Ein Arbeitsplatz mit Computer. | Bildquelle: dpa

Bilanz nach einem Jahr Brückenteilzeit - Anspruch und Wirklichkeit

Stand: 30.12.2019 13:47 Uhr

Schutz vor der Teilzeitfalle - den sollte die vor einem Jahr eingeführte Brückenteilzeit bieten. Sie garantiert ein Rückkehrrecht in die Vollzeit für fünf Jahre. Eine erste Bilanz nach einem Jahr.

Von Axel John, SWR

Jahrelang hatte die SPD für die Brückenteilzeit gekämpft. Jahrelang hatte die Union das Vorhaben des Koalitionspartners bekämpft. Im Sommer 2018 rauften sich beide Seiten dann doch zusammen und vereinbarten ein entsprechendes Gesetz. Danach dürfen Arbeitnehmer bis zu fünf Jahren befristet ihre Arbeitszeit reduzieren und danach in Vollzeit zurückkehren. Vor allem Frauen sollten so der Teilzeitfalle entkommen. Kleinere Betriebe sind von dem Gesetz ausgenommen.

Die Regelung trat Anfang 2019 in Kraft. Zeit für eine erste Bilanz.

Der Anspruch

Verena Meininghaus aus Mainz steht unter Zeitdruck. Gerade erst hat sie ihre Söhne in der Grundschule und in der Betriebskita abgesetzt. Die 37-jährige muss sich beeilen. Für 9:00 Uhr ist der erste Termin im Büro angesetzt. Es sind nur noch wenige Minuten bis dahin.

Meininghaus arbeitet beim Kreditversicherer Coface in der Personalabteilung. Sie ist seit drei Monaten in Brückenteilzeit. Für ihre Kinder will sie in den nächsten fünf Jahren beruflich kürzer treten. "Die Brückenteilzeit ist wirklich eine Brücke für mich. Aktuell möchte ich verstärkt für die Familie da sein. Aber im Beruf soll es weitergehen. Später möchte ich dann in Vollzeit zurückkehren", begründet sie ihre Entscheidung.

Das dürfte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil gerne hören. Der Sozialdemokrat hatte sich vehement für die Brückenteilzeit eingesetzt. Auch nach einem Jahr ist Heil von dem Gesetz überzeugt: "Rund eine Million Menschen wollen ihre Arbeitszeit reduzieren. Die Brückenteilzeit ist ein Baustein, damit Arbeit besser zum Leben passt. Mit der Brückenteilzeit stärken wir denjenigen den Rücken, die wieder in Vollzeit zurückkehren wollen. Sie sollen nicht in der Teilzeitfalle stecken bleiben müssen. Andere erhalten die Möglichkeit, befristet in Teilzeit zu wechseln, um später wieder Vollzeit arbeiten zu können."

Verena Meininghaus an ihrem Arbeitsplatz bei Coface 
galerie

Meininghaus arbeitet seit drei Monaten in Teilzeit - sie blickt auch mit Sorge in die Zukunft.

Die Wirklichkeit

Über offizielle Zahlen verfügt das Bundesarbeitsministerium nach eigenen Angaben noch nicht. Allerdings hat das Wirtschaftsforschungsinstitut ifo für das erste Halbjahr 2019 eine repräsentative Erhebung durchgeführt. Das Ergebnis fällt eher mau aus. In zwei Drittel der Unternehmen nutzen die Mitarbeiter die Brückenteilzeit gar nicht. Nur drei Prozent der Firmen gaben an, von der Regelung häufig Gebrauch zu machen.

Julia Schricker vom ifo Institut fasst die Ergebnisse folgendermaßen zusammen: "Vor allem Frauen sind in die Brückenteilzeit gegangen - meist aus familiären Gründen. Der Anspruch ist nicht so häufig angemeldet worden, wie zunächst angenommen. Viele Unternehmen hatten von sich aus schon freiwillig ein Rückkehrrecht eingeräumt. Aber es ist gut, jetzt eine Rechtsgrundlage dafür zu haben."

Das sieht Holger Beckmann, Personalchef von Meininghaus, ähnlich. Er betreut ungefähr 500 Mitarbeiter am Standort Mainz. Bislang sind nur drei Mitarbeiter in Brückenteilzeit gegangen. "Wir haben schon vorher immer wieder befristete Teilzeitmodelle individuell vereinbart. Deshalb hat das Gesetz bei uns kaum Auswirkungen gehabt." Die Firmenleitung habe schon lange vor der Bundesregierung handeln müssen. Der Grund: Fachkräftemangel. "Diese arbeitszeitliche Flexibilisierung wird von den Bewerbern wie auch der Belegschaft verlangt. Das sind ganz klare Forderungen, denen wir uns stellen müssen, weil wir sonst die qualifizierten Bewerber nicht bekommen."

"Geht nicht immer nur um das Gehalt"

Arbeitsminister Hubertus Heil spricht im Bundestag. | Bildquelle: AFP
galerie

Arbeitsminister Heil wirbt für die Brückenteilzeit.

Vor allem größere Unternehmen in Deutschland haben den Trend schon vor Jahren erkannt und umgesteuert. Sie wollen ihre Fachkräfte in der Firma halten oder neue in das Unternehmen locken. Laut ifo-Studie gewährten bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes ein knappes Fünftel der Firmen in Deutschland eine befristete Teilzeit. "Home-Office, die Digitalisierung und gerade die Ansprüche der jüngeren Arbeitnehmer in Bezug auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf verändern die Arbeitswelt. Diese Themen werden auch den Hochqualifizierten immer wichtiger. Es geht nicht immer nur um das Gehalt. Die Firmen müssen sich entsprechend aufstellen", erklärt Julia Schricker.

Der demografische Wandel und der sich verschärfende Fachkräftemangel dürften die Entwicklung in den nächsten Jahren noch beschleunigen. Zudem sei das Brückenteilzeitgesetz bislang kein Geschäftshemmnis für Unternehmen, urteilt das ifo-Institut. Zu größeren Neueinstellungen sei es infolge des Arbeitsausfalles nicht gekommen. Die Belegschaft gleiche in der Regel den Arbeitsausfall durch die Teilzeitbeschäftigten aus.

Politik hat noch viel zu tun  

Meininghaus hat den Termin um 9:00 Uhr geschafft und bis 14.30 Uhr auch alles abgearbeitet. Viel Zeit zum Ausruhen hat sie aber nicht. Am Nachmittag kümmert sie sich zuhause um ihre beiden Kinder. Trotz der Zeitnot ist die Personalerin mit ihrem derzeitigen Arbeitsmodell zufrieden.

Ihr Blick richtet sich aber schon auf das Ende ihrer Brückenteilzeit in knapp fünf Jahren. Dann sind beide Jungs in der Schule. Und genau das macht ihr Sorgen. "Was den Familien wirklich helfen würde, wären bessere Betreuungsmöglichkeiten am Nachmittag in der Schule. Die Politik sollte den Familien auch hier viel mehr Unterstützung anbieten." Mit diesem Satz verabschiedet sie sich. Ihr Jüngster wartet schon in der Kita.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. Januar 2020 um 15:00 Uhr.

Darstellung: