Die Mönchengladbacher und die Kölner Spieler kämpfen um den Ball. | Bildquelle: dpa

Fußball-Bundesliga Neustart unter scharfer Beobachtung

Stand: 15.05.2020 09:02 Uhr

Begleitet von Skepsis und heftiger Kritik setzt die Fußball-Bundesliga im Notfall-Modus ihre Saison fort. Zwar wird das strenge Hygienekonzept der DFL gelobt - Zweifel gibt es aber vor allem an dessen Durchführung.

Mit gemischten Gefühlen blicken Fußball-Fans auf den Bundesliga-Neustart am Wochenende. Geisterspiele ohne Atmosphäre und die Frage nach der Sicherheit für die Akteure bestimmen die Debatte. Auch die Politik ist skeptisch, ob die Entscheidung für eine Fortsetzung des Spielbetriebs die richtige war.

So äußerte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier bereits Zweifel an den Corona-Auflagen der Deutschen Fußball Liga (DFL). Er hoffe, dass die Bundesliga die Saison abschließen könne, es könne aber passieren, "dass bei positiven Tests halbe Mannschaften in Quarantäne müssen und das ganze ausgefeilte Konzept für die Corona-Krise nicht funktioniert", sagte der CDU-Politiker der "Rheinischen Post".

Dass die zahlreichen Tests für Fußballspieler von vielen Menschen als ungerecht empfunden würden, könne er sehr gut nachvollziehen. Gleichzeitig verwies Bouffier aber darauf, dass es sich dabei nur um 3000 von 400.000 abgerufenen und einer Million zur Verfügung stehenden Tests pro Woche handele.

Laut dem DeutschlandTrend im ARD-Morgenmagazin ist eine Mehrheit der Deutschen zum jetzigen Zeitpunkt gegen die Fortsetzung der Bundesliga. Demnach kritisieren 56 Prozent der Befragten den Saison-Neustart, knapp ein Drittel (31 Prozent) ist dagegen für die Fortführung.

"Dafür muss halt gespielt werden"

Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag, kann den Neustart nach eigenen Worten ebenfalls nicht recht genießen. "Ich habe da sehr gemischte Gefühle, also mit Vorfreude auf echte Bundesligaspiele hat das bei mir gar nichts zu tun", sagte sie im BR. "Nach allem was wir mittlerweile ausgiebig auch vernommen haben, geht es ausschließlich darum, die letzte Rate der TV-Gelder zu bekommen und dafür muss halt gespielt werden."

Die DFL habe ein Konzept ausgearbeitet, nach dem das offensichtlich möglich sei, sagte Freitag. "Aber jedes Konzept ist unterm Strich auch nur so gut, wie die praktische Umsetzung vor Ort." Besorgt äußerte sich Freitag auch zur Finanzlage der Vereine. "Wenn die Etats der Clubs so auf Kante genäht sind, dass eine einzige ausbleibende Rate der Fernsehgelder letztlich in die Insolvenz führen würde, dann frage ich mich eigentlich: Wer trägt Verantwortung für die Aufstellung der Haushaltspläne? Was machen die Aufsichtsräte in diesen Vereinen?"

Spieler wurden nicht gefragt

Kritik kommt auch aus den Reihen der Fußballprofis: "Meines Wissens nach wurden wir gar nicht einbezogen. Womöglich hätte es sonst viele Fragen gegeben. Das Hygiene-Konzept an sich versprüht einen Hauch von Sicherheit. Und trotzdem sind wir Spieler mit unseren Ängsten und Fragen allein gelassen worden", sagte Marco Hartmann von Dynamo Dresden dem "Spiegel". "Man hätte eine Möglichkeit finden müssen für die Spieler, die sagen: Ich habe Angst. Das hätten nicht die Vereine allein machen sollen, es hätte von der DFL kommen müssen."

Die Spielergewerkschaft VDV bemängelte, die Ängste der Hauptpersonen um ihre Gesundheit und die Infektionsgefahr für Familie und Freunde seien zu wenig gehört worden. Der Zweitliga-Letzte Dynamo Dresden befindet sich nach zwei positiven Corona-Fällen derzeit für zwei Wochen in häuslicher Quarantäne.

