Oberkörper von Bischöfen in Roben, die ein Kreuz tragen | dpa
Analyse

Deutsche Bischofskonferenz Kaum versöhnbare Positionen

Stand: 26.09.2022 10:35 Uhr

Konservative Bischöfe ließen beim Synodalen Weg ein Dokument zur Sexualmoral scheitern. Nun soll der Eklat bei der Bischofskonferenz aufgearbeitet werden. Das wird angesichts der tiefen Gräben in der Kirche schwierig.

Eine Analyse von Klaus Hofmeister, HR

Der "Schock von Frankfurt" wirkt nach und überschattet die viertägige Herbsttagung der Deutschen Bischofskonferenz ab heute in Fulda: Beim Synodalen Weg Anfang September hatten die deutschen Bischöfe ein Grundsatzpapier zur Sexualmoral verhindert und damit für Entsetzen gesorgt - unter den Laien genauso wie bei reformorientierten Bischöfen rund um den Konferenzvorsitzenden Bischof Georg Bätzing.

Der Text sollte einen neuen Anfang markieren, die Diskriminierung Homosexueller beenden und Raum schaffen für queere Identitäten in der Kirche. 21 Nein-Stimmen aus dem Bischofslager verhinderten die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit und brachten damit das gemeinsame Reformprojekt von Bischöfen und Laien an den Rand des Scheiterns. Nie zuvor wurde deutlicher, wie tief gespalten die deutsche Bischofskonferenz ist.

Laien machen Druck

Dieser Eklat soll in Fulda aufgearbeitet werden. Vor allem damit sich so etwas bei der für März 2023 geplanten letzten Synodalversammlung nicht wiederholt.

Die Laien machen Druck: Das Präsidium des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (ZdK) erklärte ultimativ, man "erwarte" von der Bischofskonferenz jetzt eine "unmissverständliche Klarstellung" und "überprüfbare Handlungen, damit jede Form der Diskriminierung überwunden" werde. Die Kirche müsse für queere Menschen ein "sicherer Ort" sein. Der unduldsame, scharfe Ton, mit dem die Laienvertretung unter ihrer Präsidentin Irme Stetter-Karp Forderungen an die Bischöfe richtet, zeigt, dass der "Schock von Frankfurt" auch den Graben zwischen Laien und Bischöfen vertieft hat.

Die Erfurter Dogmatikprofessorin Julia Knop hatte damals kommentiert, den "Nein-Bischöfen" sei eine "unversehrte" kirchliche Lehre wichtiger als "kirchlich versehrte Menschen, die auf dieses Votum hin im selben Raum weinend zusammenbrachen".

Kritik an "Weihbischöfen"

Erschüttert hat das ZdK nicht nur "der Umgang mit queeren Menschen", sondern auch der "Mangel an Verantwortungsbereitschaft" der Bischöfe. Denn in der Debatte hätten sich die meisten Gegner des Textes nicht entsprechend geäußert. "Transparente Kommunikation und Dialogbereitschaft" seien aber unabdingbare Voraussetzung für Synodalität.

Die Kritik richtet sich vor allem an die Weihbischöfe, die in Reformfragen nur schwer einzuschätzen sind. Den 27 Bischöfen, die ein Bistum leiten, stehen insgesamt 42 so genannte Hilfsbischöfe zur Seite, die nicht so sehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen und deren Positionen oft unbekannt sind. Nach dem Eklat mit dem Sexualpapier erzwang die Synodenmehrheit bei allen relevanten Entscheidungen deshalb namentliche Abstimmungen, so dass nun die Reform-Positionierungen auch dieser Bischöfe nachvollziehbar sind.

Kaum versöhnbare Positionen

Dass die Gräben zwischen den reformfreudigen Bischöfen und den Reformverweigerern in Fulda überwunden werden, ist aber nicht zu erwarten. Der Passauer Bischof Stefan Oster nannte die Positionen "kaum mehr versöhnbar". Der Widerstand gegen das Reformprojekt Synodaler Weg formiert sich vor allem in den bayerischen Diözesen Regensburg (Bischof Voderholzer), Augsburg (Meier), Passau (Oster) und Eichstätt (Hanke), sowie in Köln rund um Kardinal Rainer Maria Woelki. Diese konservative Minderheit will die kirchliche Lehre "rein und unversehrt" erhalten, wie der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp erläuterte.

Reformen als "Kniefall"

Reformen werden als "Kniefall vor dem Zeitgeist" betrachtet. Dass alle Menschen von Gott geliebt sind und selbst so lieben dürfen, wie sie wollen, "in ihrer jeweiligen Identität und sexuellen Orientierung", gilt als "Bruch mit dem christlichen Menschenbild". Das binäre Weltbild der Bibel ("als Mann und Frau schuf Er sie") dürfe nicht einer Genderideologie geopfert werden.

