.

Durch das Aussetzen der Wehrpflicht habe sich der Charakter des Soldaten verändert. "Die heutigen Soldaten sind in der Regel weniger kritisch, dafür stromlinienförmiger", so Kling. Auch stünde heute die politische Bildung Streitkräfte nicht mehr im Mittelpunkt. "Sie wird öffentlich immer noch eingefordert, doch ihr tatsächlicher Stellenwert ist sehr klein", sagt er. Schließlich habe die Bundeswehr durch ihre zahlreichen Auslandseinsätze kaum mehr Kapazitäten, um ihre Rekruten in diese Richtung zu schulen. "Dabei wäre dies angesichts der großen Verantwortung, die diese jungen Männer und Frauen tragen, bitter nötig", so Kling.

Richtig und falsch

Auch der Wehrbeauftragte kann sich vorstellen, dass die politische Bildung angesichts der Überlastung der Truppe zunehmend zu kurz kommt. Demnächst will er einen Kongress abhalten, um diesem Thema auf den Grund zu gehen. Bartels beobachtet, dass die Maximen der Inneren Führung den jungen Soldaten "manchmal etwas lieblos" vermittelt werden.

Er selbst hat keine Probleme, das Führungsprinzip zu definieren: "Jeder Mensch hat einen Maßstab dafür in sich, was richtig und was falsch ist, jeder hat ein Gewissen, ein Wertegerüst. Wer sich nicht an freiheitlichen, demokratischen Werten orientiert, ist falsch bei der Bundeswehr", sagt er.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 03. Mai 2017 um 15:00 Uhr.

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Julian Heißler, tagesschau.de

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