Lauterbach wünscht Glück

Der SPD-Gesundheitspolitiker und Epidemiologe Karl Lauterbach forderte von den Fußball-Vereinen, dass alle Spieler systematisch vor Spielen und Trainingseinheiten auf Corona getestet werden. Im SWR sagte Lauterbach, jetzt sei man auf die Ehrlichkeit der Vereine angewiesen. Auch für junge Spieler bestehe eine erhebliche Gefahr, schwere Schäden durch eine Corona-Infektion zu erleiden. Möglich seien Lungen- oder Nierenerkrankungen.

Lauterbach betonte, er sei zwar gegen den Liga-Start gewesen, jetzt aber wünsche er Spielern und der DFL Glück.

Söder will "Vorsprung nicht verstolpern"

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sprach zwar davon, dass jeder "ein bisschen Bauchgrummeln" habe, zeigte sich nun aber zumindest "verhalten optimistisch", dass das DFL-Konzept funktioniert. Im TV-Sender Sky sagte er allerdings auch: "Wir müssen, wenn es nicht anders geht, auch die Notbremse ziehen." Es gehe um den Schutz der Bevölkerung ebenso wie um den Schutz der Spieler und Journalisten im Stadion. Deutschland habe die Corona-Krise bisher besser überstanden als andere, "und ich möchte nicht, dass wir den Vorsprung verstolpern".

Das Hygiene-Konzept der DFL soll sicherstellen, dass die Spielzeiten in der Bundesliga und 2. Bundesliga zu Ende gebracht werden können. Die Fußballer müssen abseits des Platzes strenge Hygiene-Auflagen befolgen. Nur während der Spiele und auf dem Trainingsplatz gelten die Abstandsregeln nicht. Vor den ersten Partien ohne Zuschauer befinden sich die Profis abgeschottet in Hotels in Quarantäne-Trainingslagern. Regelmäßig stehen Tests für Profis, Trainer und Betreuer an.

Söder, der sich für eine Fortsetzung der Saison eingesetzt hatte, lobte das Konzept erneut. Es gehe nun darum, dass die Regeln eingehalten würden. "Es gab da ja einige Querschläger von einigen Spielern, die sich nicht dran gehalten haben", sagte er. "Ich fand es sehr gut, dass die Vereine sehr scharf und konsequent reagieren, trotzdem steht jeder Spieltag sozusagen unter Bewährungsprobe."

Heiko Herrlich, Trainer des FC Augsburg | Bildquelle: dpa
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Augsburgs Trainer Heiko Herrlich muss weiterhin auf sein Debüt an der Seitenlinie warten.

Bereits mehrere Verstöße gegen Hygieneregeln

Vergangene Woche hatte der Fall Salomon Kalou für großes Aufsehen und Entsetzen weit über den Profifußball hinaus gesorgt. Der Spieler von Hertha BSC hatte Szenen aus der Umkleidekabine des Berliner Bundesligisten gefilmt und live verbreitet. Auf den Aufnahmen war unter anderem zu sehen, wie er Teamkollegen die Hand gab. Kalou entschuldigte sich für sein Verhalten, nachdem der Verein den Stürmer suspendiert hatte.

Für neuen Zündstoff sorgte am Donnerstag Augsburgs neuer Trainer Heiko Herrlich, der das Hotel während der Quarantäne verlassen hatte und in einem Supermarkt einkaufen war. Später entschuldigte sich der 48-Jährige dafür. Er werde zu seinem Fehler stehen und "aufgrund dieses Fehlverhaltens das Training morgen nicht leiten und die Mannschaft auch nicht am Samstag im Spiel gegen Wolfsburg betreuen".

Christian Streich, Trainer des SC Freiburg, verteidigte den Neustart gegen die Kritiker. Bei den Diskussionen in Politik und Gesellschaft habe es "teilweise nicht nachvollziehbare Widerstände" gegeben, sagte Streich. Er habe manchmal gedacht, "da schwingt auch ein bisschen Neid mit. Ich freue mich total auf Samstag und ich bin gottfroh, dass wir spielen dürfen".

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. Mai 2020 um 11:00 Uhr.

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