Demgegenüber will eine Mehrheit der Bischöfe die kirchliche Lehre weiterentwickeln, etwa auch die volle Gleichberechtigung von Frauen in allen Ämtern erreichen. Für diese Bischöfe - unter ihnen maßgeblich die Bischöfe von Limburg (Bätzing), Osnabrück (Bode), Essen (Overbeck), München (Marx), Aachen (Dieser), Mainz (Kohlgraf), Trier (Ackermann) und Speyer (Wiesemann) sowie Hamburg (Heße) - sind die "Zeichen der Zeit" wichtige theologische Erkenntnisorte, nicht nur Bibel, Tradition und Lehramt. Wenn eine Lehre wie die Sexualmoral oder der Ausschluss von Frauen im "Volk Gottes" nicht mehr nachvollzogen wird, könne man das nicht einfach ignorieren. Der "Glaubenssinn der Gläubigen" habe theologische Relevanz.

Synodaler Weg darf nicht scheitern

Es ist nicht viel, was die Deutsche Bischofskonferenz angesichts dieser Gräben und den entsprechenden Grabenkämpfen zusammenhält. Am ehesten ist es noch die Einsicht, dass der Synodale Weg insgesamt nicht scheitern darf. Das wäre ein fatales Signal von Reformverweigerung und der Todesstoß für die in Deutschland im internationalen Vergleich beispielhafte Zusammenarbeit von Bischöfen und Laien.

Das andere, was die Bischöfe zusammenhält, ist die katholische Einheitsideologie. Selbst wenn der Bruch mit Händen zu greifen ist, bleibt die kirchliche Einheit ein höchster Wert. Der protestantische Weg der Aufsplitterung in die mehr als 300 verschiedenen Konfessionen im Weltkirchenrat, bleibt aus katholischer Sicht tabu.

Heikler Termin in Rom

In dieser Gemengelage steht nun im November ein heikler Termin in Rom an, der ebenfalls in Fulda vorbereitet werden soll: der "Ad-limina-Besuch". Dort sitzen die deutschen Bischöfe in großer Runde mit dem Papst und den Leitern der wichtigsten Zentralbehörden, den Dikasterien zusammen.

Und im Gepäck haben sie zwei Beschlüsse des Synodalen Weges, die die geltende katholische Lehre angreifen: Die Bitte an den Papst, die Homosexualität aus der Liste der schweren Sünden im Katechismus zu streichen. Und ein 32-seitiges Argumentationspapier, mit dem die Debatte um das Frauenpriestertum neu in Gang gebracht werden soll. Das Papier wischt alle Gründe für den Ausschluss von Frauen von Weiheämtern als nicht zwingend vom Tisch und bezweifelt auch, dass das von Papst Johannes Paul II. 1994 erlassene Diskussionsverbot zu dieser Frage verbindlich für die Kirche ist.

Wer unterbreitet es dem Papst?

Starker Tobak für römische Verhältnisse. In Fulda müssen die uneinigen Bischöfe nun abklären, wer das in welcher Form vorträgt und dem Papst unterbreitet. Und sicher werden die konservativen Bischöfe bei so einem Termin sich nicht davon abhalten lassen, dem Papst ihre Lehrtreue besonders deutlich zu machen und den ganzen Synodalen Weg als nationalen Irrweg der Deutschen zu kennzeichnen. Ein Narrativ, das - Martin Luther lässt grüßen - in Rom unter den Konservativen beliebt ist und entsprechend häufig strapaziert wird.

Die Herbstvollversammlung findet aus Pandemiegründen nicht wie üblich im Priesterseminar statt, sondern wieder im großen Saal des Fuldaer Stadtschlosses. Wie es die traditionelle Sitzordnung vorsieht, wird Bischof Bätzing, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, eingerahmt sein von den beiden Kardinälen Reinhard Marx aus München und Woelki aus Köln. Und der letztgenannte wird die Anwesenden durch seine schiere Präsenz daran erinnern, dass der Synodale Weg nicht die einzige Großbaustelle der Kirche ist.

Personalie Ackermann

Woelkis Umgang mit den Missbrauchsgutachten in der Erzdiözese gilt den meisten als Hauptgrund für die beispiellose Austrittswelle im Jahr 2021 (359.000 Austritte). Dass der Papst sein Rücktrittsgesuch bislang nicht entschieden hat, hängt vermutlich auch mit dem starken Rückhalt zusammen, den Woelki als Reformgegner im Synodalen Weg in römischen Kreisen genießt. Das kirchenpolitische Kalkül zur Stärkung dieses konservativen Schwergewichts in "deutschen Landen" scheint derzeit noch stärker zu sein als das in Rom ebenfalls vorhandene Wissen um seine Fehler bei der Missbrauchsaufarbeitung.

In Sachen Missbrauchsaufarbeitung wird in Fulda eine wichtige Personalie zu entscheiden sein: Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, will das Amt nach zwölf Jahren abgeben. Ob die damit verbundenen - von den meisten Bischöfen als undankbar angesehenen - Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt werden oder es einen einzigen Nachfolger gibt, ist wohl noch offen. Eine Bewerberschwemme für diesen Posten scheint es jedenfalls nicht zu geben.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 26. September 2022 um 11:20 Uhr.