Polizisten führen bei einer Razzia gegen Menschenhandel in Berlin einen mutmaßlichen Schleuser ab.  | dpa

BKA-Bericht Mehr Verfahren wegen Menschenhandels

Stand: 28.09.2021 18:07 Uhr

In Deutschland ist die Zahl der polizeilichen Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels gestiegen. 2020 wurden 465 Verfahren abgeschlossen - 22,7 Prozent mehr als 2019. Auffällig ist laut BKA die Zunahme junger Opfer.

Zwangsprostitution, sexuelle Ausbeutung von Kindern und das kriminelle Ausnutzen von Arbeitskräften: Im Kampf gegen Menschenhandel und Ausbeutung hat die deutsche Polizei 2020 einen deutlichen Anstieg der Ermittlungsverfahren registriert. Im vergangenen Jahr seien 465 Verfahren unter anderem wegen Zwangsprostitution, sexueller Ausbeutung oder auch Zwangsheiraten abgeschlossen worden, teilte das Bundeskriminalamt (BKA) mit. Das Amt veröffentlichte das "Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung".

Im Vergleich zum Vorjahr sei dies eine Steigerung um 22,7 Prozent - und es müsse von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Schwerpunkt sei weiterhin das Vorgehen gegen sexuelle Ausbeutung mit 291 Verfahren wegen Zuhälterei oder Zwangsprostitution, auch wenn die Zahl unter dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre liegt. "Die Verfahren zeigen zudem, dass die Opfer immer jünger werden", berichtete das BKA.

Zunahme junger Opfer

Die Ausbeutung von Prostituierten und Zuhälterei sei über Jahre von der Zwangsprostitution vornehmlich osteuropäischer Frauen gekennzeichnet gewesen. Mit der Schließung von Bordellen und Bars in der Corona-Pandemie habe sich dies Geschehen in den Bereich Hotel- oder Hausbesuche verlagert. Insgesamt sei die Zahl der Delikte hier aber rückläufig, hieß es beim BKA.

Auffällig ist dem BKA zufolge die Zunahme junger Opfern. Insgesamt wurden in 178 Verfahren wegen kommerzieller sexueller Ausbeutung von Minderjährigen 251 Opfer ermittelt, fast 62 Prozent mehr als im Vorjahr. Darunter seien 204 junge Menschen zwischen 14 und 17 Jahren und 42 Personen unter 14 Jahren gewesen. Von fünf Opfern sei das genaue Alter unklar. 47 Opfer waren weiblich (59 Prozent), 102 männlich (41 Prozent) und zwei unbekannten Geschlechts.

Ermittelt wurde hier unter anderem wegen des Anbietens eines Kindes zum Missbrauch, wegen Missbrauchs für Kinderpornografie und der Vermittlung Minderjähriger für sexuelle Handlungen.

Neuer Trend: "Taschengeld-Treffen"

Der Kontakt zwischen Tätern und Minderjährigen sei auf unterschiedliche Weise zustande gekommen, bei jedem fünften Opfer sei dies über das Internet passiert. Auch hier sehen die Ermittler einen Zusammenhang mit der Pandemie. "Durch Einschränkungen wie Kita- oder Schulschließungen erhöhten sich die Tatgelegenheiten, gleichzeitig verringerten sich Aufdeckungsmöglichkeiten", hieß es im Lagebericht. Zudem dürften Kinder und Jugendliche selbst wohl deutlich mehr Zeit im Internet verbracht haben.

Als neuer Trend sei festgestellt worden, dass vornehmlich Minderjährige sexuelle Handlungen im Internet im Rahmen von "Taschengeld-Treffen" angeboten haben. Selbst wenn dies scheinbar aus freien Stücken geschehe und nicht von Dritten erzwungen sei, werde dies rechtlich als sexueller Missbrauch von Jugendlichen eingestuft, da die Kunden dieser Angebote im Regelfall volljährig seien.

Hohe Dunkelziffer vermutet

Zu den Fällen von Menschenhandel und Ausbeutung zählen aber nicht nur Sexualdelikte und Zwangsprostitution. Ein weiteres Feld ist die Zwangsheirat. Gab es 2019 lediglich zwei Verfahren, waren es ein Jahr später bereits 13. Das jüngste Opfer war zwölf Jahre alt. Ebenso wurden Menschen zum Betteln gezwungen oder wurden bei der Arbeit ausgebeutet.

Generell sei bei Straftaten in den Bereichen Menschenhandel und Ausbeutung von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, erklärte das BKA. Die Angaben der Fahnder basieren dem Lagebericht zufolge auf Meldungen der Landeskriminalämter, des BKA, der Bundespolizei sowie des Zolls zu den 2020 abgeschlossenen polizeilichen Verfahren mit Tatorten in Deutschland.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. November 2019 um 18:40 Uhr.