Windräder eines Offshore-Windparks in der Nordsee (Archivbild) | picture alliance / Ingo Wagner/d
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tagesthemen mittendrin Als Bremerhavens Hoffnung platzte

Stand: 08.12.2020 13:58 Uhr

In Bremerhaven sollte das Geschäft mit der erneuerbaren Energie die Stadt aus der Krise führen. Doch nach dem rasanten Aufschwung kam genauso schnell der Einbruch. Wie konnte das passieren?

Von Frido Essen, RB

Die Goldgräberstimmung von einst ist im Bremerhavener Fischereihafen längst verflogen. Für einige Jahre war das Areal der größte Windkraft-Produktionsstandort Deutschlands. In bis zu 500 Meter langen Hallen wurden Flügel, Turbinen und Fundamente im Akkord hergestellt. Selbst Parkplätze waren kurz vor den Schichtwechseln schwer zu kriegen, erinnert sich Alan Thomas Bruce.

Bruce hatte Anfang des Jahrtausends seinen alten Beruf aufgegeben, um auf Windenergie umzusatteln. Einen Zweifel darüber, in welcher Stadt er dem neuen Beruf nachgehen würde, gab es nie: Bremerhaven, das künftige El Dorado der Branche.

Bremerhaven gehört eigentlich zu den ärmsten Städten in Westdeutschland. Die Werftenkrise und damit auch das Wegbrechen anderer maritimer Industriezweige sowie das Ende der Hochseefischerei hatten für hohe Arbeitslosigkeit in der Stadt gesorgt. Anfang der 2000er-Jahre lag die Quote bei mehr als 16 Prozent. Doch die Stadt an der Außenweser erkannte damals die Zeichen der Zeit und setzte voll auf das Geschäft mit der erneuerbaren Energie. 

Wenn Bruce über die ersten Jahre des Booms spricht, leuchten seine Augen: "Als sich dann die Firmen hier angesiedelt haben, nach und nach, da hatten wir hier ein paar Jahre blühende Landschaften."

Alan Thomas Bruce | Radio Bremen

Alan Thomas Bruce arbeitete im Bereich Windenergie: "Ein paar Jahre blühende Landschaften." Bild: Radio Bremen

Eine Entwicklung wie beim Aktienkurs

Die großen Player hießen damals Weserwind, Powerblades und Senvion. Aus ganz Deutschland - vor allem aus dem Osten - strömten Menschen nach Bremerhaven, um ihr Glück in der Produktion von Windanlagen zu finden. Zu Spitzenzeiten arbeiteten mehr als 4000 Menschen in der neuen Branche. Angesichts immer neuer und größerer Windparks in Nord- und Ostsee glaubten damals viele, dass es immer weiter nach oben gehen würde. Was dann folgte, beschreibt Bruce, der es im Laufe der Zeit sogar zum Betriebsratsvorsitzenden von Powerblades gebracht hatte, so: "Das war genau wie ein Aktienkurs. Das ging steil hoch und stürzte dann noch steiler ab. Und das Ergebnis sieht man jetzt." Denn alle großen Firmen machten in wenigen Jahren dicht. Als erste erwischte es 2015 Weserwind, Powerblades folgte 2018 und Senvion schließlich Ende 2019.

Der ehemalige Senvion-Betriebsrat und gelernte Elektriker Rainer Könemann hat die Krisen hautnah erlebt. Für ihn sitzen die Hauptschuldigen für das Bremerhavener Dilemma in Berlin. "Die Bundespolitik hat sehr viel dazu beigetragen, dass wir hier die Produktion einstellen mussten."

Rainer Könemann | Radio Bremen

Für Rainer Könemann ist Berlin Schuld am Bremerhavener Dilemma. Bild: Radio Bremen

Anfang vom Ende

2013 deckelte die Bundesregierung erstmals die Windenergie. Man fürchtete, dass der Strompreis sonst unkontrolliert steigen würde. Dieser Beschluss sei der Anfang vom Ende der gewesen, sagt Könemann. Hinzu kam, dass die großen Unternehmen nicht rechtzeitig erkannten, dass ihre Produktionsmethoden nicht mehr auf der Höhe der Zeit waren und sie so immer mehr die Konkurrenzfähigkeit verloren. Außerdem gelang es Bremerhaven nicht, den Weltkonzern Siemens in die Stadt zu locken. Der entschied sich stattdessen 2015 für Cuxhaven als Produktionsstandort in Norddeutschland.

Dort seien die Bedingungen einfach besser, so der Konzern damals. Hauptgrund für die Entscheidung war wohl, dass es in Bremerhaven keinen Schwerlasthafen für Offshore-Technik gab. Darüber hatte die Landespolitik zwar jahrelang diskutiert, gebaut wurde er schließlich aber nicht. Cuxhaven dagegen konnte einen solchen Hafen anbieten. Seitdem Siemens vor Ort ist, hört man aus der Nachbarstadt von Bremerhaven eine Erfolgsmeldung nach der anderen.

Was nun Bremerhaven?

Und wie sieht es heute in Bremerhaven aus? Die großen Hallen stehen alle noch und sind auch noch gut in Schuss. Menschen trifft man in ihrer Umgebung aber kaum noch. Könemann und Bruce glauben nicht, dass in Bremerhaven jemals wieder große Windkraftanlagen produziert werden. Das sieht auch Doreen Arnold von der IG-Metall so.

Sie glaubt allerdings, so wie auch andere Fachleute, an eine andere Chance für die Stadt an der Weser: Sie sieht die Zukunft in Recycleanlagen oder auch Reparaturanlagen von alten Windrädern. "Ich glaube, da gibt es noch einen Markt, der jetzt auch nachgefragt wird." Immerhin: Die Bremer Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt von der Linkspartei hat schon angekündigt, dieses Vorhaben zu unterstützen.

Für Könemann und Bruce spielt das keine Rolle mehr. Sie fanden neue Jobs, die nichts mehr mit Windenergie zu tun haben. Bruce arbeitet jetzt als Personalverantwortlicher,  Könemann wieder als Elektriker.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 08. Dezember 2020 um 22:45 Uhr.